Wenn grosse Museen klein aussehen:
JOSEPH CORNELL UND SEIN FREUND KUSAMA
Im Kunsthistorischen Museum in Wien, Teil 2

Yayoi Kusama: EIN MANN?

Vor zwei Wochen beschrieb ich (siehe den ersten Teil dieses Posts), wie in einer JOSEPH CORNELL-Ausstellung im Kunsthistorischen Museum in Wien letztes Jahr auf einer Schautafel mit biografischen Angaben zum Künstler die grosse, immer noch lebende japanische Künstlerin YAYOI KUSAMA (geb. 1929), welche mit Cornell während Jahren in New York amourös liiert war, als Mann bezeichnet wurde.

TATSÄCHLICH: als Mann

Seither habe ich mit verschiedenen kunstaffinen Wienern und Wienerinnen über die Sache gesprochen. Alle sahen hier bloss ein dummes, unglückliches Versehen („kann jedem passieren“), eine vernachlässigbare Mini-Lappalie am Werk – etwas jedenfalls, das sicher nicht lohne, weiter verfolgt zu werden.

Ich möchte dem widersprechen. Ich schilderte ja am Ende des genannten Posts meine (nicht alltägliche) Beziehung zu Flöhen. Als ich vor besagter Schautafel stand, huppfte mich jedenfalls einer an – und kratzt seither. Er ist zwar klein, das gebe ich zu. Doch Kratzen ist unangenehm, deshalb die Fortsetzung dieses Posts!

Ich bitte um Pardon.

Japanische Reaktionen?

Am Schluss dieses Eingangsbeitrags stellte ich die Frage, wie japanische Besucher der Ausstellung, so sie des Deutschen mächtig waren und die betreffende Information lasen, denn dies empfanden? Brachte es sie auf oder waren sie belustigt?

Kein Eklat, immerhin

Zu einem Eklat scheint es jedenfalls nicht gekommen zu sein. Ich habe nirgends in den Wiener Medien im letzten Jahr etwas über diese Sache gelesen. Ich habe auch nicht vernommen – Gott behüte! das wäre der WORST CASE gewesen! – dass der japanische Botschafter Österreichs eine geharnischte Protestnote beim zuständigen Kanzleramtsminister, bei Herrn Josef Ostermayer, derzeit  amtierenden Kulturminister Österreichs, eingereicht hätte.

(Der wäre ja dumm dran gewesen… Hätte Herr Cusama und Frau Kornell googeln müssen, wer mit wem, wie geht denn das?, usw.)

Nun, der Fall ist nicht eingetreten, Gott sei Dank, wie gesagt.

Der Gegenfall

Doch frage ich mich nun, was denn im gegenteiligen Falle geschehen wäre? Also: Es reisen österreichische Kunstfreunde oder Medienleute nach Japan und besuchen in einem dortigen Museum eine Ausstellung austriakischer Kunst. Dort steht zu lesen:

Maria Lassnig was a wonderful artist. He lived and painted in Vienna.

Doof als Fantasie? Was wäre denn in einschlägigen Wiener Gazetten losgegangen? Gelächter! – Doch klar. Weshalb nicht?

Maria Lassnig

Und noch besser ist die Frage, wie denn die Künstlerin, die mutige, die kämpferische, so sie heute noch leben würde, auf die Meldung einer japanischen Neuvergenderung (kann das man so sagen?) reagiert hätte?

Vielleicht hätte sie gekichert und sich gefreut! Sie hat ja in zig Interviews geschildert, wie sehr sie – vor allem in der Frühzeit ihrer Karriere – unter allzu sexistisch eingestellten Männern in der Kunstwelt zu leiden hatte. Jetzt wäre die Sache elegant gelöst: jetzt würde sie jedenfalls in Japan umstandslos als „seinesgleichen“ anerkannt!

Manchmal tut ja auch der Zufall sein Gutes.

Und dann wäre sie schnurrstracks an ein neues grossformatiges Bild gegangen, gehalten in zarten, trotzdem schreienden ROTWEISSEN Nippon/Austria-Farben: darauf sie, pardon: ER, in supermacho Pose, mit einem RIESENPHALLISUSHI in der Hand – und dem Titel darüber, in stolzen Lettern verkündend:

Me, new Austlian man in Tokio – vely vely stlong!

Denkbar.

Nun aber zurück nach Wien in die Joseph Cornell-Ausstellung!

Wie kam es, so fragte sich der pedantische Schweizer in mir, dass ein so (ja, echt: SOO) grosses Museum sich einen derartigen Schnitzer erlauben konnte?

Arbeiteten da nicht genügend Kuratorinnen und Assistentinnen? War ihnen plötzlich ein Sparzwang auf den Kopf gefallen, herunterverdonnert von irgendeinem unsensiblen Ministerium hoch oben?

DEN Eindruck hatte man eingentlich nicht, wenn man dieses Museum in den letzten Jahren besuchte.

So fragte ich mich denn unschuldigst:

Wieviele Leute arbeiteten denn hier überhaupt?

Der Floh war nun in seinem Element, ich spürte ihn – und eilte zur nächsten Kasse. Die junge Dame war sehr freundlich und hilfbereit.

Wieviele Angestellte hat denn ihr Riesenmuseum, fragte ich. Und um sie zu animieren, gab ich eine Schätzung von mir, die sie als zu hoch gegriffen empfand.

Das motivierte. Sie krallte sich die Maus und guckte in den Bildschirm. Um bald zu verkünden:

Das KHM hat 441,5 Angestellte

Huii! Das klang überzeugend! Eine halbe Stelle konnte nicht erfunden sein, das musste eine beamtisch beglaubigte Angabe sein.

Wie haben sie denn das rausgefunden?

Einfach, sagte sie: Sie rufen die hausinterne Webseite auf, gehen zum Bereich Geschäftsführung. Dort finden sie den letzten Geschäftsbericht des Museums, als PDF herunterladbar. Da steht alles Wissenswerte drin.

Oooh! Das ist aber ein Service! Hätt ich nicht erwartet, eine solche Transparenz in einem solchen Riesenpalazzo. Sehr löblich!

Die Zahl war ja gar nicht weit entfernt von meiner ersten Schätzung – was die nette Dame verblüffte. Handkehrum war ich jetzt – allerdings anderweitig – verblüfft:

Unter so vielen Angestellten war niemand, der einen solchen Fehler (Sie erinnern sich: siehe weiter oben) vor der Vernissage dieser sicherlich jahrelang generalstabmässigst, akribischtens vorbereiteten Ausstellung korrigieren konnte?

Meist war es doch so: In den letzten Tagen, in den letzten Stunden vor einer Eröffnung jagte man als motivierter Museumsmensch mit maximal geöffneten (leicht protuberienden) Argusaugen, mit einem letzten scharfen Laser-Kontrollblick durch die Säle und schaute, ob alles seine Stimmigkeit und Richtigkeit hatte.

Oder doch nicht? Jagte hier niemand?

Öööhh

Das konnte vermutlich, langweilig, aber banal, doch nur bedeuten: In diesem – auf Kunstkammer und Brueghel etc. spezialiserten – Riesenmuseum kannte niemand Yayoi Kusama! Traurig, provinziell, fundamental aber – trotzdem wahr.

Mit Ausnahme natürlich der Zweien, welche die Cornell-Ausstellung ausgerichtet, besser: am Cornell-Katalog mitgearbeitet hatten, also von Sabine Haag und Jasper Sharp. Die hätten es – als international versierte Museumsmenschen – sicherlich besser gewusst, waren aber als gefragte (eben: internationale) Topp-Koryphäen verständlicherweise nicht grad vor Ort, halt anderweitig beschäftigt: Für alles hat man ja keine Zeit!

WOFÜR HAT MAN SONST DENN SO VIELE ANGESTELLTE!?

Ja wirklich! Ich bitte Sie… man ist ja

Busy, busy

Womit wir wieder bei unserer Eingangsfrage
von vor zwei Wochen wären:

Ist Grösse immer vorteilhaft?

Bald, nun ja, fast: am Mittwoch, den 25. Mai geht es weiter mit diesem so tief- wie auf-, vielleicht besser: abschürfenden Post zu JOSEPH CORNELL UND SEIN FREUND KUSAMA.

Bleiben Sie uns TREUUU!

Kommentar(e) zu diesem Beitrag:

  1. Christina Thomas schreibt:

    es scheint wohl nicht so schlimm zu sein, wie bei der fußballspiel-moderation schalke 05 zu sagen…

  2. Helga Grumbach schreibt:

    alles recht easy im Ton ( hallo , Lektor , bitte kürzen ,damit Biss bleibt) .

    Mir fehlt der 1. Teil , bitte schicken . Danke . H.G.

  3. Eileen Kauffmann schreibt:

    Elle est marrante, cette puce!
    Salut l’homme aux puces!
    Eileen Kauffmann

  4. Manfred Cuny schreibt:

    Die Japaner sind (übrigens . . . ) sehr gut im Aussprechen von „R“s ! –
    Ich finde deine Beanstandung gar nicht so pedantisch. Ist doch wahr, das ist ein Schnitzer. – Er hat mich erinnert an die vielen E-Mails, die ich von einer freundlichen Person mit Namen „Tamae“ erhielt – damals vor meiner Japan-Reise, zu der ich eingeladen wurde, von einer Galerie, deren Sekretär (?) Tamae war. – Erst als ich ihm dann begegnete, begriff ich, wie passend dieser so schön weiblich klingende Name für sie ist . . .

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