BEST VIENNA SCHAUFENSTER
1. Folge

Im neunten Bezirk in Wien, Foto Piet Meyer, 31. Okt. 2016

Im neunten Gemeindebezirk in Wien, Foto Piet Meyer, 31. Okt. 2016

In Sachen Blog noch eine Mitteilung:

Da die Arbeit im Verlag leider nicht weniger, sondern eher mehr geworden ist,
muss ich den Rhythmus auf diesem Blog weiter verlangsamen.
Beiträge werden ab jetzt nur noch alle fünf Wochen,
auch jeweils am Mittwoch, erscheinen.

Der nächste Post also am:

14. Dezember

Bleiben Sie dem Blog trotzdem treu!
Vielen Dank!
Ihr Blogger Piet Meyer

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EINE BUCHHANDLUNG ALS DROGERIEMARKT
Morawa steht auf Zahnpasta

Es ist Sommer in Wien. Touristen im 1. Bezirk, wohin man schaut. Es ist warm. Die Buchhandlung MORAWA in der Wollzeile überrascht. Ein Schaufenster voller Zahnpasta. Im Hintergrund ein Buch über Zahnpflege – reihum zigfach ausgestellt, samt schreiendem Plakätchen:

Fensteransicht der Buchhandlung MORAWA in der Wollzeile 11 im 1. Bezrik in Wien (Foto: Dr. E. Wallnöfer, 31.7.2016)

Fensteransicht der Buchhandlung MORAWA in der Wollzeile 11 im 1. Bezirk in Wien (Foto: Dr. E. Wallnöfer, 31.7.2016)

Wer will denn ein solches Buch? Kriegt man da nicht schon aus Distanz Instant-Karies? Jedenfalls löst das irgendwie bissig-hässliche Buchcover in mir gleich ein gewisses Jucken und inneres Knirschen-Kreischen aus, ein Gefühl, das sich bald zu einem Schrillton auswächst, der mir bekannt vorkommt – der mich, ja GENAU!: an Zahnarztbesuche, Bohren und dgl. erinnert. Das muss intendiert sein.

Macht Lesen schlechte Luft?

Kriegt man schlechten Mundgeruch vom Lesen? Vielleicht von schlechten Büchern, ja. Von Krimis, die einem Sodbrennen, furchtbar Angst in einsamen Nächten zubereiten. Oder versauert man von zuviel Heidegger-Lektüre und anderen verquasten Autoren? Vielleicht quillt einem da heimtückisch der Pankreas auf, was natürlich schlechte Gase absondert. Sogenannte Heidegger-Luft. Was tun dagegen?

Für diesen üblen Fall gibt es heute doch an jeder Ecke diese riesigen Steriltempel, sogenannte Drogeriemärkte, die von sich (vollelmextauglich) behaupten, das man da endlich „ganz Mensch“ sein könne! Ganz gewiss, ganz Gebiss, vermutlich!

Immer wieder: „Mensch sein“: aber wie?

Alternativ kann man sich gegen ungustiöse Oralgerüche ja auch altmodisch mit einem Kaugummi wappnen. Oder eine Birne essen. Oder den Himmel staunend mit offenem Mund anschauen. Oder man geht saufen: spült mit Wein oder Schnaps nach. Wo ist das Problem? Muss da eine Buchhandlung abhelfen?

Fensteransicht der Buchhandlung MORAWA in der Wollzeile 11 im 1. Bezrik in Wien (Foto: Dr. E. Wallnöfer, 31.7.2016)

Fensteransicht der Buchhandlung MORAWA in der Wollzeile 11 im 1. Bezirk in Wien (Foto: Dr. E. Wallnöfer, 31.7.2016)

Ich bin altmodisch und deshalb ENTSETZT über soviel dreiste Markenwerbung – Werbung für Dinge, die nun wirklich weder von nah noch von fern mit Büchern, Literatur, mit Papier in jedwelcher Form zu tun haben: veranstaltet durch eine Buchhandlung, die sich dafür natürlich bezahlen lässt. Wieviel denn? Was soll das?

Und morgen: Weine, Seifen, Spaghetti im Schaufenster?

Und morgen? Werden wir da in den Schaufenstern Weinflaschen verschiedener Produzenten entdecken, samt Markenfibel irgendeines Önologen-Spezis, Spaghettisaucen plus Kochbuch, Seifen und Lavendelsäckchen mit einem Buch als Hintergrund über die duftende Provence? Was lässt sich da nicht alles vermarkten?

Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Achtung, liebe Buchhändlerinnen und Buchhändler: Da winken ihnen Boni, von denen sie sich bislang noch gar keine Vorstellung gemacht haben. Die moderne Markenwelt wartet auf sie!

Bücher als Schutz

Bücher (manchmal sogar BLOGS!) sind für mich auch ein Ort, wo ich, wenn ich Glück habe, zeitweilig Schutz finde vor der Blödheit, dem Irrsinn, der Dummheit und Dreistigkeit dieser Welt. Gute Bücher sind wie ein Dach, ein Regenschirm, unter den ich flüchte, wenn es wieder Dummheit regnet. Und das ist ja nicht selten der Fall. Genau deshalb gibt es – manchmal sogar gute – Bücher!


Deshalb sollte eine Buchhandlung ein Ort sein, wo man diesen möglichen Schutz schon etwas vorkosten kann. Dieses Schutzversprechen schon vorerleben kann.

Dann aber WILL ICH KEINE ZAHNPASTA SEHEN! Und schon gar keine dämlichen Zahnbürstchen, die ihre dummen behaarten Köpfchen keck-doof Richtung Gehsteig strecken.

Ach wie lustig, süss – und DOOF!

Da werde ich nämlich an meine Undisziplin, meinen Mundgeruch, meine schlechte Verdauung und Zahnhygiene erinnert. Basta, nicht hier, nicht in einer Buchhandlung. Da liegt wirklich ein fundamentales Missverständnis über die Funktion eines solchen Ortes vor.

Fensteransicht der Buchhandlung MORAWA in der Wollzeile 11 in Wien (Foto: Dr. E. Wallnöfer, 31.7.2016)

Fensteransicht der Buchhandlung MORAWA in der Wollzeile 11 in Wien (Foto: Dr. E. Wallnöfer, 31.7.2016)

Sie könnten fragen: Ja, gibt es denn das Gegenteil? Drogerien, die Bücher verkaufen? Und zwar nicht bloss Ratgeber, die angeben, welche Vitamine man bitteschön noch ausprobieren soll, wie man Klistiere zeitgemäss einführt…

Transportabler Selbst-Klistierapparat nach Giovanni

Transportabler Selbst-Klistierapparat nach Giovanni Alessandro Brambilla, 18. Jahrhundert, Medizinhistorisches Museum der Universität Zürich

das Verschlucken von Seife durch Kleinkinder verhindern hilft – und dglen Überlebenswichtiges?

Drogerien als Buchhandlungen

Ja, in Zürich kenne ich eine sehr schöne Drogerie-Apotheke: die Rigi Apotheke & Drogerie am Rigiplatz im Kreis 6. Sie führen auf sehr schmucke Weise an mehreren Wänden in ihrem Geschäft Handke, Poesie und andere Literatur.

Bücherwand in der Rigi Apotheke & Drogerie, Zürich, Kreis 6 (Foto Piet Meyer, 1. Nov. 2016)

Bücherwand in der Rigi Apotheke & Drogerie, Zürich, Kreis 6 (Foto Piet Meyer, 1. Nov. 2016)

Bücherwand in der Rigi Apotheke & Drogerie, Zürich, Kreis 6 (Foto Piet Meyer, 1. Nov. 2016)

Bücherwand in der Rigi Apotheke & Drogerie, Zürich, Kreis 6 (Foto Piet Meyer, 1. Nov. 2016)

Ich glaube, sie wissen dort, dass nicht nur Medikamente, Kräuter und Salben, sondern auch Geistiges und Sprachkunst heilen kann!

Die haben eine so schöne Webseite, dass ich – nach Elmex, Morawa & Co. – nicht davor zurückschrecke, hier noch einmal etwas Werbung zu machen. Ich bin an dieser Apotheke nicht beteiligt, habe keine ihrer Aktien, bin nicht verliebt in die Chefverkäuferin, mein Hundchen ist dort auch nicht gratis gesundgepflegt worden, oh Wunder oh Wunder – was immer. Ich steh einfach auf Klugheit und Schönheit. Und diese Webseite zeigt BEIDES!

Gucken Sie:

http://www.apotheke-rigi.ch

Da werden Sie mir sicher beipflichten.

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Kommentar(e) zu diesem Beitrag:

  1. Manfred Cuny schreibt:

    metapher

    schwierigst
    zu rasierende stoppeln
    stehen auf kanten
    zwischen senkrechten
    flächen der wangen
    und waagrechter fläche
    unter kiefer und kinn

    nur wenn
    ich mit der linken
    meine haut von diesen kanten weg
    nach oben ziehe
    kann ich mit der rechten
    solche stoppeln
    rasieren

    wofür
    diese stoppeln
    hier stehen
    ist mir
    nicht bekannt

    • Piet Meyer schreibt:

      Vielen Dank, lieber Manfred, für dieses Trostpflaster:
      Du schilderst eine Situation, in der sich „Drogerie“ und Kunst für einmal mit Sinn begegnen. Du siehst die Metapher dabei, die Frage, die sich dahinter verbirgt: nach dem grossen Warum.
      Herzlich aus Frankfurt aus der Buchmesse, wo man diese grosse Frage nach dem Warum auch manchmal stellen möchte: nicht ausgehend von den Flächen des Gesichts, sondern jenen der Stellwände voller Bücher, Piet

  2. Siegrid schreibt:

    Ich sag’s nicht per metapher, sondern in meiner einfachen Sprache !
    Im Zeitalter der Digitalisierung, wo wir auch bald in der Buchhandlung Verkaufsroboter haben werden, wundert mich ein Schaufenster in einer Buchhandlung voller „Zahnpastawerbung“ nicht mehr. Ich find’s auch geschmacklos. Deshalb danke für den Mut hinzuschauen und Deine Meinung zu sagen.

  3. Yasemin schreibt:

    Vielen Dank für deinen Beitrag! Ich kann dir nur zustimmen. Stell dir vor sie hätten ein Schaufenster mit dem Buch „Darm mit Charme“ gestaltet? Nicht auszudenken.

    • Piet Meyer schreibt:

      Liebe Yasemin! Oh weh! Du hast recht: Abführmittel, Kohletabletten, Magenbitter, Alka Setzer, eine Büchse „Merda“ von Manzoni… und wer weiss was noch! Ich habe das Buch ja nicht gelesen. Sonst käme ich wahrscheinlich auf eine noch längere, schlimmere Liste!?
      Ich grüsse Dich, Piet

ALBERTO GIACOMETTI:
Ohne jede Kontrolle

Zu einem Satz von André Breton: »Ohne jede Kontrolle…«, der sich findet in:

André Breton: "Manifeste du Surréalisme". Aux Éditions du Sagittaire, Paris, 1924, 6. Auflage

André Breton: „Manifeste du Surréalisme“. Aux Éditions du Sagittaire, Paris, 1924, 6. Auflage

»Ich bin der Meinung, daß dieser Satz von Breton
aus dem ersten Manifest des Surrealismus auch heute
noch und ganz besonders heute volle Gültigkeit besitzt.
Unser Tun ist nichts anderes als eine ständige Frage an
das Universum, das auch wir selbst sind. Für jeden von
uns ist die Welt eine Sphinx, vor der wir stehen, ein Leben
lang, eine Sphinx, die unser Leben lang vor uns steht und
die wir befragen. Wir können dies nur tun mit der
nicht nachlassenden, ja sogar körperlichen Aufmerksamkeit
unseres ganzen in gespannter Erwartung verharrenden
Wesens und indem wir in allen Bereichen so offen sind
wie nur möglich. Und wir nehmen auf, was wir hören,
oder auch, was wir zu hören glauben.

Man kann die Welt auch mit einem Kristall und
seinen zahllosen Facetten vergleichen. Je nach
Struktur und Position sieht jeder von uns ganz
bestimmte Facetten, bestimmte Facettenteile, und
das vom einzelnen geschaffene Bild, Gedicht oder
Objekt usw. ist nur die Wiedergabe dessen, was er sieht.
Selbstverständlich liegen alle von einer Gruppe von
Leuten zu einer bestimmten Zeit wahrgenommenen
Facetten sehr dicht beieinander und unterscheiden sich
allerhöchstens minimal in Winkel und Neigung.

Von weitem betrachtet, bilden sie nur eine einzige helle
Masse im Ver­hältnis zu den unzähligen anderen, die
in die Dunkelheit des Raumes gehüllt sind. Das,
was der einzelne hervorbringt, ist das exakte Abbild
dieses Unterschieds in Winkel und Position. Unsere
ganze Leidenschaft richtet sich einzig darauf, einen
neuen Schliff, einen neuen Raum, einen winzi­gen Teil
eines neuen Raumes zu entdecken, ihn im Halbschatten
zu entdecken, wo das Licht ihn nur eben streift.

Es ist die Sphinx, die von Zeit zu Zeit ein Wort
aus ihrem Rätsel sagt, und all diese Worte bilden gemeinsam
das menschliche Wissen. Und dieses Wissen ist ein winziger,
immerfort ruhelos flackernder Schimmer im dichten, schweren
Unbekannten, das uns umgibt, das uns berührt, das uns
durchdringt und einhüllt und uns erfüllt bis in den allerletzten
Winkel unserer selbst. Das zwanghafte Bedürfnis, die ewige
Frage zu kennen, ist uns angeboren wie eine jener tau­send
Bewegungen, die die Pflanze macht, um zu existieren.

Ich vermag beim besten Willen nicht den
geringsten Unterschied zwischen der Aktivität einer Pflanze
und der unseren zu erkennen. Ich glaube wirklich,
daß jegliches menschliche Tun nichts als eine Summe
von Bewegungen, von mechanischen, automatischen Reaktionen ist,
die so blind oder so wenig blind sind wie die Be­wegungen,
wie die Reaktionen eines Blattes oder
des allerwinzigsten Steinkrümelchens.

Daß wir uns für gewisse Dinge, und zwar eher für
diese als für irgendwelche anderen, inter­essieren, liegt
daran, daß unsere Beschaffenheit uns dazu zwingt
und wir gar nicht imstande wären, anders zu denken
oder zu handeln. Ebenso wenig wie wir uns unsere
Krankheiten oder die Länge unserer Beine aussuchen
können, können wir uns unsere Art zu denken aussuchen
oder die Art, uns auszudrücken. Und diese Manie, sich
ausdrücken zu wollen, ist wirklich durch und durch
vergleichbar mit dem Spiel der Fliegen auf der
gläsernen Kugel einer am Morgen gelöschten Lampe.«

ALBERTO GIACOMETTI – um 1929

Text von ca. 1929,
der dem Konvolut ”Carnets et feuilles« zugerechnet wird;
erstmals erschienen unter dem Titel »En dehors de tout contrôle…«
in: Alberto Giacometti: Écrits, présentés par Michel Leiris
et Jacques Dupin, Hermann, Paris 1990, S. 123–124:

Alberto Giacometti: "Écrits", présentés par Michel Leiris et Jacques Dupin, Hermann, Paris 1990

Alberto Giacometti: „Écrits“, présentés par Michel Leiris
et Jacques Dupin, Hermann, Paris 1990

dann erneut publiziert in:
Alberto Giacometti: Écrits: Articles, notes et entretiens.
Hermann, Paris 2007, S. 352–355:

Alberto Giacometti: "Écrits: Articles, notes et entretiens". Hermann, Paris 2007

Alberto Giacometti: „Écrits: Articles, notes et entretiens“.
Hermann, Paris 2007

Obige deutsche Übersetzung von Maria Hoffmann-Dartevelle,
erschienen erstmals in: Alberto Giacometti: Werke und Schriften.
Herausgegeben von Christoph Vitali, Schirn Kunsthalle Frankfurt,
Frankfurt, Scheidegger & Spiess, Zürich 1998, S. 204;
dann erneut in: Alberto Giacometti: Gestern, Flugsand, Schriften.
Mit einleitenden Texten von Michel Leiris und Jacques Dupin,
Scheidegger & Spiess, Zürich 1999, S. 154.

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SOMMERFERIEN

Es ist wahr:
Auch ein Blog braucht Ferien – und ein Blogger sowieso!
Deshalb:

Der Blog macht acht Wochen
SOMMERFERIEN!

Paul Cézanne: "Les grandes baigneuses", 1894–1905, (R 855), Öl auf Leinwand, 127,2 x 196,1 cm, The National Gallery, London

Paul Cézanne: „Les grandes baigneuses“, 1894–1905 (R 855), Öl auf Leinwand, 127,2 x 196,1 cm, The National Gallery, London

Ich wünsche allen Leserinnen und Leser einen superschönen, gesunden, fröhlichen, erfreulichen, erholsamen – einen SUPERSOMMER!
Mit Baden, Plauschen, Grillen, Freunden und Sonne.

Wir lesen uns wieder am
Mittwoch, 28. September.

Das ist eine schöne Weile hin.
Les grandes vacances!
– sagen die Franzosen.
… pour grandes baigneuses et grands baigneurs!
– sage ich – mit Cézanne.

Ich freue mich auf die Fortsetzung.
MACHEN SIE’S GUT!

Ihr Blogger
Piet Meyer

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