KUNST KANN NICHT „HELFEN“
Ein Beitrag von Manfred Cuny

Ich begrüsse den ersten Gast-Blogger!

Ich freue mich riesig. Manfred Cuny, der den hier unten folgenden Beitrag verfasst hat, ist auf dieser Blog-Plattform

DER ERSTE GAST-BLOGGER!

Welcome! Ich bitte alle Leserinnen und Leser um herzlichen Applaus: Welcome Manfred!

Ich kenne Manfred seit vielen Jahren – und zwar aus der Zeit, als ich noch in Basel lebte. Ich war der schlechteste Zeichner auf Erden – das ist keine Koketterie! In der Matura [in Deutschland sagt man Abitur], die ich in Basel vor urlanger Zeit an einem Bubengymnasium absolvierte, schloss ich als einziger des Jahrgangs (unter sieben Schulklassen) im Zeichnen mit einer ungenügenden Note ab.

Irgendwann vor ein paar Jahren dachte ich mir: Nun ja, das muss ja nicht ewig so bleiben. Schliesslich mag ich Kunst. Ich suchte also einen Kurs in Basel, zur Einführung, zum Zeichnenlernen: und fand Manfred.

Ich kann nur sagen: Wenn irgendjemand zwischen Wladiwostok und New York, zwischen San Francisco, Berlin, Wien und Rom das Gefühl haben sollte, er oder sie werde NIE zeichnen lernen, soll er oder sie nicht verzweifeln. Es gibt Abhilfe! Es gibt Manfred Cuny in Basel! Dann schlage ich vor, das der oder die Betreffende irgendwann, wenn es geht, Ferien in Basel macht, es gibt ja dort wunderbare Museen, wie jeder weiss, im Sommer Schwimmbäder und den Rhein zur Abkühlung, im Juni gar die ART, und vieles mehr. Und dann eben Manfred!

Kurz: Manfred Cuny ist ein absoluter Könner in seinem Fach, ein 1A-Lehrer.

Er ist aber zuerst und vor allem ein hervorragender Künstler: Maler und Bildhauer. Deshalb weiss er in seinem Unterricht so gut, worauf es ankommt.

Und dann schreibt er auch. Manchmal sogar Gedichte. Und kleine Texte zur Kunst, wie den folgenden, den er im Sommer 2015 verfasst und mir vor zwei Monaten für diese Plattform geschickt hat.

Der Hintergrund, der ihn zum Schreiben animiert hatte, ist klar: Die Flüchtlingsproblematik, die damals – im Spätsommer 2015 – mit unerhörter Wucht in Westeuropa losging.

Hier also die Reaktion eines mitdenkenden, mitfühlenden Menschen, der es sich mit Antworten nicht leicht machen will. Der sich als Künstler, weil er sich auch als Bürger versteht, vor gesellschaftlichen Fragen nicht drücken will.

Wie aber als Künstler auf politische, menschlich tragische Situationen reagieren?
Was kann der Beitrag eines Künstlers sein?
Was ist möglich, was nicht?

Welcome, nochmals!

Piet Meyer

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DER BEITRAG VON MANFRED CUNY:

Kunst kann nicht „helfen“

Kunst gibt etwas Eigenes, Neues, Zusätzliches, was ohne sie nicht gegeben werden könnte. Wenn nun gesagt wird, dass ein Kunstwerk – zum Beispiel – „dem Gedanken der Solidarität mit Flüchtlingen Ausdruck verleiht“, dann beruht eine solche Betrachtungsweise auf einem Missverständnis des Kunstwerks (oder sie bezieht sich auf ein künstlerisch schwaches Werk).

Honoré Daumier: "Les Fugitifs", ca. 38 x 48 cm, Kohlezeichnung auf Papier, Museum Oskar Reinhart, Winterthur

Honoré Daumier: „Les Fugitifs“, ca. 38 x 48 cm, Kohlezeichnung auf Papier, Museum Oskar Reinhart, Winterthur

Honoré Daumier (1808–1879) beispielsweise fühlte sich solidarisch mit Flüchtlingen und  malte – heute, nach 150 oder 160 Jahren, prophetisch wirkende – Bilder, die in sehr bewegender Weise veranschaulichen, dass insgeheim jeder Mensch ein Flüchtling ist.

Jedoch sieht man in ihnen den sprachlich fixierten, auch ohne Kunstwerk vorhandenen Begriff der „Solidarität mit Flüchtlingen“ aufgelöst zugunsten einer mittels Farbformen bewirkten Anschaulichkeit, die eine nur ihr erreichbare Ebene des Menschlichen berührt.

Honoré Daumier: "Les Fugitifs ou Les Émigrants", ca. 38 x 48 cm, Öl auf Leinwand, Minneapolis Institute of Arts

Honoré Daumier: „Les Fugitifs ou Les Émigrants“, ca. 38 x 48 cm, Öl auf Leinwand, Minneapolis Institute of Arts

Nicht aber vermag diese malerisch verwirklichte Bildhaftigkeit, bestimmte Gedankengänge, die schon vor der Bildgenese entwickelt wurden, hervorzurufen, falls diese nicht bereits im Betrachter präsent sind. Das Kunstwerk wurde nicht geschaffen, um im Betrachter „die richtigen“ Gedanken zu wecken, sondern es schenkt ihm Anschaulichkeitserlebnisse, die er, ohne das Werk, nie erleben könnte.

(Dies gilt auch für die Künstlerin selbst : Indem sie ihr Werk entstehen lässt, lässt sie es zu, in ihm Unerwartetem, Unbeabsichtigtem zu begegnen.)

Solches Bild-Erleben wirkt nicht auf der gedanklichen Ebene allein, sondern es bewegt auf verschiedenen Ebenen: Malerei und Skulptur sprechen auch das Körpergefühl (Tast- und Gleichgewichtssinn) an. Farbformen und Bildraumgestaltung wirken, durch die Augen der Betrachterin, auf ihr Herz ein, unvermittelt. Der dabei hervorzuhebende Punkt ist, dass durch das Werk Gedanken, Gemüt und Physis gleichzeitig berührt werden, das Werk sozusagen als „Gesamtpaket“ Wirkung entfaltet. Deshalb haben Gedanken, die Teil dieses Gesamtpakets sind, eine ganz andere (eine andere, nicht „bessere“) Qualität als solche, die im Umgang mit einem philosophischen Buch oder einem Zeitungsbericht gewonnen wurden.

Dieser Unterschied impliziert, dass bei einem Bildwerk nicht etwa die „Idee“ des Werks das an ihm „Wichtigste“ ist, sondern das Werk selbst ist das an ihm Entscheidende.

Das Kunstwerk präsentiert uns eine Gestaltung, die, zu einer Art von kleiner „Ganzheit“ gespannt, nicht mehr in ihre „Teile“ auseinanderdividiert werden kann. Selbst wenn es, symbolisch verschlüsselt, auch eine politische, soziologische oder ethische „Bedeutung“ enthält, so ist seine eigentliche, künstlerische Bedeutung immer nur in dem zu sehen, was an ihm zu sehen ist. Für ein Bildwerk ist nie entscheidend, was es nicht (oder was es „hintergründig“) zeigt, sondern es lebt allein durch seine unmittelbare Sichtbarkeit, d.h. Anschaulichkeit. (Rilke hat dies, bezogen auf Rodins Skulpturen, die „Oberflächlichkeit“ der Bildkunst genannt.)

Auch wenn zweifellos solche Anschaulichkeitserlebnisse geeignet sind, im Betrachter eine gewisse innere Beweglichkeit zu stärken, so werden doch jene, die sich vom Kunstwerk „Unterstützung“ erhoffen für ihre spezifischen, vor-formulierten Anliegen, letztlich von ihm enttäuscht sein, welches diese Art „direkter“ Hilfe weder bieten kann noch soll.

Honoré Daumier: "Les Émigrants", ca. 38 x 48 cm, Gipsrelief, Musée d’Orsay, Paris

Honoré Daumier: „Les Émigrants“, ca. 38 x 48 cm, Gipsrelief, Musée d’Orsay, Paris

Vielleicht liegt ja gerade in dieser Unfähigkeit des Kunstwerks, die wichtige Funktion einer Hilfe, einer Aussage, einer Aufklärung zu übernehmen, seine Stärke. Dadurch, dass es keine Meinung oder Botschaft enthält und keine „Haltung einnimmt“ – gerade dadurch spricht es von der Würde der Menschen!   Diese beruht ja weder auf der Funktionstüchtigkeit des Einzelnen, noch auf einer Parteinahme, mit der er allenfalls Wichtigkeit und Bedeutung innerhalb seines Umfelds zu erlangen hofft.

Honoré Daumier: "Les Fugitifs ou Les Émigrants", ca. 16 x 30 cm, Kohlezeichnung auf Papier, Musée du Petit Palais, Paris

Honoré Daumier: „Les Fugitifs ou Les Émigrants“, ca. 16 x 30 cm, Kohlezeichnung auf Papier, Musée du Petit Palais, Paris

Meines Erachtens ist die Tätigkeit eines Künstlers (resp. Schriftstellers) nicht ethisch motiviert. Ich glaube an eine umgekehrte, „indirekte“ Wirksamkeit der Kunst : Indem der Maler Gestaltungsmöglichkeiten, die sich ihm von innen her aufdrängen, ergreift und entfaltet, gibt er auch, unbewusst-spontan, seiner Art von Bezogenheit auf andere Menschen Ausdruck. Ebenso gibt der Schriftsteller mit der Gestaltung seiner Sprache preis, wieweit er sich als vielschichtig und verflochten erlebt.

Das muss genügen – denn, auf dieser Basis einer geglückten Gestaltung aufbauend, kann der Austausch zwischen Künstler und Betrachter (resp. Leser) in Gang kommen. Stellt hingegen der Künstler (s)ein „Anliegen“ – und sei es noch so nobel – in den Vordergrund, so blockiert gerade diese Absichtlichkeit die gemeinsame Bewegung hin zu einer besseren Welt.

Manfred Cuny, Maler, Bildhauer
manfredcuny@bluewin.ch

Kommentar(e) zu diesem Beitrag:

  1. Helga Grumbach schreibt:

    Danke . Sehr passend ,und in der Zurücknahme des Anspruchs einer annoncierten Wirksamkeit wohltuend ehrlich und tiefgründig .

    Das erstemal vor Guernica stehend, blieb , zu meiner Beunruhigung , jede Ergriffenheit aus , die sich doch bombastisch einstellen sollte ! Ich sah verrenkte Menschenkörper ,im Notschrei aufgerissene Münder , sich aufbäumende Pferdeleiber , ausdrucksvoll auf großer Leinwand. Emphatisch aber erreichte es mich nicht .
    Warum . Als deutlich visuellem Menschen , wenn ichs bedenke , erreichen mich aber ,- über stilles Lesen – , bedrängende -innere- Bilder , so stark , dass sich spontane Tränen mühsam abwehren lassen .
    Lieber Manfred Cuny , könnte es sein , dass innere Bilder visueller Menschen durch gemalte oder dank anderer Kunst-Techniken erstellte Katastrophenbilder quasi nicht getoppt werden können ? Sie bleiben fremd , weil die Seelenarbeit vom Künstler (- Ego ) schon erledigt wurde , bevor das eigene Ich Möglichkeit dazu bekam .
    Fotografien ausgenommen ; liegt Letzteres viell. daran , dass diese -im besten Falle- unverfälscht , un-uminterpretiert ( ! ) Reales vermitteln , das mein eigenes Gemüt direkt erarbeiten darf …..?

    mit freundlichem Gruß , Helga Grumbach

    • Manfred Cuny schreibt:

      Sie sagen es, liebe Frau Grumbach, mit Ihren Worten. Die „schon erledigte“ Arbeit ist der Punkt, ja. Das Vor-Fixierte. Der Maler hingegen malt jetzt etwas was erst jetzt entsteht.

  2. Helga Grumbach schreibt:

    wieso “ hingegen “ .
    Der Künstler( 2 ) ist gerade jener , der das Geschehene ( 1 ), “ erst jetzt entstehen lässt “ . Für den Betrachter aber als Drittem ist das obengenannt von Künstlerseite „Vor-Fixierte “ evtl. gar übergriffig zu nennen .

    Klarer : 1.) das Geschehen
    2.) ein Künstler-Ego reagiert auf seine Weise
    3.) der unvoreingenommene Betrachter wird manipuliert.

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