FRANK AUERBACH UND HANS JOSEPHSOHN
Parallelen: Ein Hinweis
Zum 85. Geburtstag von Frank Auerbach, Teil 3

Zurück, endlich, zu Frank Auerbach und Hans Josephsohn!
Zurück zum wundervollen Maler aus London,
und zurück zum leider schon verstorbenen,
starken Bildhauer aus Zürich!

Beides sind Künstler, die in ihren Heimatländern – in England und der Schweiz – über die Jahre stetig mehr Echo und Bewunderung erfahren haben. Und beide haben in ihrer Heimat – im Falle von Auerbach sogar in der weiteren angelsächsischen Welt (USA etc.) – eine stetig wachsende Anzahl begeisterter und treuer Sammler gefunden.

Das erlaubte beiden, die ja als junge deutsche Immigranten in ihren jeweiligen Ankunftsländern bei Wirklich-Null beginnen mussten, ihr Leben ganz der Kunst widmen zu können.

Gekannt haben sich die beiden Künstler nie. Mit grosser Wahrscheinlichkeit hatten sie auch kaum Kenntnis vom Werk des jeweils anderen.

Hans Josephsohn: "Kopf", 1956, Abguss in Messing, 46 x 31 x 36 cm; woie weitere Werke von ihm; Kesselhaus Josephsohn, 2004, St. Gallen

Hans Josephsohn: „Kopf“, 1956, Abguss in Messing, 46 x 31 x 36 cm; sowie weitere Werke von ihm; Kesselhaus Josephsohn, St. Gallen, 2004

Und trotzdem sehe ich – was ihr Werk, ihre Arbeitspraxis, ja ihre Lebensweise angeht – erstaunlich grosse Ähnlichkeiten zwischen ihnen.

Erste Parallelen

Erste Parallelen im Werkansatz habe ich auf diesem Blog am 11. Mai zu schildern versucht (siehe den betreffenden Beitrag hier). Von Interesse ist hier auch die Einleitung, die ich zuvor dazu verfasst hatte.

Hier möchte ich eine weitere Ähnlichkeit im Werkansatz der beiden Künstler beschreiben.

Frank Auerbach: "Nude on Bed II", 1963, Öl auf Leinwand, 51,4 × 51,4 cm, Privatsammlung; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Frank Auerbach: „Nude on Bed II“, 1963, Öl auf Leinwand, 51,4 × 51,4 cm, Privatsammlung; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Beide zeichnet nämlich – jeder in seinem Medium! – ein ausgeprägter Hang zum Non-Finito, richtiger: zu einem vermeintlichen Non-Finito aus. Die Tendenz also, gestalterisch im vermeintlich Unfertigen, ja Amorphen zu operieren.

Beide Künstler scheuen die klar und eindeutig konturierte, die klar erkennbare, klar lesbare Form. Beide meiden auch alles Glatte, Blanke, Kalte, Spiegelnde, bloss Oberflächenfixierte.

Hans Josephsohn: "Ohne Titel", Halbfigur, 2002, Abguss in Messing, 151 x 84 x 62 cm

Hans Josephsohn: „Ohne Titel“, Halbfigur, 2002, Abguss in Messing, 151 x 84 x 62 cm

Der markanteste Gegensatz zu ihnen in dieser Hinsicht würde heute vermutlich das Werk von Jeff Koons darstellen.

Da ich im erwähnten Beitrag des 11. Mai meine Ausführungen nummeriert hatte, fahre ich hier so weiter:

4.) Non-Finito

Ich habe in den erwähnten Erstteilen dieses Beitrags beschrieben, dass beide Künstler sich ein Leben lang auf fast obsessive Weise mit dem Menschenbild – der Figur des Menschen, einem alten, fast klassischen Thema also – auseinandergesetzt haben.

Doch haben sie diese Arbeit auf ganz unklassische Weise unternommen.

Frank Auerbach: "Head of Catherine Lampert", 2000, Öl auf Hartfaser, 61,3 × 50,8 cm, Privatsammlung; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Frank Auerbach: „Head of Catherine Lampert“, 2000, Öl auf Hartfaser, 61,3 × 50,8 cm, Privatsammlung; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Sie malträtierten nämlich eher dieses Menschenbild, als ihm (wie ein Aristide Maillol) Harmonie, göttliches Ebenbild oder Schönheit im klassischen Sinne abgewinnen zu wollen.

Sie beliessen den dargestellten Menschen oft in einer grobschlächtigen, grob-klumpigen, halb-amorphen Form. Die Aussenhäute, welche die Bilder von Frank Auerbach oder die Skulpturen von Hans Josephsohn  zeigen, sind immer offen, porös, schrundig, bröckelig und fragil. Nie, wie gesagt: glatt, hübsch, sauber, präzise geglättet.

Hans Josephsohn: "Stehende Figur, Untitled, (Grosser Arbeiter)", 1962/63, Bronze, 212 x 72 x 48,5 cm, Aargauer Kunsthaus, Aarau

Hans Josephsohn: „Stehende Figur, ohne Titel, (Grosser Arbeiter)“, 1962/63, Bronze, 212 x 72 x 48,5 cm, Aargauer Kunsthaus, Aarau

Die Figur wird bei diesen beiden Künstlern ins fast Unkenntliche gezogen. Persönliche Charakteristika, die Identität des oder der Dargestellten werden verwischt, in wesentlichen Teilen wie negiert: verkleistert, übermalt oder überknetet.

Wir dürfen ja nicht vergessen: Zu Beginn des Arbeitsprozesses war im Atelier noch eine konkrete Person vorhanden: Das konkrete Modell – sitzend, liegend oder stehend – das Modell, mit dem beide Künstler, wie sie öfters betont haben, immer arbeiten wollten oder mussten.

Frank Auerbach: "Julia",1988-89, Öl auf Leinwand, 81,3 × 81,3 cm, Privatsammlung; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Frank Auerbach: „Julia“,1988-89, Öl auf Leinwand, 81,3 × 81,3 cm, Privatsammlung; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Das aus der Konfrontation mit diesem Modell gewonnene Werk entfernte sich dann aber sofort – und weiter durch alle folgenden Werkphasen hindurch – von der konkreten Persönlichkeit des oder der Dargestellten. Dafür kam dann – so das Werk gelang – das Allgemeine, das Existentielle, die überpersönliche Präsenz hinter der betreffenden Person zum Vorschein.

Frank Auerbach: "Head of E. O. W. II", 1964, Öl auf Hartfaser, 35,6 × 27,9 cm, Privatsammlung, Marlborough Fine Art; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Frank Auerbach: „Head of E. O. W. II“, 1964, Öl auf Hartfaser, 35,6 × 27,9 cm, Privatsammlung, Marlborough Fine Art; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

„Auerbachs Frühwerk ist von kompositionell streng formulierten Bildern gekennzeichnet, die zähflüssige, krustige, mitunter deutlich dreidimensionale reliefhafte Oberflächen aufweisen. Das figurative Motiv baut sich kontinuerlich aus zahllosen Farbschichten auf, die während jeder Porträtsitzung von Neuem aufgetragen werden.“ (Hollaus, S. 14; zum genauen Literaturverweis siehe Teil 1 dieses Beitrags)

„Er [Auerbach] war auf der Suche nach einer schweren, skulpturalen, taktilen Form, dem exakten Gegenteil einer „optischen“ Farbe und einer gefälligen Klarheit des Profils, wie sie in den 1960er Jahren geschätzt wurden, von Kenneth Noland bis David Hockney. Darüber hinaus war Auerbach nicht nur unironisch – seine Malerei wies auch nur die Möglichkeit einer Distanzierung scharf zurück.“ (Robert Hughes zit. durch Hollaus, S. 46)

Frank Auerbach: "J. Y. M. in the Studio I, 1963, Öl auf Hartfaser, 94 × 68,6 cm, Privatsammlung, Marlborough Fine Art; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Frank Auerbach: „J. Y. M. in the Studio I“, 1963, Öl auf Hartfaser,
94 × 68,6 cm, Privatsammlung, Marlborough Fine Art; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

„Obgleich Auerbach an der physischen Anwesenheit des Modells während des Malakts festhält und das charakteristsiche Wesen der Person einzufangen sucht, scheint sich auf dem Bildträger auf den ersten Blick zumeist das völlige Gegenteil zu manifestieren.“ (Hollaus, S. 14)

Und ganz ähnlich schrieb vor Jahrzehnten der Basler Kunstjournalist Wolfgang Bessenich: „Hans Josephson macht aus dem Unfertigen sein Formprinzip“. (zit. in Du; zum Literaturhinweis siehe Teil 1 dieses Beitrags)

Hans Josephsohn: "Ohne titel", 1991, Abguss in Messing, 139 x 91 x 80 cm

Hans Josephsohn: „Ohne Titel“, 1991, Abguss in Messing, 139 x 91 x 80 cm

Und Stephan Kunz: „Das Unfertige als Ausdrucksmittel verbindet Josephsohn mit Alberto Giacometti.“ (Du)

Das Ziel solchen Schaffens?

„Löst sich der Refenzvergleich zugunsten einer vieldeutigen Evokation der Person in deren auratische, aktivierte Energie auf oder wird hier Malerei in ein Energiefeld „reiner“ Malerei transformiert?“ (Hollaus, S. 15)

5.) Langsames Sich-Erschliessen des Werkes

Ein solches Werk – ob von Auerbach oder Josephsohn – muss als sperrig bezeichnet werden. Logisch deshalb, dass man sich ihm nur langsam und aufmerksam, wie auf Katzenpfoten: still, gesammelt und konzentriert nähern muss.

„Seine [Josephsohns] Arbeit ist nicht sofort zugänglich, man muss sich darauf einlassen, das braucht Zeit.“ (Ulrich Meinherz im Gespräch mit Oliver Prange, Du, S. 46)

Echtes Sehen

Rasches Hingucken, wie es heute zum Beispiel auf Kunstmessen oder Biennalen mit ihren Tausenden von sich drängenden Besuchern üblich und schmuck ist, kann hier nicht genügen.

Vor Auerbach und Josephsohn ist – wie früher vor grosser Kunst – langes Sehen, wirkliches Hinschauen gefordert. Dies erfahren viele Menschen in unserer so bildersüchtigen wie schnelllebigen Zeit als Herausforderung – und als Genuss! Als Einladung zu Meditation.

Denn es erschliesst sich, wenn man die notwendige Zeit und Anstrengung mitbringt, die reiche, zu Beginn ganz unscheinbare Nüancenwelt der Oberflächen. Und man beginnt darunter auch die innere Struktur, Stringenz und Logik der gemalten oder plastisch gestalteten Form zu entdecken.

Und erfährt so, wenn man Glück hat, bzw. wirklich rezeptiv und offen ist, das wie Urzeitliche, Uralte, Zeitlose, das von diesen Werken ausgeht. Etwas Urmenschliches, tief Verbindendes, Verbindliches – vielleicht gar Kosmologisches.

Das ist schön.

Nach den bald anstehenden Sommerferien machen wir mit diesem Auerbach/Josephsohn-Beitrag am Mittwoch, 26. Oktober, weiter.

Alles Gute, bis dann!

Kommentar(e) zu diesem Beitrag:

  1. Manfred Cuny schreibt:

    Lieber Piet,
    Die Frage, was „non-finito“-Aspekte in der Bildkunst beinhalten – Frage, die du hier oben indirekt stellst – ist interessant.

    „Angefangen“ hat damit ja Michelangelo, der bei zwei seiner Medici-Grab-Figuren in Florenz die Köpfe absichtlich „unvollendet“ liess, als Kontrast zu den „vollendeten“ Teilen. Dann hat – um nur ein weiteres Beispiel aus der Kunstgeschichte zu nennen – Tizian im Alter einen Stil entwickelt, mit dem er dann eigene Kompositionen, die er früher „vollendet“ gemalt hatte, nochmals in „offener, unvollendeter“ Malweise gemalt.
    Daran hat Rembrandt angeknüpft, ihm folgend Fragonard, Delacroix . . . in der Skulptur hat erst Rodin Michelangelos Anregungen aufgenommen.

    Offenbar dient das „Unvollendete“ dazu, die enge Verbindung (bis zur gegenseitigen Durchdringung ) zwischen Figur und Umgebung zu veranschaulichen. Wir atmen die Luft um uns ein, tief in unsere Lungen: so gesehen ist die Grenze zwischen Figur und Umraum nicht gänzlich exakt bestimmbar. Auerbach und Josephsohn zeigen somit erneut diesen Aspekt der Wirklichkeit, der mit „vollendeten“ Mitteln nicht zu zeigen wäre.
    Herzliche Grüsse
    Manfred

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