FRANK AUERBACH UND HANS JOSEPHSOHN
Parallelen: Ein Hinweis
Zum 85. Geburtstag von Frank Auerbach, Teil 2

Vor zwei Wochen

Vor zwei Wochen erwähnte ich, dass mir, als ich ein altes Du-Heft durchblätterte, erstaunliche Parallelen zwischen Frank Auerbach und Hans Josephsohn aufgefallen waren (siehe den ersten Teil dieses Beitrags).

Diese beiden Künstler sind, soweit ich weiss, in der Fachliteratur nie nebeneinander gestellt, ihr Werk nie miteinander verglichen worden. Das ist seltsam.

Hans Josephsohn: "Relief, ohne Titel", um 1999, Bronze, 103 x 73 x 36 cm

Hans Josephsohn: „Relief, ohne Titel“, um 1999, Bronze, 103 x 73 x 36 cm

Denn die Parallelen sind in meinen Augen stark. Sie betreffen nicht nur das Werk, das die beiden über die Dauer von sechs Jahrzehnten geschaffen haben. Sie finden sich auch, wenn man die Arbeitspraxis der beiden, ja ihr gesamtes Leben betrachtet.

In diesem Teil 2 wie im folgenden Teil 3 dieses Beitrags sollen die Werkähnlichkeiten zur Sprache kommen. In den Teilen 4 und 5 werden dann die Verwandtschaften im Bereich der Arbeits- und Lebensweise ins Visier genommen.

Frank Auerbach: "Head of David Landau", 2005–2006, Öl auf Leinwand, 61,3 x 56,5 cm, Privatsammlung, Marlborough Fine Art; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Frank Auerbach: „Head of David Landau“, 2005–2006, Öl auf Leinwand, 61,3 x 56,5 cm, Privatsammlung, Marlborough Fine Art; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Da dies ein Blog – und kein Buch – ist, machen lange Beiträge keinen Sinn. Man muss kurz sein. Das ist aber schwierig.

Schwierige Kürze

Denn es geht hier schliesslich um das Werk, das zwei Menschen mit der grössten Ernsthaftigkeit und Konzentration, die ihnen zu Gebote stand, durch ein langes Leben hindurch geschaffen haben. Wie soll man da huschihusch darüber reden? Parallelen ziehen!? Die Gefahr ist, unsensibel, verfälschend und oberflächlich zu sein, indem man mit allzu grob und schnell gezimmerten Begriffsschubladen, eine Strichelliste vor Augen, behauptete Parallelitäten im Schnelldurchgang belegen will. Grössere Behutsamkeit und Langsamkeit wäre angesagt. Das aber würde mehr Platz erfordern.

Blick in das Atelier von Hans Josephsohn mit seinen Werken in Gips, Zürichbergtrasse, Zürich, um 1961

Blick in das Atelier von Hans Josephsohn mit Werken in Gips, Zürichbergtrasse, Zürich, um 1961

Ich will den Versuch zur Kürze trotzdem wagen. Mein Trost ist:

Mögliche Bücher

Wer interessiert ist, kann Bibliotheken aufsuchen und sich in die Materie selber vertiefen. Er oder sie mag am Schluss sogar ein Buch über die hier angesprochenen Dinge schreiben und dabei die Verweise vertiefen, Querbeziehungen zu anderen, hier nicht genannten Künstlerinnen und Künstlern finden – diese gibt es, und es wäre sicherlich interessant, solchen Fährten nachzugehen.

Frank Auerbach: "ParkVillageEast–Autumn,1998,ÖlaufLeinwand,127,9×153cm, Privatsammlung; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Frank Auerbach: „Park Village East–Autumn“,1998, Öl auf Leinwand, 127,9×153cm, Privatsammlung; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Üben wir uns also in Kürze – und beginnen, wie versprochen, mit einigen wichtigen Ähnlichkeiten im Werkansatz der beiden Künstler.

DIE ÄHNLICHKEITEN

1.) Das Menschenbild als Obsession

Beide Künstler haben sich mit aussergewöhnlicher Insistenz, Hartnäckigkeit und Konzentration ein Leben lang fast ausschliesslich mit der Figur des Menschen beschäftigt. Andere Themen sind in ihrem Werk kaum – und wenn überhaupt, nur sehr selten – anzutreffen.

Hans Josephsohn: "Kopf, ohne Titel, (Alte italienische Frau)", 1955–57, Bronze, 46 x 32 x 39 cm

Hans Josephsohn: „Kopf, ohne Titel, (alte italienische Frau)“, 1955–57, Bronze, 46 x 32 x 39 cm

„Gemeinsam mit seinen Malerkollegen Francis Bacon oder Lucian Freud hat sich der 1931 in Berlin geborene und seit 1939 in England lebende Auerbach – neben Stadtansichten seiner unmittelbaren Umgebung im Norden von London [siehe Abbildung zum Auerbach-Werk „Park Village East–Autumn“ hier weiter oben] – bedingungslos der Wahrnehmung und den Darstellungsmöglichkeiten des menschlichen Körpers verschrieben, die er in rund 60 Schaffensjahren an einer überschaubaren Anzahl verschiedener Modelle in aufeinanderfolgenden Portraits festhält.“ (Invar-Torre Hollaus: Frank Auerbach, Piet Meyer Verlag, Bern/Wien 2016, S. 11; im folgenden „Hollaus“).

Frank Auerbach: "Portrait of Sandra", 1973–1974, Kohle und Kreide auf Papier, 81,3 × 55,9 cm, Privatsammlung, Marlborough Fine Art; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Frank Auerbach: „Portrait of Sandra“, 1973–1974, Kohle und Kreide auf Papier, 81,3 × 55,9 cm, Privatsammlung, Marlborough Fine Art; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

„Er [Auerbach] ist mit Giacometti in seiner Unnachgiebigkeit, in seinem instistierend (…) bohrenden Wunsch, durch die blosse Hartnäckigkeit der Zeichnung eine klassische Ordnung im Aufruhr visuellen Eindrucks zurück zu gewinnen, verwandt. (…) Die Dichte ist (bei ihm) eine Form der Realismus.“ (Robert Hughes zit. durch Hollaus, S. 46)

Diese herausragende Fokussierung auf das Menschenbild gilt auch für Hans Josephsohn.

Hans Josephsohn in seinem ersten Atelier an der Bergstrasse in Zürich, um 1944/45

Hans Josephsohn in seinem ersten Atelier an der Bergstrasse in Zürich, um 1944/45

„Josephsohn machte von Anfang an deutlich, dass es ihm stets um den Bezug zur menschlichen Figur ging. Damit stellte er sich in eine grosse Kunstgeschichte, jenseits der Bestrebungen der Moderne und unabhängig vom Zeitgeist. In Zürich [wo Josephsohn lebte], der Hochburg der Konkreten, und in einer Zeit, als die Ungegenständlichkeit Hochkonjunktur feierte, blieb er ein Einzelgänger.

Mit Alberto Giacometti vergleicht man ihn nicht wegen formaler Ähnlichkeiten, sondern wegen seiner Beharrlichkeit und seines Insistierens auf der Notwendigkeit, nach dem zeitgemässen Bild vom Menschen zu suchen.“ (Stephan Kunz, in Du, Mai 2015, im Hans Josephsohn gewidmeten Du-Heft, S. 20; im folgenden „Du“)

In der ausführlichen Monografie, die Gerhard Mack diesem Künstler gewidmet hat (Hans Josephsohn, Scheidegger & Spiess, Zürich 2005) – einem sehr guten Buch, bin ich nur sehr wenigen Werken begegnet, auf denen nicht bloss Menschen, sondern – wie in der hier folgenden Abbildung – Häuser (oder manchmal Vögel) dargestellt sind:

Hans Josephsohn: "Relief, ohne Titel, (Figur und Häuser)", 1950–52, Bronze, 140 x 115 x 15 cm

Hans Josephsohn: „Relief, ohne Titel, (Figur und Häuser)“, 1950–52, Bronze, 140 x 115 x 15 cm

Im Grossen und Ganzen gilt auch für ihn die Monothematik:

„Das finde ich immer noch beeindruckend, dass jemand [wie Josephsohn] über sechzig Jahre der gleichen Frage nachgeht, nämlich der nach der bildhauerischen Umsetzung der menschlichen Figur als Skulptur.“ (Ulrich Meinherz im Gespräch mit Oliver Prange, Du, S. 46–47)

Kunstkritiker haben, wie wir gesehen haben, vor dem Werk dieser beiden Künstler oft auf den späten Alberto Giacometti verwiesen – mit gutem Grund. Der Verweis auf den jeweils anderen Kollegen, den ich hier nenne (Auerbach für Josephsohn und umgekehrt), ist jedoch unterblieben.

2.) Beschränkung auf wenige Modelle

Das Zitat von Hollaus sagte es: Frank Auerbach hat sein Leben lang mit relativ wenigen Modellen gearbeitet.

Frank Auerbach: "Reclining Head of Julia II", 1997, Acryl auf Hartfaser, 56,2 × 68,6 cm, Privatsammlung, Marlborough Fine Art; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Frank Auerbach: „Reclining Head of Julia II“, 1997, Acryl auf Hartfaser, 56,2 × 68,6 cm, Privatsammlung, Marlborough Fine Art; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

„Ausser Auerbach arbeitet wohl kein Künstler im 20. und frühen 21. Jahrhundert in einer derartigen Regelmässigkeit und Beharrlichkeit über einen derart langen Zeitraum mit immer denselben Modellen.“ (Hollaus, S. 119–20)

So sass Catherine Lampert, die sehr begabte britische Kunstkritikerin und Kuratorin, ihrem Freund Auerbach über 40 Jahre lang regelmässig für Porträtarbeiten. Ihr Fall ist insofern interessant, als sie aus der Kenntnis, die sie in dieser langen Zeit der Begegnungen und Gespräche mit ihm gewonnen hat, verschiedene hochkarätige Ausstellungen, Kataloge und Bücher über ihn produziert hat.

Zuletzt die bedeutende Auerbach-Ausstellung in der Tate Britain (9. Oktober 2015–13. März 2016), die vorher im Kunstmuseum in Bonn (4. Juni – 13. September 2015) zu sehen war. Zu dieser gewichtigen Ausstellung hat Lampert auch den Katalog vorgelegt.

Diese Konzentration auf wenige Modelle galt zeit seines Lebens auch für Hans Josephsohn.

Hans Josephsohn: "Stehende", 1954, Gips, 82 x 24 x 20 cm

Hans Josephsohn: „Stehende“, 1954, Gips, 82 x 24 x 20 cm

„Er [Josephsohn] ging für alle seine Figuren von einem Modell aus –, also von einem persönlichen Gegenüber, der Impuls für eine Skultpur kam immer von einer realen Person, wie sie im Raum steht – auch wenn er schliesslich keine Porträts im eigentlichen Sinne gemacht hat.

Es ging ihm viel allgemeiner um das Dasein des Menschen, und er übersetzte das in eine Skulptur – in einer bildhauerischen Sprache, die gewissermassen parallel zur Realität funktioniert.“ (Ulrich Meinherz im Gespräch mit Oliver Prange, Du, S. 46)

Es fällt auf, dass beide Künstler bei der Wahl ihrer Modelle/Sitters recht ähnlich vorgingen: Sie wählten Freunde, Bekannte oder sonst Menschen aus, die sie schon länger kannten, denen sie vertrauen konnten und die sie deshalb gerne in ihrem Atelier – einem für sie sehr privaten, unbedingt schützenswerten Bezirk – um sich haben wollten.

Konsequenzen

Die Beschränkung auf wenige Modelle hatte Konsequenzen:

a) Die geringe Anzahl eingeladener Modelle bewirkte, dass über die Jahre zahlreiche Werke ausgehend von einem einzigen Modell geschaffen worden sind.

Frank Auerbach: "Reclining Head of Julia II, 2001, Bleistift und Grafit auf Papier, 57,3 × 75,6 cm, Privatsammlung; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Frank Auerbach: „Reclining Head of Julia II, 2001, Bleistift und Grafit auf Papier, 57,3 × 75,6 cm, Privatsammlung; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Eine Qualität des Auerbach-Buches von Invar-Torre Hollaus ist, dass er alle Porträtgruppen von Auerbach zusammengestellt und mit Abbildungen versehen und auf ihre Spezifika hin analysiert hat (siehe sein Kapitel „Die Modelle (»Sitters«)“ ab Seite 119 seines Buches).

b) Die Beziehungen, die sich über die Jahre zwischen Künstler und Modell entwickelt haben, gewannen über die lange Dauer an Tiefe, Intimität und stillem Einverständnis. Manche Modelle haben von der für sie beglückenden oder, im Gegenteil, manchmal ermüdenden oder verstörenden Erfahrung berichtet, dem Künstler sitzen zu dürfen.

Ein Beispiel:

David Landau, der Auerbach seit 1982 als Modell diente, und von dem ich hier oben (als zweite Abbildung in diesem Teil) ein Porträtbild von 2005/06 zeige, berichtet:

„Wenn ich Glück habe, spüre ich seinen steigenden Enthusiasmus und er beginnt mit sich selbst zu reden: ‚Don’t do that … Don’t do that.‘ Dann versuche ich so flat, so ruhig zu werden wie eine Flasche von Morandi. Ich würde dann am liebsten gar nicht existieren.“ (zit. durch Hollaus, S. 141)

Man könnte vermutlich ein schönes Buch zusammenstellen mit Zitaten von Menschen, die sich Künstlern oder Künstlerinnen in den letzten Jahrhunderten als Modell zur Verfügung gestellt haben. Ein solches Buch – von der Renaissance bis heute gehend – ist mir nicht bekannt.

3.) Beschränkung auf Einzelportraits – kaum Gruppenportraits – kleine Anzahl von Selbstporträts

Beide Künstler haben sich in der Regel auf Einzelporträts beschränkt, also keine Gruppenporträts produziert.

Hans Josephsohn: "Stehende Figur, ohne Titel (Eleonora), um 1955, Gips, 73 x 23 x 20,5 cm

Hans Josephsohn: „Stehende Figur, ohne Titel, (Eleonora)“, um 1955, Gips, 73 x 23 x 20,5 cm

Und sie haben – etwa im Vergleich zu Rembrandt – vergleichsweise wenig Selbstporträts gezeichnet, gemalt oder modelliert. Hier eines der wenigen Gegenbeispiele von Auerbach:

Frank Auerbach: "Self-Portrait", 1973–1974, Kohle und Kreide auf Papier, 81,3 × 55,9 cm, Privatsammlung, Marlborough Fine Art; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Frank Auerbach: „Self-Portrait“, 1973–1974, Kohle und Kreide auf Papier, 81,3 × 55,9 cm, Privatsammlung, Marlborough Fine Art; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

In acht Wochen, am Mittwoch, 6. Juli, werde ich auf eine weitere, in meinen Augen: zentrale Parallele im Werk dieser beiden Künstlern zu sprechen kommen.

BLEIBEN SIE AUERBACH, JOSEPHSOHN UND DIESEM BLOGGER TREU!

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