FRANK AUERBACH UND HANS JOSEPHSOHN
Parallelen: Ein Hinweis
Zum 85. Geburtstag von Frank Auerbach

Spieglein, Spieglein an der Wand

Frank Auerbach in seinem Atelier, 1955, unbekannter Fotograf; mit freundlicher Genehmigung von Marl- borough Fine Art, London

Frank Auerbach in seinem Atelier, 1955, unbekannter Fotograf; mit freundlicher Genehmigung von Marlborough Fine Art, London

In Hardcore-Kreisen der Kunstwissenschaft ist es verpönt, vom Leben auf die Kunst schliessen zu wollen: Mit Hilfe der Vita einer Künstlerin oder eines Künstlers irgendetwas Tiefergehendes über deren Werk aussagen zu wollen.

Nach dieser puristischen Anschauung erscheint Kunst wie aus sich selbst, ganz pur, ganz unbefleckt vom banal-irdenen Menschenleben entstanden zu sein – sie, die hohe, hehre, so überzeitlich und gross vor uns stehende Kunst.

Frank Auerbach: "Head of Jake", 2009–2010, Grafit, Kohle und Kreide auf Papier, 76 × 58 cm, Privatsammlung; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Frank Auerbach: „Head of Jake“, 2009–2010, Grafit, Kohle und Kreide auf Papier, 76 × 58 cm, Privatsammlung; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Ein solcher Ansatz kann in meinen Augen nur einseitig sein. Kunst wird schliesslich von Menschen gemacht. Schwer vorstellbar, bei einem solchen Theorieansatz müsse der Weisheit letzter Schluss liegen.

Frank Auerbach: "Self-Portrait", 2012, Grafit und Kreide auf Papier, 58,4 × 78,1 cm, Privatsammlung; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Frank Auerbach: „Self-Portrait“, 2012, Grafit und Kreide auf Papier, 58,4 × 78,1 cm, Privatsammlung; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Aber auch das Gegenteil führt schnell zu unbefriedigenden Ergebnissen: Das Werk einer Künstlerin, eines Künstlers aus ihrer/seiner Vita – oder aus Elementen dieses Lebens – mehr oder weniger direkt kausal ableiten zu wollen, ihre Kunst so quasi „erklären“ zu wollen, kann nur – im wahrsten Sinne des Wortes – verkürzend und deshalb verfälschend sein.

Denn das Kunstwerk mit seiner ihm ganz spezifisch innewohnenden Logik, seiner inneren Kraft und Spannung, seinem Innenleben und Geheimnis, seiner Aura und Magie wird bei solchem Tun in seiner Integrität aussenvor gelassen. Das Werk wird nur als aussagekräftiges Dokument, als „Fakt“ gesehen, als Zeugnis oder, im schlimmsten Fall gar als Symptom behandelt, das sich damit zu begnügen hat, über etwas anderes auszusagen.

Eine solche Vorgehensweise, reduktionistisch und letztlich unsensibel, hat etwas von Missbrauch: Kunst wird hier zu einem anderen Zweck eingesetzt als sie der Künstler oder die Künstlerin geschaffen hat.

Kein Wunder, dass echte Kunstfreunde hier oft mit Zorn reagieren.

Und doch, so einfach ist die Sache nicht!

Die Sache ist aber, wie das Leben, so vertrackt, dass wir sie hier – nicht unähnlich einer heissen Kartoffel – gleich wieder fallenlassen und nicht weiter verfolgen wollen. Die Chance, sich damit die Finger zu verbrennen, ist – autsch! – echt recht gross.

An diese schwierige Debatte wollte ich hier aber trotzdem kurz erinnern. Denn wir wollen uns im Folgenden einem Künstler, Frank Auerbach zuwenden, vor dem viele Kunstkritiker in den letzten Jahrzehnten manchmal etwas hilflos agiert haben. Im Verlauf der weiteren – insgesamt vier – Teile dieses Beitrags wird der Sinn des eben Gesagten sicherlich klarer werden.

Frank Auerbach

Frank Auerbach: " In the Studio IV", 2013–2014, Öl auf Leinwand, 122,5×117,5cm,Marlborough Fine Art; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Frank Auerbach: “ In the Studio IV“, 2013–2014, Öl auf Leinwand, 122,5×117,5cm,Marlborough Fine Art; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Ich möchte mich ihm zuwenden, weil ich ihn erstens für einen grossen Künstler halte. Zweitens für einen Maler, der in unseren Breitengraden – im Gegensatz zur angelsächsischen Welt ­– zu wenig bekannt ist. Und dann: weil er in zwei Tagen, nämlich am 29. April seinen 85. Geburtstag begeht! Das ist ein stolzes Alter, da hat man doch schon allerhand hinter sich. Wir wünschen ihm alles Gute!

Bruce Bernard: "Frank Auerbach in seinem Atelier", 1986 (mit freundlicher Genehmigung von Marl- borough Fine Art, London)

Bruce Bernard: „Frank Auerbach in seinem Atelier“, 1986; mit freundlicher Genehmigung von Marl- borough Fine Art, London

Frank Auerbach (geb. 1931) gilt mit Francis Bacon und Lucian Freud als einer der wichtigsten britischen Maler seiner Generation. Die Londoner Times hat ihn kürzlich „als unseren größten lebenden Maler“ bezeichnet.

rank Auerbach: "Head of E. O. W., 1956, Kohle und Kreide auf Papier, 76,2 × 55,9 cm, Privatsammlung; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Frank Auerbach: „Head of E. O. W.“, 1956, Kohle und Kreide auf Papier, 76,2 × 55,9 cm, Privatsammlung; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Weil ich diesen Künstler als wesentlich und am deutschen Buchmarkt als zu wenig präsent erachte, habe ich in meinem Verlag vor zwei Wochen ein gewichtiges Buch herausgebracht: Die erste Monografie, die im deutschsprachigen Raum über ihn verfasst worden ist. Geschrieben hat sie Invar-Torre Hollaus, Dozent an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Basel. Er ist Kunsthistoriker mit deutsch-österreichischen Wurzeln und hat bei Prof. Gottfried Boehm (über Auerbach) doktoriert.

Invar-Torre Hollaus: "Frank Auerbach", mit Statements von Georg Baselitz, Helmut Federle, Robert Zandvliet, Eberhard Havekost und Patrick Rohner, Piet Meyer Verlag, Bern/Wien 2016, 396 S., 93 Abben., davon 89 in Farbe

Invar-Torre Hollaus: „Frank Auerbach“, mit Statements von Georg Baselitz, Helmut Federle, Robert Zandvliet, Eberhard Havekost und Patrick Rohner, Piet Meyer Verlag, Bern/Wien 2016, 396 S., 93 Abben., davon 89 in Farbe

Es ist ein grosses und sehr schönes, reich illustriertes Buch geworden, dessen Text auf umsichtige, sensible, kluge, ja profunde Weise auf das sperrige – sich nicht leicht erschliessende – Werk von Auerbach hinführt.

Frank Auerbach: " The Tree Opposite", 2008, Öl auf Leinwand, 121,9 × 122,2 cm, Privatsammlung; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Frank Auerbach: “ The Tree Opposite“, 2008, Öl auf Leinwand, 121,9 × 122,2 cm, Privatsammlung; Copyright: © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Hollaus, der auch Ausstellungen kuratiert und deshalb viele zeitgenössische Künstler persönlich kennt, hat ein paar seiner Bekannten nach ihrer Einschätzung zu diesem Maler gebeten. So sind ein paar interessante Statements zusammengekommen, die dem Buch vorangestellt sind. Hier drei Kurzzitate aus diesen Mitteilungen:

»Ich habe viele Verbeugungen vor 
Frank Auerbach gemacht!«

GEORG BASELITZ

»Auerbach sucht wie kaum ein anderer, vergleichbar vielleicht seinen Kollegen Leon Kossoff oder van Gogh oder Eugène Leroy. Es geht hier um existenziell notwendige Suche nach tiefer Wahrhaftigkeit, nach tiefer Schönheit.«
HELMUT FEDERLE

Frank Auerbach: " Tower Blocks, Hampstead Road", 2007, Öl auf Leinwand, 132,4 × 117,1 cm, Privatsammlung; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Frank Auerbach: “ Tower Blocks, Hampstead Road“, 2007, Öl auf Leinwand, 132,4 × 117,1 cm, Privatsammlung; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

»Malerei ohne Auerbach zu denken 
hat keine Zukunft!«

EBERHARD HAVEKOST

Und David Sylvester

Und vor Jahren hatte auch der in Kunstkreisen früher sehr bekannte, von mir bewunderte, mittlerweile verstorbene englische Kunstkritiker David Sylvester (jener, der mit Francis Bacon die buchlangen Gespräche geführt hat) sich mehrfach positiv über Auerbach geäussert:

»Frank Auerbach hat die Eigenschaften, die einem Künstler Größe geben – Furchtlosigkeit; eine tiefe Originalität; völliges Aufgehen in dem, was ihn gepackt hat; vor allem aber: Strenge und Souveränität in seinen Formen und Farben.«
DAVID SYLVESTER

»Heute machen wir aus Malern, die noch an der Kunstschule sind, Helden, aber es gibt in diesem Land nur einen Nachkriegsmaler, Frank Auerbach, der in meinen Augen vor seinem 25. Lebensjahr so viel erreicht hat wie Francis Bacon.«
DAVID SYLVESTER

 Und Hans Josephsohn?

Unbekannter Fotograf: Hans Josephsohn mit seiner ersten Frau Mirjam im Sommer 1951 in seinem Atelier an der Bergstrasse in Zürich

Unbekannter Fotograf: Hans Josephsohn mit seiner ersten Frau Mirjam im Sommer 1951 in seinem Atelier an der Bergstrasse in Zürich

Und Hans Josephsohn (1920–2012)? Weshalb habe ich seinen Namen neben jenen von Frank Auerbach in den Titel dieses Beitrags gesetzt? Was haben die beiden miteinander zu tun? Josephsohn war kein Maler, sondern Bildhauer, er lebte in Zürich, nicht in London. Die beiden haben sich nicht gekannt.

Eine wertvolle Du-Nummer

Bei der Arbeit am Hollaus-Buch fiel mir in Zürich die Nummer in die Hand, welche die Schweizer Kulturzeitschrift Du im Mai 2015 Hans Josephsohn gewidmet hatte.

Hans Josephsohn gewidmete Nummer von "Du", Mai 2015 ("Du" 856)

Hans Josephsohn gewidmete Nummer von „Du“, Mai 2015 („Du“ 856)

Eine schöne, sehr reiche Nummer. Da ich mitten in der Auerbach-Arbeit steckte, fielen mir schon beim ersten Anblättern Parallelen zwischen den Ansätzen von Auerbach und Josephsohn ins Auge. Diese Aussage wird die jeweiligen Spezialisten dieser beiden Künstler vermutlich zuerst etwas irritieren.

Denn die beiden Künstler haben mit einiger Wahrscheinlichkeit nie das Werk des anderen im Original gesehen. Vielleicht war ihnen gar der Name des anderen unbekannt. Wie sollen sie sich da beeinflusst haben? Wo sollen da Parallelen herkommen?

Werke von Hans Josephson, darunter, zuvorderst stehend, "Kopf", 1956, Abguss in Messing, 46 x 31 x 36 cm, im Kesselhaus Josephsohn, Foto von 2004

Werke von Hans Josephson, darunter, zuvorderst stehend, „Kopf“, 1956, Abguss in Messing, 46 x 31 x 36 cm, im Kesselhaus Josephsohn, Foto von 2004

Stimmt.

Und es ist auch so: In der mir bekannten Literatur zu Frank Auerbach wird der Name Josephsohn nie erwähnt. Der eben erwähnte Basler Auerbach-Spezialist Invar-Torre Hollaus bestätigt diesen Befund. Und die hervorragende Du-Nummer über Josephsohn, deren Cover ich hier oben abbilde, erwähnt zwar Künstler wie Giacometti, Otto Müller, Cézanne, etc., an die man vor seinem Œuvre denken könne – doch der Name Frank Auerbachs fällt nirgends.

Hans Josephsohn in seinem Atelier, 1978

Hans Josephsohn in seinem Atelier, 1978

(Die sonstige Literatur zu diesem wuchtigen, sehr eindrucksvollen, auf seine Art mächtigen Künstler habe ich bis jetzt nur kursorisch überfliegen und noch nicht lesen können.)

Hans Josephsohn: "Liegende", 1995/2001, Gipsoriginal, 68 x 217 x 57 cm

Hans Josephsohn: „Liegende“, 1995/2001, Gipsoriginal, 68 x 217 x 57 cm

Worin bestehen also die Parallelen, die mir beim Durchblättern besagter Zeitschrift ins Auge gefallen sind?

Darauf möchte ich in zwei Wochen, am Mittwoch den 11. Mai, zu sprechen kommen.

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Kommentar(e) zu diesem Beitrag:

  1. Manfred Cuny schreibt:

    Ei, du bringst etwas zu Josephsohn ! Das macht Freude. Die grosse Josephsohn-Ausstellung in Aarau 1981 war für mich als junger Bildhauer-Anfänger ein „Schlüsselerlebnis“ : Seine Skulpturen öffnen Türen zur Welt, in der wir zusammen leben, sie zeigen das, was da ist, sie machen das Unerschöpfliche anschaulich.- Sein Beitrag wird immer noch unterschätzt, zum Beispiel in der Ausstellung „Sculpture on the Move“ im neuen Kunstmuseum Basel fehlt er.

    • Piet Meyer schreibt:

      Lieber Manfred, das freut mich, dass Du als Künstler meine Einschätzung teilst! Ich bin begeistert von Josephsohn. Muss aber gleich gestehen, dass ich ihn erst jetzt entdecke – letztlich über die Arbeit an diesem Blog. Über das Du-Heft, das ich hier oben erwähne.

      Gestern hat mir Guido Widmer, der hervorragende Graphiker in Zürich, eine grosse Freude gemacht. Er arbeitet ja oft für den Zürcher Verlag Scheidegger & Spiess. Dort hat er vor Jahren das Buch gestaltet, das Gerhard Mack geschrieben hat: „Hans Josephsohn“, von 2005 (mit Fotos von Georg Gisel).

      Er hat mir das Buch geschenkt, das mich sofort durch sein sehr reiches Bildmaterial umgehauen hat. Dieses bildhauerische Œuvre überzeugt mich in hohem Masse: Welch wunderbaren Willen sieht man hier am Werk, einen wirklich ganz EIGENEN, persönlichen, unverfälschten Weg als Künstler zu gehen!
      Der Text des Zürcher Kunstkritikers, von Gerhard Mack, ist auch sehr gut, klug und sensibel: ein Gewinn. Mack war lange mit Josephsohn eng befreundet.

      Guido Widmer hat Josephsohn während der Arbeit an diesem Buch ein paar Mal in seinem Atelier besucht. Er war damals, wie er heute berichtet, sehr beeindruckt von der riesigen Kraft, die dieser ausstrahlte, von seiner Unabhängigkeit, bei gleichzeitig sehr grosser Menschlichkeit.

      Alles sehr vorbildlich – grad in Zeiten wie unseren, wo wir uns von allzu viel wohlfeilen, leichtfüssigen „Just do!“- und „Anything goes“-Philosophien à la Nike und Paul Feyerabend zu erholen haben: Zeiten, die wie als Reaktion auf solche Modephilosophien dann plötzlich wieder den Mainstream – offenbar auch im früher so unabhängig denkenden Basel! – so abgöttisch lächerlich hochhalten…

      Gähn-Gähn!
      Let’s wake up!
      Piet

  2. Eileen Kauffmann schreibt:

    Ich finde es grossartig, wie du uns immer neue Künstler entdecken lässt, von denen ich jedenfalls nichts wusste.
    Ich meine, einen Blick für gute Kunst zu haben. Anhand der abgebildeten Bilder kann ich ersehen, dass du hier Besonderes zeigst. Allein das Foto dieses Studios von Auerbach in Blau-Braun ist wunderschön. Und dann dieser grandiose Kopf, der dritte, den du abbildest – der „Head of E.O.W.“. Wirklich grosse Kunst!
    Eileen

  3. Elvira M. Gross schreibt:

    Du stellst Kunst in den Raum
    Bilder, Gedanken, wie beiläufig
    Deine Betrachtung dazu
    unaufgeregt anregendende
    Spurensuche
    Steine, ans Flussufer gespült –
    möge ein jeder damit bauen
    oder aber sie nur beschauen.

    Schön bereichernd! Elvira

  4. Meret Meyer schreibt:

    Äusserst lebendig und anregend! Vielen Dank für alle diese Seh- und Denkanstösse, auf deren Vertiefung ich mich freue, sehr herzlich, Meret

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