EINE BUCHHANDLUNG ALS DROGERIEMARKT
Morawa steht auf Zahnpasta

Es ist Sommer in Wien. Touristen im 1. Bezirk, wohin man schaut. Es ist warm. Die Buchhandlung MORAWA in der Wollzeile überrascht. Ein Schaufenster voller Zahnpasta. Im Hintergrund ein Buch über Zahnpflege – reihum zigfach ausgestellt, samt schreiendem Plakätchen:

Fensteransicht der Buchhandlung MORAWA in der Wollzeile 11 im 1. Bezrik in Wien (Foto: Dr. E. Wallnöfer, 31.7.2016)

Fensteransicht der Buchhandlung MORAWA in der Wollzeile 11 im 1. Bezirk in Wien (Foto: Dr. E. Wallnöfer, 31.7.2016)

Wer will denn ein solches Buch? Kriegt man da nicht schon aus Distanz Instant-Karies? Jedenfalls löst das irgendwie bissig-hässliche Buchcover in mir gleich ein gewisses Jucken und inneres Knirschen-Kreischen aus, ein Gefühl, das sich bald zu einem Schrillton auswächst, der mir bekannt vorkommt – der mich, ja GENAU!: an Zahnarztbesuche, Bohren und dgl. erinnert. Das muss intendiert sein.

Macht Lesen schlechte Luft?

Kriegt man schlechten Mundgeruch vom Lesen? Vielleicht von schlechten Büchern, ja. Von Krimis, die einem Sodbrennen, furchtbar Angst in einsamen Nächten zubereiten. Oder versauert man von zuviel Heidegger-Lektüre und anderen verquasten Autoren? Vielleicht quillt einem da heimtückisch der Pankreas auf, was natürlich schlechte Gase absondert. Sogenannte Heidegger-Luft. Was tun dagegen?

Für diesen üblen Fall gibt es heute doch an jeder Ecke diese riesigen Steriltempel, sogenannte Drogeriemärkte, die von sich (vollelmextauglich) behaupten, das man da endlich „ganz Mensch“ sein könne! Ganz gewiss, ganz Gebiss, vermutlich!

Immer wieder: „Mensch sein“: aber wie?

Alternativ kann man sich gegen ungustiöse Oralgerüche ja auch altmodisch mit einem Kaugummi wappnen. Oder eine Birne essen. Oder den Himmel staunend mit offenem Mund anschauen. Oder man geht saufen: spült mit Wein oder Schnaps nach. Wo ist das Problem? Muss da eine Buchhandlung abhelfen?

Fensteransicht der Buchhandlung MORAWA in der Wollzeile 11 im 1. Bezrik in Wien (Foto: Dr. E. Wallnöfer, 31.7.2016)

Fensteransicht der Buchhandlung MORAWA in der Wollzeile 11 im 1. Bezirk in Wien (Foto: Dr. E. Wallnöfer, 31.7.2016)

Ich bin altmodisch und deshalb ENTSETZT über soviel dreiste Markenwerbung – Werbung für Dinge, die nun wirklich weder von nah noch von fern mit Büchern, Literatur, mit Papier in jedwelcher Form zu tun haben: veranstaltet durch eine Buchhandlung, die sich dafür natürlich bezahlen lässt. Wieviel denn? Was soll das?

Und morgen: Weine, Seifen, Spaghetti im Schaufenster?

Und morgen? Werden wir da in den Schaufenstern Weinflaschen verschiedener Produzenten entdecken, samt Markenfibel irgendeines Önologen-Spezis, Spaghettisaucen plus Kochbuch, Seifen und Lavendelsäckchen mit einem Buch als Hintergrund über die duftende Provence? Was lässt sich da nicht alles vermarkten?

Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Achtung, liebe Buchhändlerinnen und Buchhändler: Da winken ihnen Boni, von denen sie sich bislang noch gar keine Vorstellung gemacht haben. Die moderne Markenwelt wartet auf sie!

Bücher als Schutz

Bücher (manchmal sogar BLOGS!) sind für mich auch ein Ort, wo ich, wenn ich Glück habe, zeitweilig Schutz finde vor der Blödheit, dem Irrsinn, der Dummheit und Dreistigkeit dieser Welt. Gute Bücher sind wie ein Dach, ein Regenschirm, unter den ich flüchte, wenn es wieder Dummheit regnet. Und das ist ja nicht selten der Fall. Genau deshalb gibt es – manchmal sogar gute – Bücher!


Deshalb sollte eine Buchhandlung ein Ort sein, wo man diesen möglichen Schutz schon etwas vorkosten kann. Dieses Schutzversprechen schon vorerleben kann.

Dann aber WILL ICH KEINE ZAHNPASTA SEHEN! Und schon gar keine dämlichen Zahnbürstchen, die ihre dummen behaarten Köpfchen keck-doof Richtung Gehsteig strecken.

Ach wie lustig, süss – und DOOF!

Da werde ich nämlich an meine Undisziplin, meinen Mundgeruch, meine schlechte Verdauung und Zahnhygiene erinnert. Basta, nicht hier, nicht in einer Buchhandlung. Da liegt wirklich ein fundamentales Missverständnis über die Funktion eines solchen Ortes vor.

Fensteransicht der Buchhandlung MORAWA in der Wollzeile 11 in Wien (Foto: Dr. E. Wallnöfer, 31.7.2016)

Fensteransicht der Buchhandlung MORAWA in der Wollzeile 11 in Wien (Foto: Dr. E. Wallnöfer, 31.7.2016)

Sie könnten fragen: Ja, gibt es denn das Gegenteil? Drogerien, die Bücher verkaufen? Und zwar nicht bloss Ratgeber, die angeben, welche Vitamine man bitteschön noch ausprobieren soll, wie man Klistiere zeitgemäss einführt…

Transportabler Selbst-Klistierapparat nach Giovanni

Transportabler Selbst-Klistierapparat nach Giovanni Alessandro Brambilla, 18. Jahrhundert, Medizinhistorisches Museum der Universität Zürich

das Verschlucken von Seife durch Kleinkinder verhindern hilft – und dglen Überlebenswichtiges?

Drogerien als Buchhandlungen

Ja, in Zürich kenne ich eine sehr schöne Drogerie-Apotheke: die Rigi Apotheke & Drogerie am Rigiplatz im Kreis 6. Sie führen auf sehr schmucke Weise an mehreren Wänden in ihrem Geschäft Handke, Poesie und andere Literatur.

Bücherwand in der Rigi Apotheke & Drogerie, Zürich, Kreis 6 (Foto Piet Meyer, 1. Nov. 2016)

Bücherwand in der Rigi Apotheke & Drogerie, Zürich, Kreis 6 (Foto Piet Meyer, 1. Nov. 2016)

Bücherwand in der Rigi Apotheke & Drogerie, Zürich, Kreis 6 (Foto Piet Meyer, 1. Nov. 2016)

Bücherwand in der Rigi Apotheke & Drogerie, Zürich, Kreis 6 (Foto Piet Meyer, 1. Nov. 2016)

Ich glaube, sie wissen dort, dass nicht nur Medikamente, Kräuter und Salben, sondern auch Geistiges und Sprachkunst heilen kann!

Die haben eine so schöne Webseite, dass ich – nach Elmex, Morawa & Co. – nicht davor zurückschrecke, hier noch einmal etwas Werbung zu machen. Ich bin an dieser Apotheke nicht beteiligt, habe keine ihrer Aktien, bin nicht verliebt in die Chefverkäuferin, mein Hundchen ist dort auch nicht gratis gesundgepflegt worden, oh Wunder oh Wunder – was immer. Ich steh einfach auf Klugheit und Schönheit. Und diese Webseite zeigt BEIDES!

Gucken Sie:

http://www.apotheke-rigi.ch

Da werden Sie mir sicher beipflichten.

Kommentar(e) zu diesem Beitrag:

  1. Manfred Cuny schreibt:

    metapher

    schwierigst
    zu rasierende stoppeln
    stehen auf kanten
    zwischen senkrechten
    flächen der wangen
    und waagrechter fläche
    unter kiefer und kinn

    nur wenn
    ich mit der linken
    meine haut von diesen kanten weg
    nach oben ziehe
    kann ich mit der rechten
    solche stoppeln
    rasieren

    wofür
    diese stoppeln
    hier stehen
    ist mir
    nicht bekannt

    • Piet Meyer schreibt:

      Vielen Dank, lieber Manfred, für dieses Trostpflaster:
      Du schilderst eine Situation, in der sich „Drogerie“ und Kunst für einmal mit Sinn begegnen. Du siehst die Metapher dabei, die Frage, die sich dahinter verbirgt: nach dem grossen Warum.
      Herzlich aus Frankfurt aus der Buchmesse, wo man diese grosse Frage nach dem Warum auch manchmal stellen möchte: nicht ausgehend von den Flächen des Gesichts, sondern jenen der Stellwände voller Bücher, Piet

  2. Siegrid schreibt:

    Ich sag’s nicht per metapher, sondern in meiner einfachen Sprache !
    Im Zeitalter der Digitalisierung, wo wir auch bald in der Buchhandlung Verkaufsroboter haben werden, wundert mich ein Schaufenster in einer Buchhandlung voller „Zahnpastawerbung“ nicht mehr. Ich find’s auch geschmacklos. Deshalb danke für den Mut hinzuschauen und Deine Meinung zu sagen.

  3. Yasemin schreibt:

    Vielen Dank für deinen Beitrag! Ich kann dir nur zustimmen. Stell dir vor sie hätten ein Schaufenster mit dem Buch „Darm mit Charme“ gestaltet? Nicht auszudenken.

    • Piet Meyer schreibt:

      Liebe Yasemin! Oh weh! Du hast recht: Abführmittel, Kohletabletten, Magenbitter, Alka Setzer, eine Büchse „Merda“ von Manzoni… und wer weiss was noch! Ich habe das Buch ja nicht gelesen. Sonst käme ich wahrscheinlich auf eine noch längere, schlimmere Liste!?
      Ich grüsse Dich, Piet

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