DIE MALENDE ANTHROPOLOGIN
Johanna Kandl im Essl-Museum in Klosterneuburg, Teil 1

Ich kann mich an den Bildern von Johanna Kandl nicht satt sehen. Sie sind klug, oft witzig, sehr hintergründig, hervorragend gemalt; sie erzählen Geschichten, denen ich immer wieder lauschen möchte.

Johanna Kandl: O.T. (Food is the new oil), Tempera auf Holz, 2013
 (30 x 42 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl
)

Johanna Kandl: O.T. (Food is the new oil), Tempera auf Holz, 2013
 (30 x 42 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl
)

Ihre Werke sind getragen von grosser Menschlichkeit, von Anteilnahme am Geschick von Menschen, die häufig am Rande der Gesellschaft leben, an Orten, wo kaum einer gross hinschaut. Johanna Kandl sucht gerne solche Randlagen auf, zusammen mit ihrem Mann Helmut Kandl.

Ihr Blick auf die Menschen, denen sie da begegnet, ist immer persönlich und ruhig, unspektakulär und unvoyeuristisch. Die Art, wie sie später in ihrer Kunst – auf direkte oder indirekte Weise – über diese Begegnungen berichtet, bleibt immer frei von Pathos, Kitsch oder Sentimentalität.

Museumsinsel, Berlin, 2004, Fotografie von Helmut und Johanna Kandl, in: Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories, Fotohof Edition, Salzburg 2005, S. 22

Museumsinsel, Berlin, 2004, Fotografie von Helmut und Johanna Kandl, in: Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories, Fotohof Edition, Salzburg 2005, S. 22

Sopot (Zoppot), Polen, 2004, Fotografie von Helmut und Johanna Kandl, in: Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories, Fotohof Edition, Salzburg 2005, S. 297

Sopot (Zoppot), Polen, 2004, Fotografie von Helmut und Johanna Kandl, in: Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories, Fotohof Edition, Salzburg 2005, S. 297

Sonntag in Mähren, 2001, Fotografie von Helmut und Johanna Kandl, in: Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories, Fotohof Edition, Salzburg 2005, S. 205

Sonntag in Mähren, 2001, Fotografie von Helmut und Johanna Kandl, in: Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories, Fotohof Edition, Salzburg 2005, S. 205

Helmut Kandl

Johanna arbeitet oft mit ihrem Mann Helmut Kandl zusammen. Er ist selber ein begabter Künstler – und begnadeter Organisator. Die beiden scheinen sich, von aussen gesehen, ideal zu ergänzen. Hier sind die Rollen für einmal vertauscht: dient der Mann der Frau zu. Helmut macht das mit Grandezza, Noblesse, Charme und Humor.

Sie sind ein schönes Paar.

Randlage

Was die beiden verbindet: Sie sind in einer Zone geboren, die zu Zeiten des Eisernen Vorhangs am äussersten Rande der damaligen westlichen europäischen Welt lag – und auch deshalb lange arm und benachteiligt blieb. Sie entstammen, das Wort ist schon gefallen, einer Randlage.

Ihre Liebe zu den Rändern hat alte Wurzeln.

Text „Aufgewachsen in einem Dorf im Weinviertel“ von Helmut Kandl, in: Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories, Fotohof Edition, Salzburg 2005, S. 117

Text „Aufgewachsen in einem Dorf im Weinviertel“ von Helmut Kandl, in: Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories, Fotohof Edition, Salzburg 2005, S. 117

Text „Randlage“ von Helmut und Johanna Kandl, in: Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories, Fotohof Edition, Salzburg 2005, S. 115

Text „Randlage“ von Helmut und Johanna Kandl, in: Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories, Fotohof Edition, Salzburg 2005, S. 115

„Was für andere Künstler der Sex, ist für mich der Handel.“

Johanna Kandl: O.T. (Mosaik), Tempera auf Holz, 2014 (80 x 50 cm), Courtesy Privatsammlung (Foto: Helmut & Johanna Kandl 
)

Johanna Kandl: O.T. (Mosaik), Tempera auf Holz, 2014 (80 x 50 cm), Courtesy Privatsammlung (Foto: Helmut & Johanna Kandl 
)

„Das sind ja alles lauter Tandler, die ich zeige, die machen kein großes Geschäft. Diese Dame (O.T. [Mosaik]) rennt mit dem Brot herum, und so renne ich auch mit der Malerei herum.“

Johanna Kandl im Gespräch mit Günther Oberhollenzer,
Johanna Kandl: Konkrete Kunst, Katalog, Essl-Museum, Klosterneuburg, 2015,
(im folgenden „Essl-Katalog“), S. 8 + 11

Venedig im Sommer

Venedig – Sommer – die Biennale ruft. Das kunstinteressierte Publikum reist an: die Pinaults und all die andern. Die jungen Afrikaner sind auch da und bieten auf der Hafenmole Taschen und anderes feil. Sie werden, ausser von den Schnäppchenjägern, kaum beachtet. Man ist schliesslich da, um Kunst zu sehen, Leute zu treffen, gut zu essen. Man ist anderweitig beschäftigt.

Inv. Nr. 5515; Essl Museum; Künstler: Johanna Kandl, Titel: Carnival Liberty; Tempera auf Holz, 2006, HoR 241 cm, BoR 170 cm, Repro: Mischa Nawrata

Johanna Kandl: O.T. (Carnival Liberty), Tempera auf Holz, 2006 (241 x 170 cm), Sammlung Essl Klosterneuburg/Wien (Foto: Mischa Nawrata, Wien
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Anders Johanna Kandl. Sie hat Zeit. Und Augen und Ohren und ein Herz. Sie bleibt stehen.

Marlies Cermak
: Porträt Johanna Kandl, Fotografie

Marlies Cermak
: Porträt Johanna Kandl, Fotografie

Sie stellt die Afrikaner auf der venezianischen Mole in den Vordergrund. Der Betrachter versteht, was Sache ist, auch wenn ihr Bild keine Anklage erhebt. Es ist spannungsvoll aufgebaut, präzise konstruiert, hervorragend gemalt. Alles steht klar, fast transluzid da: ins schöne venezianische Licht gestellt, das schon Tizian und Tintoretto inspiriert hat.

Der Afrikaner rechts im Vordergrund des Bildes: Er schaut in die Ferne, wie übers Meer, nach der alten Heimat? Denkt er an die Zukunft? Oder schaut er sich nur nach Kundschaft um?

Es ist, als würde das Bild eine Frage stellen. Welche? Auch der in Klammer genannte Bildtitel, sicherlich auf das Schiff im Hintergrund verweisend, stellt Fragen: Carnival? Karneval? Liberty? Freiheit? wo denn, wie? Sind das nicht einfach Marketingfloskeln? Eingesetzt von Schiffseignern und Reiseveranstaltern, die – wie die Afrikaner – auch was zu verkaufen möchten?

Überall regiert heute die allgegenwärtige Glitzer-Nippes-Konsumwelt – an jedem Strand, an jeder Mole, an jeder Meile.
Karneval von Venedig – das war mal.

Fragen, nur Fragen

Antworten sind was für Experten. Johanna Kandls Bilder sind eher im Fragemodus gehalten. Wahrheit und Realität sind eine komplexe, keine fixe, ein für allemal einzementierte Sache. Wie soll da eine Künstlerin, ein Künstler Antworten, gar definitive Antworten geben können?

Wie unsere Nachtträume, die wir oft nicht verstehen, schafft Kandl Bilder, die zuerst Fragen aufwerfen: Fragen, die keine schnelle Antwort finden, die als solche stehenbleiben wollen – ja eine Weile stehenbleiben müssen.

Das ist schön. So muss, glaube ich, Kunst sein.

Johanna Kandl: O.T. (Is our economy broken?), Tempera auf Holz, 2014 (100 x 150 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl)

Johanna Kandl: O.T. (Is our economy broken?), Tempera auf Holz, 2014 (100 x 150 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl)

Johanna Kandl: O.T. (And then, one day), Tempera auf Holz, 2007
 (30 x 42 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl
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Johanna Kandl: O.T. (And then, one day), Tempera auf Holz, 2007
 (30 x 42 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl
)

Experten, wie Politiker, verdienen im Gegensatz dazu ihr Brot häufig damit, Antworten – fixe, schnelle, wahre, hässliche, eindrucksvolle, mächtige, redundante, komplizierte, definitive, verschleiernde, verkürzende, abstossende, brutale, und und und – zu geben.

Statt zuerst in Ruhe Fragen zu stellen, richtige, gute Fragen zu stellen. Und diesen Raum zu geben.

Johanna und Helmut Kandl kennen das Leben. Sie müssen nicht um Stimmen buhlen, auch nicht mit ihrer Kunst. Sie wissen, dass laute Nur-Antworten oft keine Antworten sind. Dass sie nur zu neuer Enttäuschung führen. Immer wieder neu.

Ihr Interesse ist anders. Sie wollen zuerst hinhören und hinschauen.

Reisen und Feldforschung

Wie eine Anthropologin reist Johanna Kandl seit Jahrzehnten zusammen mit Helmut in die Welt hinaus und besucht – manchmal auch sehr entlegene – Orte und Menschen. Sie befragt diese, hört ihnen zu, bleibt eine Weile bei ihnen und verhält sich dabei nicht wie eine Touristin, die nur auf rasche, oberflächliche, konsumistische Erholungskicks aus ist.

Johanna Kandl: Let a hundred flowers blossom, Tempera und Gummi Arabicum auf Leinwand, 2015 (115 x 150 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl)

Johanna Kandl: Let a hundred flowers blossom, Tempera und Gummi Arabicum auf Leinwand, 2015 (115 x 150 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl)

Gemüsegroßmarkt, Belgrad, 2004, Fotografie von Helmut und Johanna Kandl, in: Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories, Fotohof Edition, Salzburg 2005, S. 284

Gemüsegroßmarkt, Belgrad, 2004, Fotografie von Helmut und Johanna Kandl, in: Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories, Fotohof Edition, Salzburg 2005, S. 284

Überall nehmen die Kandl Geschichten auf.

Bücher

Diese Geschichten finden Eingang in ihr Werk: in die Bilder von Johanna; in die zahlreichen, oft sehr gescheiten, komisch-witzigen Videos, welche das Ehepaar in der Regel gemeinsam erstellt; und schliesslich in die Bücher, die ebenfalls ihren ganz einen eigenen Charme haben:

Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories Fotohof Edition, Salzburg 2005

Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories Fotohof Edition, Salzburg 2005

Helmut & Johanna Kandl: STORIST, Fotohof Edition, Salzburg 2012

Helmut & Johanna Kandl: STORIST, Fotohof Edition, Salzburg 2012

Wie alle Völkerkundler und Volkskundler dieser Welt geben die Kandl in diesen Büchern (und Videos) jenen eine Stimme, die der Mainstream in der Regel negiert, übersieht, für nichtig und uninteressant erklärt hat – einfach, weil sie fürs grosse kapitalistische Räderwerk und Schauspiel als zu unsexy gelten.

Text „Der Kinderatlas“ von Helmut und Johanna Kandl, in: Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories, Fotohof Edition, Salzburg 2005, S. 114

Text „Der Kinderatlas“ von Helmut und Johanna Kandl, in: Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories, Fotohof Edition, Salzburg 2005, S. 114

Nächste Woche (13.1.) werde ich diesen Beitrag über Johanna Kandl fortsetzen. Bis dann sollte man unbedingt, wenn man in Wien oder Umgebung lebt, die sehr schöne Ausstellung, welche das Essl-Museum in Klosterneuburg der Künstlerin ausgerichtet hat, besuchen – falls man dies nicht schon getan hat:

Johanna Kandl. Konkrete Kunst

Zu sehen nur noch bis zum 21. Februar.
Deshalb Beeilung!

Kommentar(e) zu diesem Beitrag:

  1. Pia Larrosa-Lombardi, Wien schreibt:

    Großartige Vorstellung der Künstlerin!
    Besser und vielschichtiger kann man es gar nicht machen.
    Gratulation.
    Gruss, Pia

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