DIE MALENDE ANTHROPOLOGIN
Johanna Kandl im Essl-Museum in Klosterneuburg, Teil 2

Vor einer Woche schrieb ich hier über Johanna Kandl (zu diesem Beitrag). Nun möchte ich in einem zweiten (und letzten) Teil auf weitere Facetten ihres Werkes zu sprechen kommen.

Alte Materialien, alte Metiers

In den letzten Jahren hat sich die Künstlerin intensiv mit Grundmaterialien der Malerei beschäftigt: mit Terpentin, Gummi Arabicum, Mastix oder Leinöl. Sie ist in die Regionen gefahren, wo diese Stoffe früher gewonnen wurden, oder wo dies bis heute geschieht: in den Sudan, nach Tunesien, auf die Insel Chios in die nördliche Ägäis, aber auch ins benachbarte Nieder- und Oberösterreich.

„Deshalb mache ich eine Arbeit über Malmaterialien,
weil auch sie verschwinden. Man sollte ein bisschen etwas über sie erfahren, denn sie tragen poetische Erzählungen in sich.“

Johanna Kandl im Gespräch mit Günther Oberhollenzer,
Johanna Kandl: Konkrete Kunst, Katalog, Essl-Museum, Klosterneuburg, 2015,
(im folgenden „Essl-Katalog“), S. 10

Johanna Kandl: Im Terpentinwald, Hernsteiner Balsamterpentin und Tempera auf Kiefernholz, 2014 (115 x 150 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl)

Johanna Kandl: Im Terpentinwald, Hernsteiner Balsamterpentin und Tempera auf Kiefernholz, 2014 (115 x 150 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl)

Frage von Günther Oberhollenzer an Johanna Kandl:
„Sie beschäftigen sich mit den unsichtbaren Malstoffen.
Wieso haben Sie sich gerade für diese entschieden
und nicht zum Beispiel für die Farben?“

JK:
„Weil sie unsichtbar sind, das find ich besonders schön.“

GO:
„Auch weil sie noch weniger bekannt sind?“

JK:
„Die Unsichtbaren sind fast noch spektakulärer, z.B. das Terpentin ist eine wunderbare Sache, da kann man stundenlang darüber reden. Es wird im Süden von Wien von Föhren (Pinus Nigra Austriaca) gewonnen. Man sieht diese alten Bäume, wie sie so dastehen
und für das Pechern angeschnitten werden. Das sieht aus, also ob Hexen
durch den Wald gegangen wären und hat auch etwas Erotisches.“

Johanna Kandl im Gespräch mit Günther Oberhollenzer, Essl-Katalog, S. 10

In Tunesien und im Sudan hat sie den Anbau und Verkauf von Gummi Arabicum studiert.

Johanna Kandl: Gummi Arabicum, Gummi Arabicum Stücke und Tempera auf Leinwand, 2015 (150 x 100 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl
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Johanna Kandl: Gummi Arabicum, Gummi Arabicum Stücke und Tempera auf Leinwand, 2015 (150 x 100 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl
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Auch da haben die Kandls Geschichten der damit beschäftigten Menschen aufgenommen:

„Anbau und Verkauf des Gummi Arabicums ist ein
höchst politisches Thema. Ich war in Tunesien, in einem kleinen Dorf namens Bir Salah. Dort versuchen eine junge Frau, Sarah Toumi und ihr Mann Khalil, Gummi Arabicum-Bäume (also Acacia Senegal) zu setzen, um der dortigen Trockenheit entgegenzuwirken. In diesem winzigen Labor Bir Salah zeigt sich die ganze Dramatik der Region. (…) Ich finde es immer spannend, an etwas ganz Kleinem anzusetzen, dann aber wirklich genau hinzuschauen. Irgendwo habe ich einmal gelesen, Kitsch sei das Ungenaue.“

Johanna Kandl im Gespräch mit Günther Oberhollenzer, Essl-Katalog, S. 8

Helmut & Johanna Kandl: Fotografie von Gegenständen in Vitrine in Ausstellung Johanna Kandl. Konkrete Kunst im Essl-Museum, Klosterneuburg, 2015

Helmut & Johanna Kandl: Fotografie von Gegenständen in Vitrine in Ausstellung Johanna Kandl. Konkrete Kunst im Essl-Museum, Klosterneuburg, 2015

Johanna Kandl: eine Ethnologin mit Herz!

Was ist Kunst?

Die alte Frage. Vor einem Bild von Johanna Kandl kann man sagen: Kunst ist, wenn ein Teppich nicht bloss ein Teppich ist, wenn Stoffballen nicht bloss wie banale Stoffballen daherkommen, sondern durch Mal-Arbeit, durch Mal-Alchemie MEHR geworden sind.

Johanna Kandl: O. T. (Stoffgeschäft), Tempera auf Holz, 2013 (170 x 270 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl
) 



Johanna Kandl: O. T. (Stoffgeschäft), Tempera auf Holz, 2013 (170 x 270 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl
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Dieses Mehr surrt im Kopf. Es weckt Erinnerungen, so dass, vor dem Kandl-Bild stehend, alte Erinnerungsfäden sich mit dem Gesehenen verknüpfen: ein neues Gewebe, ein neues Bild im Kopf entsteht.

Das bringt Johanna Kandl fertig, weil sie nicht nur eine erfindungsreiche, gewissenhafte und faire Forscherin und Ethnologin ist, sondern, im Nachgang, in ihrer hauptsächlichen Arbeit eine hervorragende Künstlerin und Malerin ist.

8-1Johanna Kandl: O. T. (Teppiche), Tempera auf Holz, 2014 (170 x 250 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl
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Johanna Kandl: O. T. (Teppiche), Tempera auf Holz, 2014 (170 x 250 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl
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Diese Teppiche auf dem Markt in Tiflis:
Ich denke an das Rote Atelier von Matisse. Das ist doch Musik!

So müsste Ethnologie immer daherkommen.

„Es soll so sein, dass man eine Freude hat, die Bilder anzusehen.“

Johanna Kandl im Gespräch mit Günther Oberhollenzer, Essl-Katalog, S. 13

Humor

Humor ist, vor allem in Randlagen, wenn man trotzdem lacht.

Johanna Kandl: O.T. (When fortune turns the wheel…), Tempera auf Holz, 2013 (30 x 42 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl)

Johanna Kandl: O.T. (When fortune turns the wheel…), Tempera auf Holz, 2013 (30 x 42 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl)

Johanna Kandl: O.T. (Bill, Paris und Donald sind umgezogen), Tempera auf Holz, 2009
 (170 x 250 cm), Courtesy Galerie Zimmermann Kratochwill, Graz (Foto: Helmut & Johanna Kandl
)

Johanna Kandl: O.T. (Bill, Paris und Donald sind umgezogen), Tempera auf Holz, 2009
 (170 x 250 cm), Courtesy Galerie Zimmermann Kratochwill, Graz (Foto: Helmut & Johanna Kandl
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Bei Essl – und bald darüber hinaus?

Das Essl-Museum hat der Künstlerin eine schöne Personale ausgerichtet (9.10.2015–21.2.2016). So nennt man in Österreich eine Einzelausstellung.

Ansicht in der Ausstellung Johanna Kandl. Konkrete Kunst im Essl-Museum, Klosterneuburg, Oktober 2015, Foto Farid Sabha (© Farid Sabha, Wien)

Ansicht in der Ausstellung Johanna Kandl. Konkrete Kunst im Essl-Museum, Klosterneuburg, Oktober 2015, Foto Farid Sabha (© Farid Sabha, Wien)

Ansicht in der Ausstellung Johanna Kandl. Konkrete Kunst im Essl-Museum, Klosterneuburg, Oktober 2015, Foto Farid Sabha (© Farid Sabha, Wien)

Ansicht in der Ausstellung Johanna Kandl. Konkrete Kunst im Essl-Museum, Klosterneuburg, Oktober 2015, Foto Farid Sabha (© Farid Sabha, Wien)

Die Schau, die den witzigen Titel trägt: Johanna Kandl. Konkrete Kunst, hat der Essl-Museumskurator Günter Oberhollenzer zusammen mit den beiden Kandls eingerichtet. Die Ausstellung ist gelungen, der Katalog lohnt die Lektüre.

Katalog der Ausstellung "Johanna Kandl. Konkrete Kunst" im Essl-Museum, Klosterneuburg, 2015 (mit Beiträgen von Agnes Essl, Günther Oberhollenzer, Barbara Steiner und Michaela Nagl)

Katalog der Ausstellung „Johanna Kandl. Konkrete Kunst“ im Essl-Museum, Klosterneuburg, 2015 (mit Beiträgen von Agnes Essl, Günther Oberhollenzer, Barbara Steiner und Michaela Nagl)

Ich muss aber gestehen, dass ich von einer wirklich grossen Kandl-Ausstellung träume. Einer reichen Ausstellung. Die so umfassend ist wie jede schöne Retrospektive eines Matisse oder Picasso. Wer macht sie? Es gäbe da viel zu entdecken.

Nochmals Essl: Eine wahre Geschichte

Johanna und Helmut Kandl zeichnen nicht nur die Geschichten auf, die anderen widerfahren (sind). Sie erleben auch selbst welche. Die Erinnerung an eine solche hängt gleich im Eingang der gegenwärtigen Essl-Ausstellung.

Auf diesem Bild ist das frühere Farbengeschäft der Eltern Kandl in Wien-Floridsdorf dargestellt. Hier ist Johanna Kandl aufgewachsen. Hier hat sie ihre Liebe zu Pigmenten und Malmitteln entdeckt. Der Vater stellte noch eigenhändig Farben her.

Dieses Geschäft ging unter, wie viele andere aus der Welt des Kleinhandels, als die

Johanna Kandl: O.T. (Farbhandlung), Tempera und Ölfarbe auf Leinwand, 2009
 (115 x 150 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl
)

Johanna Kandl: O.T. (Farbhandlung), Tempera und Ölfarbe auf Leinwand, 2009
 (115 x 150 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl
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grossen Baumärkte aufkamen, die dasselbe Mal-Sortiment ihren Kunden viel billiger anbieten konnten.

Die wichtigste derartige Kette in Österreich war jene, die Karlheinz Essl (geb. 1939) zusammen mit seiner Frau Agnes Essl ab den frühen 60er Jahren aufbaute: die bauMax-Kette. Seine Filialen haben das alte Kandl’sche Geschäft im 21. Wiener Gemeindebezirk, an der Brünner Straße 165 in Floridsdorf, in den Ruin getrieben.

Reich geworden, haben Herr und Frau Essl ihre Liebe zur Kunst entdeckt. Sie begannen zu sammeln. Vor rund zwanzig Jahren stiessen sie auf die Künstlerin Johanna Kandl. Sie erwarben einige ihrer Werke und nahmen diese immer wieder in Gruppenausstellungen in ihrem Museum auf.

Jetzt widmen sie ihr in ihrem Haus eine erste Einzelausstellung.

Schliesst sich damit ein Kreis? Das wäre in meinen Augen zu voreilig, zu plump, zu simpel-beschönigend formuliert. Vor allem, wenn man damit meint: „Ende gut – alles gut“.

Sicher ist: Hier haben wir eine typische Kandl’sche Geschichte vor uns: Eine reale, traurige Geschichte, die, wie man sagt, das Leben geschrieben hat. Eine Geschichte, die allerdings, wenn man besagte Ausstellung besucht, einen versöhnlichen Ausklang kennt.

Text „Nur Scheiße“ von Helmut Kandl, in: Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories, Fotohof Edition, Salzburg 2005, S. 180

Text „Nur Scheiße“ von Helmut Kandl, in: Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories, Fotohof Edition, Salzburg 2005, S. 180

I will prevail!

So heisst ein Bild von Johanna Kandl von 2007.

 Johanna Kandl: O.T. (I will prevail), Tempera auf Leinwand, 2007 (150 x 105 cm), © Sammlung Essl, Klosterneuburg /Wien (Foto: Mischa Nawrata, Wien)

Johanna Kandl: O.T. (I will prevail), Tempera auf Leinwand, 2007 (150 x 105 cm), © Sammlung Essl, Klosterneuburg /Wien (Foto: Mischa Nawrata, Wien)

Das wünschen wir auch der Künstlerin! Lange, glücklich und fleissig soll sie weiterarbeiten, und so aufmerksam, weise und voller Schalk auf die Dinge dieser Welt blicken wie eh und je.

„Und als ältere Frau ist es das Beste! Ich habe mir
schon gedacht, wenn ich noch älter bin, dann gehe ich mit einer Einkaufstasche in ein Atomkraftwerk. Das ist mir egal, denn das schaut so blöd aus, das man mir nichts tut.“

„Malerei ist natürlich eine Form von Konzentration. Ich finde das Element des Langsamen oder des Mühsamen schön, denn fast alle meine Bilder handeln auch von etwas Mühsamen.“

Johanna Kandl im Gespräch mit Günther Oberhollenzer, Essl-Katalog, S. 7 + 8

Farid Sabha: Johanna Kandl in ihrem Atelier in Wien, Fotografie (© Farid Sabha, Wien)


Farid Sabha: Johanna Kandl in ihrem Atelier in Wien, Fotografie (© Farid Sabha, Wien)

Baku, 1995, Fotografie von Helmut und Johanna Kandl, in: Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories, Fotohof Edition, Salzburg 2005, S. 206

Baku, 1995, Fotografie von Helmut und Johanna Kandl, in: Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories, Fotohof Edition, Salzburg 2005, S. 206

(Die Ausstellung im Essl-Museum dauert bis 21.2.2016. – Vielen Dank an Regina Holler-Strobl und Erwin Uhrmann von der Presseabteilung des Essl-Museums in Klosterneuburg, welche viele der hier verwendeten Bildvorlagen freundlichst geliefert haben. Und Dank natürlich an Johanna und Helmut Kandl für die Genehmigung, diese, sowie andere Bilder aus ihrer Produktion hier zeigen zu dürfen.)

Kommentar(e) zu diesem Beitrag:

  1. Alexander Thomas schreibt:

    Die Teppiche in Tiflis, das ist echt Matisse-Musik. Und der von Helmut Kandl aufgezeichnete Satz „Kannst nur Scheiße machen“, den die Dame in Friedrichshain zu ihrem Hund sagt, ist das Philosophischte, was ich seit langem gehört habe.

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