Archiv des Autors: Piet Meyer

DER ABSCHIED

Der Moment ist gekommen, diesen Blog – wenigstens vorderhand – wieder zu schliessen. Die Arbeit im Verlag erlaubt es mir nicht, die dafür notwendige Zeit noch zu finden. Das ist schade, ich bedaure es sehr.

Es bleibt mir, allen Leserinnen und Lesern, die immer wieder hier vorbeigeschaut haben, für Ihr Interesse, Ihre Treue und in manchen Fällen: für Ihre interessanten Reaktionen auf das hier Veröffentlichte zu danken.

Machen Sie es gut!

Mit allen guten Wünschen an alle!

Ihr Ex-Blogger
Piet Meyer

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Famose Buchgestaltung:
ALTE BUCHCOVER
1. Folge

Das ist vielleicht ein schönes Buchcover! Wie alt, wie neu ist es?

Es stammt, sage und schreibe, von 1956:

Anton Tschechow: "Das Duell, Erzählung"; aus dem Russischen übertragen von Ottomar Buchholz, Marion von Schröder Verlag, Hamburg 1956; Umschlagentwurf von Hermann Zapf

Anton Tschechow: „Das Duell“, Eine Erzählung. Aus dem Russischen übertragen von Ottomar Buchholz, Marion von Schröder Verlag, Hamburg 1956; Umschlagentwurf von Hermann Zapf

Der Umschlag stammt von Hermann Zapf (1918–2015), dem erst jüngst in hohem Alter verstorbenen Buchgestalter und Schriftenentwerfer aus Nürnberg.

Alles ist in meinen Augen schön an diesem Coverbild. Es ist schlicht, reduziert, einprägsam, alles ist perfekt ausbalanciert. Ein Raum öffnet sich, man träumt schon, was es vielleicht mit diesem „Duell“ auf sich haben wird.

Übertreibe ich, wenn ich vor diesem Cover an ein Bild von Barnett Newman (1905–1970) denke?

Barnett Newman: “Concord“, 1949, Öl und Klebband auf Leinwand, 228 x 136,2 cm, Metropolitan Museum of Art, New York

Barnett Newman: “Concord“, 1949, Öl und Klebband auf Leinwand,
228 x 136,2 cm, Metropolitan Museum of Art, New York

Auch hier öffnet sich ein Raum mit ungewissem Ausgang.

Das Gemälde ist 6 Jahre vor dem Zapf’schen Entwurf zu Tschechows Novelle für Marion von Schröder entstanden. Es ist gross, höher als ein Mensch, viel grösser als der Entwurf von Zapf.

In beiden Fällen kann man aber sagen: GROSSE KUNST, von Zapf wie von Newman.

Beispiele für von Hermann Zapf entworfene Schriften

Beispiele für von Hermann Zapf entworfene Schriften

PS: Der Marion von Schröder Verlag wurde von Marion Janet von Schröder 1935 in Hamburg als „Verlag von Frauen für Frauen über Frauen“ gegründet. Es erschienen hier auch Werke männlicher Autoren. Später ging der Verlag als Imprint in die Ullstein Gruppe ein, welche das Programm dieses alten schönen Hauses am 1. Januar 2016 einstellte. Siehe diesen Link.

Liebe Blogbesucher!

Sie haben es bemerkt: Der Publikationsrhythmus auf diesem Blog hat sich weiters verlangsamt, immer aus denselben Gründen: zu viel Arbeit im Verlag. Im Moment erscheinen Beiträge nur mehr alle 12 Wochen. (Der nächste also am 5. Mai.) Mal sehen, ob sich die Zeiten wieder mal ändern, und ich öfters hier wieder zum Schreiben komme. Hoffen wir es.

Alles Gute allen freundlichen Leserinnen und Lesern, die diesen Blog ab und zu besuchen!

Ihr Blog-Autor Piet Meyer

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Auch möglich

Zur Abwechslung ein Zitat. Als Inspiration?

Brazzaville, 7. März 1959

»Ruhiger Tag. Am Abend fuhr ich mit einem Taxi zu einer Buchhandlung und kaufte den ersten Band der vollständigen Goncourt-Tagebücher. Allein in meinem Zimmer Whisky getrunken. Es war angenehm, eine Zeitlang ganz für sich zu sein.«

Graham Greene:
In Search of a character. Two African Journals, London 1961

Übersetzung von Margerite Schlüter,
in: Gustav René Hocke: Das Europäische Tagebuch,
Limes Verlag, Wiesbaden 1963, S. 1064

siehe auch

Graham Greene: "Afrikanisches Tagebuch", Paul Zsolnay Verlag, Hamburg, Wien 1962

Graham Greene: „Afrikanisches Tagebuch“, Paul Zsolnay Verlag, Hamburg, Wien 1962

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BEST VIENNA SCHAUFENSTER
2. Folge

Im neunten Bezirk in Wien, Foto Piet Meyer, 31. Okt. 2016

Im neunten Bezirk in Wien, Foto Piet Meyer, 31. Okt. 2016

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BEST VIENNA SCHAUFENSTER
1. Folge

Im neunten Bezirk in Wien, Foto Piet Meyer, 31. Okt. 2016

Im neunten Gemeindebezirk in Wien, Foto Piet Meyer, 31. Okt. 2016

In Sachen Blog noch eine Mitteilung:

Da die Arbeit im Verlag leider nicht weniger, sondern eher mehr geworden ist,
muss ich den Rhythmus auf diesem Blog weiter verlangsamen.
Beiträge werden ab jetzt nur noch alle fünf Wochen,
auch jeweils am Mittwoch, erscheinen.

Der nächste Post also am:

14. Dezember

Bleiben Sie dem Blog trotzdem treu!
Vielen Dank!
Ihr Blogger Piet Meyer

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EINE BUCHHANDLUNG ALS DROGERIEMARKT
Morawa steht auf Zahnpasta

Es ist Sommer in Wien. Touristen im 1. Bezirk, wohin man schaut. Es ist warm. Die Buchhandlung MORAWA in der Wollzeile überrascht. Ein Schaufenster voller Zahnpasta. Im Hintergrund ein Buch über Zahnpflege – reihum zigfach ausgestellt, samt schreiendem Plakätchen:

Fensteransicht der Buchhandlung MORAWA in der Wollzeile 11 im 1. Bezrik in Wien (Foto: Dr. E. Wallnöfer, 31.7.2016)

Fensteransicht der Buchhandlung MORAWA in der Wollzeile 11 im 1. Bezirk in Wien (Foto: Dr. E. Wallnöfer, 31.7.2016)

Wer will denn ein solches Buch? Kriegt man da nicht schon aus Distanz Instant-Karies? Jedenfalls löst das irgendwie bissig-hässliche Buchcover in mir gleich ein gewisses Jucken und inneres Knirschen-Kreischen aus, ein Gefühl, das sich bald zu einem Schrillton auswächst, der mir bekannt vorkommt – der mich, ja GENAU!: an Zahnarztbesuche, Bohren und dgl. erinnert. Das muss intendiert sein.

Macht Lesen schlechte Luft?

Kriegt man schlechten Mundgeruch vom Lesen? Vielleicht von schlechten Büchern, ja. Von Krimis, die einem Sodbrennen, furchtbar Angst in einsamen Nächten zubereiten. Oder versauert man von zuviel Heidegger-Lektüre und anderen verquasten Autoren? Vielleicht quillt einem da heimtückisch der Pankreas auf, was natürlich schlechte Gase absondert. Sogenannte Heidegger-Luft. Was tun dagegen?

Für diesen üblen Fall gibt es heute doch an jeder Ecke diese riesigen Steriltempel, sogenannte Drogeriemärkte, die von sich (vollelmextauglich) behaupten, das man da endlich „ganz Mensch“ sein könne! Ganz gewiss, ganz Gebiss, vermutlich!

Immer wieder: „Mensch sein“: aber wie?

Alternativ kann man sich gegen ungustiöse Oralgerüche ja auch altmodisch mit einem Kaugummi wappnen. Oder eine Birne essen. Oder den Himmel staunend mit offenem Mund anschauen. Oder man geht saufen: spült mit Wein oder Schnaps nach. Wo ist das Problem? Muss da eine Buchhandlung abhelfen?

Fensteransicht der Buchhandlung MORAWA in der Wollzeile 11 im 1. Bezrik in Wien (Foto: Dr. E. Wallnöfer, 31.7.2016)

Fensteransicht der Buchhandlung MORAWA in der Wollzeile 11 im 1. Bezirk in Wien (Foto: Dr. E. Wallnöfer, 31.7.2016)

Ich bin altmodisch und deshalb ENTSETZT über soviel dreiste Markenwerbung – Werbung für Dinge, die nun wirklich weder von nah noch von fern mit Büchern, Literatur, mit Papier in jedwelcher Form zu tun haben: veranstaltet durch eine Buchhandlung, die sich dafür natürlich bezahlen lässt. Wieviel denn? Was soll das?

Und morgen: Weine, Seifen, Spaghetti im Schaufenster?

Und morgen? Werden wir da in den Schaufenstern Weinflaschen verschiedener Produzenten entdecken, samt Markenfibel irgendeines Önologen-Spezis, Spaghettisaucen plus Kochbuch, Seifen und Lavendelsäckchen mit einem Buch als Hintergrund über die duftende Provence? Was lässt sich da nicht alles vermarkten?

Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Achtung, liebe Buchhändlerinnen und Buchhändler: Da winken ihnen Boni, von denen sie sich bislang noch gar keine Vorstellung gemacht haben. Die moderne Markenwelt wartet auf sie!

Bücher als Schutz

Bücher (manchmal sogar BLOGS!) sind für mich auch ein Ort, wo ich, wenn ich Glück habe, zeitweilig Schutz finde vor der Blödheit, dem Irrsinn, der Dummheit und Dreistigkeit dieser Welt. Gute Bücher sind wie ein Dach, ein Regenschirm, unter den ich flüchte, wenn es wieder Dummheit regnet. Und das ist ja nicht selten der Fall. Genau deshalb gibt es – manchmal sogar gute – Bücher!


Deshalb sollte eine Buchhandlung ein Ort sein, wo man diesen möglichen Schutz schon etwas vorkosten kann. Dieses Schutzversprechen schon vorerleben kann.

Dann aber WILL ICH KEINE ZAHNPASTA SEHEN! Und schon gar keine dämlichen Zahnbürstchen, die ihre dummen behaarten Köpfchen keck-doof Richtung Gehsteig strecken.

Ach wie lustig, süss – und DOOF!

Da werde ich nämlich an meine Undisziplin, meinen Mundgeruch, meine schlechte Verdauung und Zahnhygiene erinnert. Basta, nicht hier, nicht in einer Buchhandlung. Da liegt wirklich ein fundamentales Missverständnis über die Funktion eines solchen Ortes vor.

Fensteransicht der Buchhandlung MORAWA in der Wollzeile 11 in Wien (Foto: Dr. E. Wallnöfer, 31.7.2016)

Fensteransicht der Buchhandlung MORAWA in der Wollzeile 11 in Wien (Foto: Dr. E. Wallnöfer, 31.7.2016)

Sie könnten fragen: Ja, gibt es denn das Gegenteil? Drogerien, die Bücher verkaufen? Und zwar nicht bloss Ratgeber, die angeben, welche Vitamine man bitteschön noch ausprobieren soll, wie man Klistiere zeitgemäss einführt…

Transportabler Selbst-Klistierapparat nach Giovanni

Transportabler Selbst-Klistierapparat nach Giovanni Alessandro Brambilla, 18. Jahrhundert, Medizinhistorisches Museum der Universität Zürich

das Verschlucken von Seife durch Kleinkinder verhindern hilft – und dglen Überlebenswichtiges?

Drogerien als Buchhandlungen

Ja, in Zürich kenne ich eine sehr schöne Drogerie-Apotheke: die Rigi Apotheke & Drogerie am Rigiplatz im Kreis 6. Sie führen auf sehr schmucke Weise an mehreren Wänden in ihrem Geschäft Handke, Poesie und andere Literatur.

Bücherwand in der Rigi Apotheke & Drogerie, Zürich, Kreis 6 (Foto Piet Meyer, 1. Nov. 2016)

Bücherwand in der Rigi Apotheke & Drogerie, Zürich, Kreis 6 (Foto Piet Meyer, 1. Nov. 2016)

Bücherwand in der Rigi Apotheke & Drogerie, Zürich, Kreis 6 (Foto Piet Meyer, 1. Nov. 2016)

Bücherwand in der Rigi Apotheke & Drogerie, Zürich, Kreis 6 (Foto Piet Meyer, 1. Nov. 2016)

Ich glaube, sie wissen dort, dass nicht nur Medikamente, Kräuter und Salben, sondern auch Geistiges und Sprachkunst heilen kann!

Die haben eine so schöne Webseite, dass ich – nach Elmex, Morawa & Co. – nicht davor zurückschrecke, hier noch einmal etwas Werbung zu machen. Ich bin an dieser Apotheke nicht beteiligt, habe keine ihrer Aktien, bin nicht verliebt in die Chefverkäuferin, mein Hundchen ist dort auch nicht gratis gesundgepflegt worden, oh Wunder oh Wunder – was immer. Ich steh einfach auf Klugheit und Schönheit. Und diese Webseite zeigt BEIDES!

Gucken Sie:

http://www.apotheke-rigi.ch

Da werden Sie mir sicher beipflichten.

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ALBERTO GIACOMETTI:
Ohne jede Kontrolle

Zu einem Satz von André Breton: »Ohne jede Kontrolle…«, der sich findet in:

André Breton: "Manifeste du Surréalisme". Aux Éditions du Sagittaire, Paris, 1924, 6. Auflage

André Breton: „Manifeste du Surréalisme“. Aux Éditions du Sagittaire, Paris, 1924, 6. Auflage

»Ich bin der Meinung, daß dieser Satz von Breton
aus dem ersten Manifest des Surrealismus auch heute
noch und ganz besonders heute volle Gültigkeit besitzt.
Unser Tun ist nichts anderes als eine ständige Frage an
das Universum, das auch wir selbst sind. Für jeden von
uns ist die Welt eine Sphinx, vor der wir stehen, ein Leben
lang, eine Sphinx, die unser Leben lang vor uns steht und
die wir befragen. Wir können dies nur tun mit der
nicht nachlassenden, ja sogar körperlichen Aufmerksamkeit
unseres ganzen in gespannter Erwartung verharrenden
Wesens und indem wir in allen Bereichen so offen sind
wie nur möglich. Und wir nehmen auf, was wir hören,
oder auch, was wir zu hören glauben.

Man kann die Welt auch mit einem Kristall und
seinen zahllosen Facetten vergleichen. Je nach
Struktur und Position sieht jeder von uns ganz
bestimmte Facetten, bestimmte Facettenteile, und
das vom einzelnen geschaffene Bild, Gedicht oder
Objekt usw. ist nur die Wiedergabe dessen, was er sieht.
Selbstverständlich liegen alle von einer Gruppe von
Leuten zu einer bestimmten Zeit wahrgenommenen
Facetten sehr dicht beieinander und unterscheiden sich
allerhöchstens minimal in Winkel und Neigung.

Von weitem betrachtet, bilden sie nur eine einzige helle
Masse im Ver­hältnis zu den unzähligen anderen, die
in die Dunkelheit des Raumes gehüllt sind. Das,
was der einzelne hervorbringt, ist das exakte Abbild
dieses Unterschieds in Winkel und Position. Unsere
ganze Leidenschaft richtet sich einzig darauf, einen
neuen Schliff, einen neuen Raum, einen winzi­gen Teil
eines neuen Raumes zu entdecken, ihn im Halbschatten
zu entdecken, wo das Licht ihn nur eben streift.

Es ist die Sphinx, die von Zeit zu Zeit ein Wort
aus ihrem Rätsel sagt, und all diese Worte bilden gemeinsam
das menschliche Wissen. Und dieses Wissen ist ein winziger,
immerfort ruhelos flackernder Schimmer im dichten, schweren
Unbekannten, das uns umgibt, das uns berührt, das uns
durchdringt und einhüllt und uns erfüllt bis in den allerletzten
Winkel unserer selbst. Das zwanghafte Bedürfnis, die ewige
Frage zu kennen, ist uns angeboren wie eine jener tau­send
Bewegungen, die die Pflanze macht, um zu existieren.

Ich vermag beim besten Willen nicht den
geringsten Unterschied zwischen der Aktivität einer Pflanze
und der unseren zu erkennen. Ich glaube wirklich,
daß jegliches menschliche Tun nichts als eine Summe
von Bewegungen, von mechanischen, automatischen Reaktionen ist,
die so blind oder so wenig blind sind wie die Be­wegungen,
wie die Reaktionen eines Blattes oder
des allerwinzigsten Steinkrümelchens.

Daß wir uns für gewisse Dinge, und zwar eher für
diese als für irgendwelche anderen, inter­essieren, liegt
daran, daß unsere Beschaffenheit uns dazu zwingt
und wir gar nicht imstande wären, anders zu denken
oder zu handeln. Ebenso wenig wie wir uns unsere
Krankheiten oder die Länge unserer Beine aussuchen
können, können wir uns unsere Art zu denken aussuchen
oder die Art, uns auszudrücken. Und diese Manie, sich
ausdrücken zu wollen, ist wirklich durch und durch
vergleichbar mit dem Spiel der Fliegen auf der
gläsernen Kugel einer am Morgen gelöschten Lampe.«

ALBERTO GIACOMETTI – um 1929

Text von ca. 1929,
der dem Konvolut ”Carnets et feuilles« zugerechnet wird;
erstmals erschienen unter dem Titel »En dehors de tout contrôle…«
in: Alberto Giacometti: Écrits, présentés par Michel Leiris
et Jacques Dupin, Hermann, Paris 1990, S. 123–124:

Alberto Giacometti: "Écrits", présentés par Michel Leiris et Jacques Dupin, Hermann, Paris 1990

Alberto Giacometti: „Écrits“, présentés par Michel Leiris
et Jacques Dupin, Hermann, Paris 1990

dann erneut publiziert in:
Alberto Giacometti: Écrits: Articles, notes et entretiens.
Hermann, Paris 2007, S. 352–355:

Alberto Giacometti: "Écrits: Articles, notes et entretiens". Hermann, Paris 2007

Alberto Giacometti: „Écrits: Articles, notes et entretiens“.
Hermann, Paris 2007

Obige deutsche Übersetzung von Maria Hoffmann-Dartevelle,
erschienen erstmals in: Alberto Giacometti: Werke und Schriften.
Herausgegeben von Christoph Vitali, Schirn Kunsthalle Frankfurt,
Frankfurt, Scheidegger & Spiess, Zürich 1998, S. 204;
dann erneut in: Alberto Giacometti: Gestern, Flugsand, Schriften.
Mit einleitenden Texten von Michel Leiris und Jacques Dupin,
Scheidegger & Spiess, Zürich 1999, S. 154.

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SOMMERFERIEN

Es ist wahr:
Auch ein Blog braucht Ferien – und ein Blogger sowieso!
Deshalb:

Der Blog macht acht Wochen
SOMMERFERIEN!

Paul Cézanne: "Les grandes baigneuses", 1894–1905, (R 855), Öl auf Leinwand, 127,2 x 196,1 cm, The National Gallery, London

Paul Cézanne: „Les grandes baigneuses“, 1894–1905 (R 855), Öl auf Leinwand, 127,2 x 196,1 cm, The National Gallery, London

Ich wünsche allen Leserinnen und Leser einen superschönen, gesunden, fröhlichen, erfreulichen, erholsamen – einen SUPERSOMMER!
Mit Baden, Plauschen, Grillen, Freunden und Sonne.

Wir lesen uns wieder am
Mittwoch, 28. September.

Das ist eine schöne Weile hin.
Les grandes vacances!
– sagen die Franzosen.
… pour grandes baigneuses et grands baigneurs!
– sage ich – mit Cézanne.

Ich freue mich auf die Fortsetzung.
MACHEN SIE’S GUT!

Ihr Blogger
Piet Meyer

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FRANK AUERBACH UND HANS JOSEPHSOHN
Parallelen: Ein Hinweis
Zum 85. Geburtstag von Frank Auerbach, Teil 3

Zurück, endlich, zu Frank Auerbach und Hans Josephsohn!
Zurück zum wundervollen Maler aus London,
und zurück zum leider schon verstorbenen,
starken Bildhauer aus Zürich!

Beides sind Künstler, die in ihren Heimatländern – in England und der Schweiz – über die Jahre stetig mehr Echo und Bewunderung erfahren haben. Und beide haben in ihrer Heimat – im Falle von Auerbach sogar in der weiteren angelsächsischen Welt (USA etc.) – eine stetig wachsende Anzahl begeisterter und treuer Sammler gefunden.

Das erlaubte beiden, die ja als junge deutsche Immigranten in ihren jeweiligen Ankunftsländern bei Wirklich-Null beginnen mussten, ihr Leben ganz der Kunst widmen zu können.

Gekannt haben sich die beiden Künstler nie. Mit grosser Wahrscheinlichkeit hatten sie auch kaum Kenntnis vom Werk des jeweils anderen.

Hans Josephsohn: "Kopf", 1956, Abguss in Messing, 46 x 31 x 36 cm; woie weitere Werke von ihm; Kesselhaus Josephsohn, 2004, St. Gallen

Hans Josephsohn: „Kopf“, 1956, Abguss in Messing, 46 x 31 x 36 cm; sowie weitere Werke von ihm; Kesselhaus Josephsohn, St. Gallen, 2004

Und trotzdem sehe ich – was ihr Werk, ihre Arbeitspraxis, ja ihre Lebensweise angeht – erstaunlich grosse Ähnlichkeiten zwischen ihnen.

Erste Parallelen

Erste Parallelen im Werkansatz habe ich auf diesem Blog am 11. Mai zu schildern versucht (siehe den betreffenden Beitrag hier). Von Interesse ist hier auch die Einleitung, die ich zuvor dazu verfasst hatte.

Hier möchte ich eine weitere Ähnlichkeit im Werkansatz der beiden Künstler beschreiben.

Frank Auerbach: "Nude on Bed II", 1963, Öl auf Leinwand, 51,4 × 51,4 cm, Privatsammlung; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Frank Auerbach: „Nude on Bed II“, 1963, Öl auf Leinwand, 51,4 × 51,4 cm, Privatsammlung; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Beide zeichnet nämlich – jeder in seinem Medium! – ein ausgeprägter Hang zum Non-Finito, richtiger: zu einem vermeintlichen Non-Finito aus. Die Tendenz also, gestalterisch im vermeintlich Unfertigen, ja Amorphen zu operieren.

Beide Künstler scheuen die klar und eindeutig konturierte, die klar erkennbare, klar lesbare Form. Beide meiden auch alles Glatte, Blanke, Kalte, Spiegelnde, bloss Oberflächenfixierte.

Hans Josephsohn: "Ohne Titel", Halbfigur, 2002, Abguss in Messing, 151 x 84 x 62 cm

Hans Josephsohn: „Ohne Titel“, Halbfigur, 2002, Abguss in Messing, 151 x 84 x 62 cm

Der markanteste Gegensatz zu ihnen in dieser Hinsicht würde heute vermutlich das Werk von Jeff Koons darstellen.

Da ich im erwähnten Beitrag des 11. Mai meine Ausführungen nummeriert hatte, fahre ich hier so weiter:

4.) Non-Finito

Ich habe in den erwähnten Erstteilen dieses Beitrags beschrieben, dass beide Künstler sich ein Leben lang auf fast obsessive Weise mit dem Menschenbild – der Figur des Menschen, einem alten, fast klassischen Thema also – auseinandergesetzt haben.

Doch haben sie diese Arbeit auf ganz unklassische Weise unternommen.

Frank Auerbach: "Head of Catherine Lampert", 2000, Öl auf Hartfaser, 61,3 × 50,8 cm, Privatsammlung; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Frank Auerbach: „Head of Catherine Lampert“, 2000, Öl auf Hartfaser, 61,3 × 50,8 cm, Privatsammlung; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Sie malträtierten nämlich eher dieses Menschenbild, als ihm (wie ein Aristide Maillol) Harmonie, göttliches Ebenbild oder Schönheit im klassischen Sinne abgewinnen zu wollen.

Sie beliessen den dargestellten Menschen oft in einer grobschlächtigen, grob-klumpigen, halb-amorphen Form. Die Aussenhäute, welche die Bilder von Frank Auerbach oder die Skulpturen von Hans Josephsohn  zeigen, sind immer offen, porös, schrundig, bröckelig und fragil. Nie, wie gesagt: glatt, hübsch, sauber, präzise geglättet.

Hans Josephsohn: "Stehende Figur, Untitled, (Grosser Arbeiter)", 1962/63, Bronze, 212 x 72 x 48,5 cm, Aargauer Kunsthaus, Aarau

Hans Josephsohn: „Stehende Figur, ohne Titel, (Grosser Arbeiter)“, 1962/63, Bronze, 212 x 72 x 48,5 cm, Aargauer Kunsthaus, Aarau

Die Figur wird bei diesen beiden Künstlern ins fast Unkenntliche gezogen. Persönliche Charakteristika, die Identität des oder der Dargestellten werden verwischt, in wesentlichen Teilen wie negiert: verkleistert, übermalt oder überknetet.

Wir dürfen ja nicht vergessen: Zu Beginn des Arbeitsprozesses war im Atelier noch eine konkrete Person vorhanden: Das konkrete Modell – sitzend, liegend oder stehend – das Modell, mit dem beide Künstler, wie sie öfters betont haben, immer arbeiten wollten oder mussten.

Frank Auerbach: "Julia",1988-89, Öl auf Leinwand, 81,3 × 81,3 cm, Privatsammlung; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Frank Auerbach: „Julia“,1988-89, Öl auf Leinwand, 81,3 × 81,3 cm, Privatsammlung; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Das aus der Konfrontation mit diesem Modell gewonnene Werk entfernte sich dann aber sofort – und weiter durch alle folgenden Werkphasen hindurch – von der konkreten Persönlichkeit des oder der Dargestellten. Dafür kam dann – so das Werk gelang – das Allgemeine, das Existentielle, die überpersönliche Präsenz hinter der betreffenden Person zum Vorschein.

Frank Auerbach: "Head of E. O. W. II", 1964, Öl auf Hartfaser, 35,6 × 27,9 cm, Privatsammlung, Marlborough Fine Art; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Frank Auerbach: „Head of E. O. W. II“, 1964, Öl auf Hartfaser, 35,6 × 27,9 cm, Privatsammlung, Marlborough Fine Art; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

„Auerbachs Frühwerk ist von kompositionell streng formulierten Bildern gekennzeichnet, die zähflüssige, krustige, mitunter deutlich dreidimensionale reliefhafte Oberflächen aufweisen. Das figurative Motiv baut sich kontinuerlich aus zahllosen Farbschichten auf, die während jeder Porträtsitzung von Neuem aufgetragen werden.“ (Hollaus, S. 14; zum genauen Literaturverweis siehe Teil 1 dieses Beitrags)

„Er [Auerbach] war auf der Suche nach einer schweren, skulpturalen, taktilen Form, dem exakten Gegenteil einer „optischen“ Farbe und einer gefälligen Klarheit des Profils, wie sie in den 1960er Jahren geschätzt wurden, von Kenneth Noland bis David Hockney. Darüber hinaus war Auerbach nicht nur unironisch – seine Malerei wies auch nur die Möglichkeit einer Distanzierung scharf zurück.“ (Robert Hughes zit. durch Hollaus, S. 46)

Frank Auerbach: "J. Y. M. in the Studio I, 1963, Öl auf Hartfaser, 94 × 68,6 cm, Privatsammlung, Marlborough Fine Art; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Frank Auerbach: „J. Y. M. in the Studio I“, 1963, Öl auf Hartfaser,
94 × 68,6 cm, Privatsammlung, Marlborough Fine Art; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

„Obgleich Auerbach an der physischen Anwesenheit des Modells während des Malakts festhält und das charakteristsiche Wesen der Person einzufangen sucht, scheint sich auf dem Bildträger auf den ersten Blick zumeist das völlige Gegenteil zu manifestieren.“ (Hollaus, S. 14)

Und ganz ähnlich schrieb vor Jahrzehnten der Basler Kunstjournalist Wolfgang Bessenich: „Hans Josephson macht aus dem Unfertigen sein Formprinzip“. (zit. in Du; zum Literaturhinweis siehe Teil 1 dieses Beitrags)

Hans Josephsohn: "Ohne titel", 1991, Abguss in Messing, 139 x 91 x 80 cm

Hans Josephsohn: „Ohne Titel“, 1991, Abguss in Messing, 139 x 91 x 80 cm

Und Stephan Kunz: „Das Unfertige als Ausdrucksmittel verbindet Josephsohn mit Alberto Giacometti.“ (Du)

Das Ziel solchen Schaffens?

„Löst sich der Refenzvergleich zugunsten einer vieldeutigen Evokation der Person in deren auratische, aktivierte Energie auf oder wird hier Malerei in ein Energiefeld „reiner“ Malerei transformiert?“ (Hollaus, S. 15)

5.) Langsames Sich-Erschliessen des Werkes

Ein solches Werk – ob von Auerbach oder Josephsohn – muss als sperrig bezeichnet werden. Logisch deshalb, dass man sich ihm nur langsam und aufmerksam, wie auf Katzenpfoten: still, gesammelt und konzentriert nähern muss.

„Seine [Josephsohns] Arbeit ist nicht sofort zugänglich, man muss sich darauf einlassen, das braucht Zeit.“ (Ulrich Meinherz im Gespräch mit Oliver Prange, Du, S. 46)

Echtes Sehen

Rasches Hingucken, wie es heute zum Beispiel auf Kunstmessen oder Biennalen mit ihren Tausenden von sich drängenden Besuchern üblich und schmuck ist, kann hier nicht genügen.

Vor Auerbach und Josephsohn ist – wie früher vor grosser Kunst – langes Sehen, wirkliches Hinschauen gefordert. Dies erfahren viele Menschen in unserer so bildersüchtigen wie schnelllebigen Zeit als Herausforderung – und als Genuss! Als Einladung zu Meditation.

Denn es erschliesst sich, wenn man die notwendige Zeit und Anstrengung mitbringt, die reiche, zu Beginn ganz unscheinbare Nüancenwelt der Oberflächen. Und man beginnt darunter auch die innere Struktur, Stringenz und Logik der gemalten oder plastisch gestalteten Form zu entdecken.

Und erfährt so, wenn man Glück hat, bzw. wirklich rezeptiv und offen ist, das wie Urzeitliche, Uralte, Zeitlose, das von diesen Werken ausgeht. Etwas Urmenschliches, tief Verbindendes, Verbindliches – vielleicht gar Kosmologisches.

Das ist schön.

Nach den bald anstehenden Sommerferien machen wir mit diesem Auerbach/Josephsohn-Beitrag am Mittwoch, 26. Oktober, weiter.

Alles Gute, bis dann!

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Wenn grosse Museen klein aussehen:
JOSEPH CORNELL UND SEIN FREUND KUSAMA
Im Kunsthistorischen Museum in Wien, Teil 3

Yayoi Kusama… – ein Mann!?

Zu diesem Schluss kam man vor ein paar Monaten im Wiener Kunsthistorischen Museum, als man die grosse, mit viel medialem Aplomb eröffnete Joseph Cornell-Ausstellung besuchte und dort die Texte las, welche Schautafeln zu den wichtigsten Lebensdaten des Künstlers bereithielten.

Der Eingang zum Kunsthistorischen Museum in Wien anlässlich der grossen Joseph Cornell-Retrospektive (Foto Piet Meyer 2015)

Der Eingang zum Kunsthistorischen Museum in Wien anlässlich der grossen Joseph Cornell-Retrospektive (Foto Piet Meyer 2015)

Ich empfand diesen Fehler – an einem solchen Orte, in einem derart grossen Museum – als grotesk, befremdlich, und, das Wichtigste: der Künstlerin gegenüber, Yayoi Kusama gegenüber, als entwürdigend.

Yayoi Kusama: "Unendlichkeitsnetz / Infinity Net", 1965, Öl auf Leinwand, 132 x 126 cm

Yayoi Kusama: „Unendlichkeitsnetz / Infinity Net“, 1965, Öl auf Leinwand, 132 x 126 cm

Yayoi Kusama ist schliesslich kein Mann, sondern eine wunderbare japanische Künstlerin, die, mittlerweile recht betagt, nach langen USA-Aufenthalten nach Japan zurückgekehrt ist, wo sie über die Massen verehrt wird.

Yayoi Kusama: "Sanft sind die Stufen zum Himmel / Gentle are the Stairs to Heaven", 1990, Acryl auf Leinwand, 162 x 130 cm

Yayoi Kusama: „Sanft sind die Stufen zum Himmel / Gentle are the Stairs to Heaven“, 1990, Acryl auf Leinwand, 162 x 130 cm

Sie kann als eine der bekanntesten Künstlerinnen der Gegenwart bezeichnet werden. So wird sie jedenfalls auf der ganzen Welt wahrgenommen.

Yayoi Kusama vor ihrem Kürbis, 1994

Yayoi Kusama vor ihrem Kürbis, 1994

Nicht aber im Kunsthistorischen Museum in Wien – da firmiert sie als „guter Freund von Joseph Cornell“.

Ich war entsetzt über die Schlampigkeit, Unbildung oder Provinzialität, die dies verriet. Ich habe deshalb im Anschluss an meinen Ausstellungsbesuch die Sache auf diesem Blog thematisiert: siehe Teil eins und Teil zwei dieses Beitrags.

In der Wiener Presse hat sich jedoch nie jemand dazu geäussert.

Kein Sturm

Was wäre denn gewesen, wenn dieses Museum nicht von einer Frau, nicht von Sabine Haag, sondern von einem Mann geleitet würde? Und eine Kunstkritikerin den genannten Fehler bemerkt hätte?

Dann wäre mit Sicherheit ein Super-Mega-Hype in den Medien losgegangen, volle Portion Entrüstung verspritzt worden, gewunden um das Thema:

Also, da sieht man es wieder: SO WERDEN FRAUEN, SO WERDEN KÜNSTLERINNEN IHRER IDENTITÄT BERAUBT UND ENTSORGT – nur damit ein paar Macho-Männer mehr das Kunstfeld weiterhin alleine beherrschen können!

Nun, es ist nicht dazu gekommen.

LOVE CALLS

Besagter Fehler hatte für mich noch eine weitere Dimension, jenseits der vorgenommenen Geschlechterverwechslung.

KUSAMA und CORNELL waren nämlich nicht einfach „befreundet“. Sie unterhielten während Jahren eine Liebschaft, die ihnen beiden sehr wichtig war.

Es spricht sogar einiges dafür, dass dies die vielleicht schönste Liebesgeschichte war, die dem zartbesaiteten, über die Massen scheuen Joseph Cornell in seinem monastisch ausgerichteten Leben in Queens/N.Y. zu leben vergönnt war.

Schöne Unendlichkeit

Diese Liebe hat Yayoi Kusama auf sehr anrührende Weise in ihrer Autobiographie INFINITY NET beschrieben. Das Buch kam 2002 auf Japanisch heraus. Vor fünf Jahren hat die Tate in London eine englische Übersetzung veröffentlicht, anlässlich der grossen Kusama-Retrospektive, die dort organisiert worden ist (Yayoi Kusama: Infinity Net. The Autobiography of Yayoi Kusama. Tate Publishing, London 2011, ISBN 978-1-854379658, und University of Chicago Press, Chicago, Illinois, USA 2011, ISBN 978-0-226464985).

Yayoi Kusama: "Infinity Net. The Autobiography of Yayoi Kusama", Tate Publishing, London 2011

Yayoi Kusama: „Infinity Net. The Autobiography of Yayoi Kusama“, Tate Publishing, London 2011

Ich werde eine deutsche Übersetzung dieses Lebensberichtes im Frühjahr 2017 in meinem Verlag herausbringen, illustriert mit sehr zahlreichen Fotos, die das Kusama Studio in Tokio extra für die deutsche Ausgabe auswählt. Der Text des Buches wird gegenwärtig durch Nora Bierich, eine sehr erprobte Berliner Übersetzerin, aus dem Japanischen ins Deutsche übertragen.

Im Garten

Es sind in der englischen Ausgabe dieses Buches auch schöne Schwarz-Weiss-Fotos enthalten, welche die beiden Künstler 1971 zusammen im Garten des amerikanischen Künstlers am Utopia Parkway in Queens/New York in wunderbarst zärtlicher Haltung zeigen.

Doppelseite aus der englischen Übersetzung von Yayoi Kusamas Autobiografie: Infinity Net, Tate Publishing,

Doppelseite aus der englischen Übersetzung von Yayoi Kusamas Autobiografie: „Infinity Net“, Tate Publishing, 2011, S. 166 + 167

Die beiden haben sich auch mehrmals gegenseitig porträtiert. Eine sehr schöne Cornell-Zeichnung (1965) von Kusama ist über diesen Link zu sehen.

Posthume Zensur

War man sich beim Besuch der Wiener Cornell-Ausstellung dieser Zusammenhänge bewusst, war man natürlich doppelt irritiert, Kusama als Mann apostrophiert zu sehen. Man hatte auch einen Tick Mitleid mit einem Künstler, dem nun quasi unter der Hand die schönste Liebesgeschichte seines Lebens aus der Vita gestrichen wurde!

Und man fragte sich nochmals: Wie ist so was möglich?! Wie kommt es, dass in einem riesiggrossen Museum, das über ganze (kann man das so sagen?) 441,5 Angestellte verfügt (zu Details siehe Teil zwei dieses Beitrags), derartige Fehler in Ausstellungen, die jahrelang mit sehr viel Mitteln vorbereitet werden, stehenbleiben?

Es zählt nur die Gegenwart

Eine Ursache hat vermutlich mit dem Modernisierungswahn zu tun, der Museen heute weltweit, gleich worum sie sich seit alters her gekümmert haben, wie ein Bazillus erfasst hat. Wer heute nicht auch zu zeitgenössischer Kunst Ausstellungen organisiert, ist out – so sehen das heute viele Museums- und Kulturpolitik-Verantwortliche. Es gibt weniger Sponsorengelder und weniger Presse. Das ist tödlich.

Denn Historie als solche ist heute für viele out, dient nur noch als verkaufsförderndes Schmuck- und Beiwerk. Die Konsequenz für viele Museen: Sich subito in Richtung Gegenwart aufzumachen.

(Diesen Bazillus hat früh die Albertina in Wien erfasst, jüngst das Rietberg Museum in Zürich, dann vor wenigen Monaten das Metropolitan Museum in New York mit seiner Neu-Dépendance im früheren Whitney-Museum; und bald wird auch die alterwürdige National Gallery in London nachziehen. Weitere Beispiele lassen sich mit Leichtigkeit nennen.)

Dass dann nicht jede Institution über die notwendigen Fachkräfte verfügt, um im zeitgenössischen Sektor wirklich professionell agieren zu können, ist nachvollziehbar.

Grösse und ihr Preis

Dann spielt hier vielleicht noch ein nicht-museumsspezifischer Faktor mit:

Grosse Organisationen scheinen nämlich, weil in ihnen die Arbeitsteilung so weit vorangetrieben ist, in ihrem Output manchmal schneller Fehler zu machen als kleinere Einheiten.

Anders gesagt: Ein komplexes Ganzes ist fehleranfälliger als eine überschaubare Einheit.

Beispiele gefällig?

Reebok

Vor etwas mehr als einem Jahr brachte Reebok zu einem Sportereignis in Dublin ein Shirt heraus, auf dem in grossen Lettern „Ireland“ stand und die Landkarte des Landes abgebildet war. Das Dumme daran war: die Karte war nicht vollständig, es fehlte der nordirische Teil! Da das Hemdchen expressis für eine Veranstaltung in Irland gedacht war, die für gesamtirische Identität werben sollte, war der Zorn in Dublin gross. In der Designabteilung der Firma hatte offenbar niemand – ohne die Sache vorher googeln zu müssen – eine spontane Ahnung von der richtigen Ausdehnung Irlands.

Zara

Ein ähnlich verhängnisvoller Fehler unterlief den Designern von Zara. Jemand hatte befunden, ein Sheriff-Hemdchen müsste trendy sein. Gedacht, getan.

Auf ein gestreiftes Hemdchen wurde ein gelber Sheriff-Stern genäht, mehr oder minder an die bronzene Vorlage (mit 5, 6 oder mehr Zacken) aus früheren ruppigen Wild-West-Zeiten gemahnend.

4

Dass aber ein solcher Stern, in einem solchen GELB, auf einem (an Sträflingskleidung gemahnenden) Billig-Hemdchen aufgenäht, auch ANDERE, nämlich historische Assoziationen auslösen kann, war den (vermutlich eher gegenwartsfixierten) Spaniern im Vorfeld nicht in den Sinn gekommen.

„Erst als ein paar Tausend Blogger, Journalisten und eine israelische Holocaust-Gedenkinitiative die Firma daran erinnerten, dass es in der Geschichte noch eine andere Art von Stern auf der Kleidung gab, einen, der ganz und gar nicht als fluffiges Modesymbol geeignet sei, ging den Spaniern ein Licht auf – und das Hemd verschwand noch schneller als es produziert worden war“ (Süddeutsche Zeitung, 24./25.10.2015, Marc Felix Serrao: „Shirt Storm“, Seite 10).

Der Artikel nennt noch ein paar andere ähnlich ungustiöse Beispiele aus der Modewelt.

Kosten

Diese Beispiele dürften in ihrem Entstehen alle dieselben Ursachen haben: zu grosse Eile bei der Herstellung eines Objekts; verhängnisvolle Arbeitsteilung in den betreffenden Firmen; mangelnde Bildung bei den zuständigen Arbeitsstellen.

Die Kosten für solche Fehler können für Unternehmen gross sein.

Das aber stellte – weil kein Shit Storm die japanische Regierung mobilisierte und in Wien vorstellig werden liess – für das Wiener KHM kein Problem dar.

Schluss!

Ganz zu Beginn dieses Beitrags stellte ich folgende Eingangsfrage:

Sind grosse Unternehmen, sind grosse Museen besser
als ihre kleineren Brüder und Schwestern?

Nein, sicher nicht. Alle machen Fehler, auch grosse Institutionen wie das Wiener KHM, auch wenn sie die Angewohnheit haben, äusserst vollmundig und mit einer gewissen Prise alt-höfischer, ja monarchischer Selbstherrlichkeit aufzutreten mit dem Anspruch, absolut supereinzigartig zu sein. Das nervt und lässt Besucher deshalb bei gewissen Dingen doppelt genau hinsehen.

Nun, jetzt ist aber Schluss:

Es bleibt noch die Aufgabe, den kleinen Hund,
dem wir hier für eine Weile Auslauf gewährt haben,
und der sich an der für ihn ungewohnten Frischluft
erkälten könnte, dorthin zurück zu bringen,
wo wir ihn ursprünglich vorgefunden haben, sprich:
BEGRABEN fanden.

Dieser sagt deshalb allen Leserinnen und Lesern, bevor es zu spät ist:

Der kleine Hund

Wauwau! – zu gut Wienerisch: Babaa! – zu gut Deutsch: Tschüssi allerseits! – zu Schweizerdeutsch: Ciao zämme!

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VERLANGSAMUNG

Wegen Arbeitsüberlastung im Verlag bin ich gezwungen, den Publikationsrhythmus auf diesem Blog zu verlangsamen.

Berichte erscheinen ab heute nur noch alle drei Wochen.
Das bedeutet:

Der erwartete Abschluss zu unserem grossen Frühjahres-Aufreger:
„Wenn grosse Museen klein aussehen: JOSEPH CORNELL UND SEIN FREUND KUSAMA –
Im Kunsthistorischen Museum in Wien“,

der heute hätte aufgeschaltet werden sollen,
wird erst am Mittwoch, 15. Juni, zu lesen sein.

Und die nächste Folge zum Thema
„FRANK AUERBACH UND HANS JOSEPHSOHN: Parallelen, Teil 3“
erscheint erst am Mittwoch, dem 6. Juli.

Es geht nicht anders – leider. Der Verlag mit seinen tausend Aufgaben geht vor.

Bleiben Sie diesem Blog trotzdem treu!

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KUNST KANN NICHT „HELFEN“
Ein Beitrag von Manfred Cuny

Ich begrüsse den ersten Gast-Blogger!

Ich freue mich riesig. Manfred Cuny, der den hier unten folgenden Beitrag verfasst hat, ist auf dieser Blog-Plattform

DER ERSTE GAST-BLOGGER!

Welcome! Ich bitte alle Leserinnen und Leser um herzlichen Applaus: Welcome Manfred!

Ich kenne Manfred seit vielen Jahren – und zwar aus der Zeit, als ich noch in Basel lebte. Ich war der schlechteste Zeichner auf Erden – das ist keine Koketterie! In der Matura [in Deutschland sagt man Abitur], die ich in Basel vor urlanger Zeit an einem Bubengymnasium absolvierte, schloss ich als einziger des Jahrgangs (unter sieben Schulklassen) im Zeichnen mit einer ungenügenden Note ab.

Irgendwann vor ein paar Jahren dachte ich mir: Nun ja, das muss ja nicht ewig so bleiben. Schliesslich mag ich Kunst. Ich suchte also einen Kurs in Basel, zur Einführung, zum Zeichnenlernen: und fand Manfred.

Ich kann nur sagen: Wenn irgendjemand zwischen Wladiwostok und New York, zwischen San Francisco, Berlin, Wien und Rom das Gefühl haben sollte, er oder sie werde NIE zeichnen lernen, soll er oder sie nicht verzweifeln. Es gibt Abhilfe! Es gibt Manfred Cuny in Basel! Dann schlage ich vor, das der oder die Betreffende irgendwann, wenn es geht, Ferien in Basel macht, es gibt ja dort wunderbare Museen, wie jeder weiss, im Sommer Schwimmbäder und den Rhein zur Abkühlung, im Juni gar die ART, und vieles mehr. Und dann eben Manfred!

Kurz: Manfred Cuny ist ein absoluter Könner in seinem Fach, ein 1A-Lehrer.

Er ist aber zuerst und vor allem ein hervorragender Künstler: Maler und Bildhauer. Deshalb weiss er in seinem Unterricht so gut, worauf es ankommt.

Und dann schreibt er auch. Manchmal sogar Gedichte. Und kleine Texte zur Kunst, wie den folgenden, den er im Sommer 2015 verfasst und mir vor zwei Monaten für diese Plattform geschickt hat.

Der Hintergrund, der ihn zum Schreiben animiert hatte, ist klar: Die Flüchtlingsproblematik, die damals – im Spätsommer 2015 – mit unerhörter Wucht in Westeuropa losging.

Hier also die Reaktion eines mitdenkenden, mitfühlenden Menschen, der es sich mit Antworten nicht leicht machen will. Der sich als Künstler, weil er sich auch als Bürger versteht, vor gesellschaftlichen Fragen nicht drücken will.

Wie aber als Künstler auf politische, menschlich tragische Situationen reagieren?
Was kann der Beitrag eines Künstlers sein?
Was ist möglich, was nicht?

Welcome, nochmals!

Piet Meyer

************

DER BEITRAG VON MANFRED CUNY:

Kunst kann nicht „helfen“

Kunst gibt etwas Eigenes, Neues, Zusätzliches, was ohne sie nicht gegeben werden könnte. Wenn nun gesagt wird, dass ein Kunstwerk – zum Beispiel – „dem Gedanken der Solidarität mit Flüchtlingen Ausdruck verleiht“, dann beruht eine solche Betrachtungsweise auf einem Missverständnis des Kunstwerks (oder sie bezieht sich auf ein künstlerisch schwaches Werk).

Honoré Daumier: "Les Fugitifs", ca. 38 x 48 cm, Kohlezeichnung auf Papier, Museum Oskar Reinhart, Winterthur

Honoré Daumier: „Les Fugitifs“, ca. 38 x 48 cm, Kohlezeichnung auf Papier, Museum Oskar Reinhart, Winterthur

Honoré Daumier (1808–1879) beispielsweise fühlte sich solidarisch mit Flüchtlingen und  malte – heute, nach 150 oder 160 Jahren, prophetisch wirkende – Bilder, die in sehr bewegender Weise veranschaulichen, dass insgeheim jeder Mensch ein Flüchtling ist.

Jedoch sieht man in ihnen den sprachlich fixierten, auch ohne Kunstwerk vorhandenen Begriff der „Solidarität mit Flüchtlingen“ aufgelöst zugunsten einer mittels Farbformen bewirkten Anschaulichkeit, die eine nur ihr erreichbare Ebene des Menschlichen berührt.

Honoré Daumier: "Les Fugitifs ou Les Émigrants", ca. 38 x 48 cm, Öl auf Leinwand, Minneapolis Institute of Arts

Honoré Daumier: „Les Fugitifs ou Les Émigrants“, ca. 38 x 48 cm, Öl auf Leinwand, Minneapolis Institute of Arts

Nicht aber vermag diese malerisch verwirklichte Bildhaftigkeit, bestimmte Gedankengänge, die schon vor der Bildgenese entwickelt wurden, hervorzurufen, falls diese nicht bereits im Betrachter präsent sind. Das Kunstwerk wurde nicht geschaffen, um im Betrachter „die richtigen“ Gedanken zu wecken, sondern es schenkt ihm Anschaulichkeitserlebnisse, die er, ohne das Werk, nie erleben könnte.

(Dies gilt auch für die Künstlerin selbst : Indem sie ihr Werk entstehen lässt, lässt sie es zu, in ihm Unerwartetem, Unbeabsichtigtem zu begegnen.)

Solches Bild-Erleben wirkt nicht auf der gedanklichen Ebene allein, sondern es bewegt auf verschiedenen Ebenen: Malerei und Skulptur sprechen auch das Körpergefühl (Tast- und Gleichgewichtssinn) an. Farbformen und Bildraumgestaltung wirken, durch die Augen der Betrachterin, auf ihr Herz ein, unvermittelt. Der dabei hervorzuhebende Punkt ist, dass durch das Werk Gedanken, Gemüt und Physis gleichzeitig berührt werden, das Werk sozusagen als „Gesamtpaket“ Wirkung entfaltet. Deshalb haben Gedanken, die Teil dieses Gesamtpakets sind, eine ganz andere (eine andere, nicht „bessere“) Qualität als solche, die im Umgang mit einem philosophischen Buch oder einem Zeitungsbericht gewonnen wurden.

Dieser Unterschied impliziert, dass bei einem Bildwerk nicht etwa die „Idee“ des Werks das an ihm „Wichtigste“ ist, sondern das Werk selbst ist das an ihm Entscheidende.

Das Kunstwerk präsentiert uns eine Gestaltung, die, zu einer Art von kleiner „Ganzheit“ gespannt, nicht mehr in ihre „Teile“ auseinanderdividiert werden kann. Selbst wenn es, symbolisch verschlüsselt, auch eine politische, soziologische oder ethische „Bedeutung“ enthält, so ist seine eigentliche, künstlerische Bedeutung immer nur in dem zu sehen, was an ihm zu sehen ist. Für ein Bildwerk ist nie entscheidend, was es nicht (oder was es „hintergründig“) zeigt, sondern es lebt allein durch seine unmittelbare Sichtbarkeit, d.h. Anschaulichkeit. (Rilke hat dies, bezogen auf Rodins Skulpturen, die „Oberflächlichkeit“ der Bildkunst genannt.)

Auch wenn zweifellos solche Anschaulichkeitserlebnisse geeignet sind, im Betrachter eine gewisse innere Beweglichkeit zu stärken, so werden doch jene, die sich vom Kunstwerk „Unterstützung“ erhoffen für ihre spezifischen, vor-formulierten Anliegen, letztlich von ihm enttäuscht sein, welches diese Art „direkter“ Hilfe weder bieten kann noch soll.

Honoré Daumier: "Les Émigrants", ca. 38 x 48 cm, Gipsrelief, Musée d’Orsay, Paris

Honoré Daumier: „Les Émigrants“, ca. 38 x 48 cm, Gipsrelief, Musée d’Orsay, Paris

Vielleicht liegt ja gerade in dieser Unfähigkeit des Kunstwerks, die wichtige Funktion einer Hilfe, einer Aussage, einer Aufklärung zu übernehmen, seine Stärke. Dadurch, dass es keine Meinung oder Botschaft enthält und keine „Haltung einnimmt“ – gerade dadurch spricht es von der Würde der Menschen!   Diese beruht ja weder auf der Funktionstüchtigkeit des Einzelnen, noch auf einer Parteinahme, mit der er allenfalls Wichtigkeit und Bedeutung innerhalb seines Umfelds zu erlangen hofft.

Honoré Daumier: "Les Fugitifs ou Les Émigrants", ca. 16 x 30 cm, Kohlezeichnung auf Papier, Musée du Petit Palais, Paris

Honoré Daumier: „Les Fugitifs ou Les Émigrants“, ca. 16 x 30 cm, Kohlezeichnung auf Papier, Musée du Petit Palais, Paris

Meines Erachtens ist die Tätigkeit eines Künstlers (resp. Schriftstellers) nicht ethisch motiviert. Ich glaube an eine umgekehrte, „indirekte“ Wirksamkeit der Kunst : Indem der Maler Gestaltungsmöglichkeiten, die sich ihm von innen her aufdrängen, ergreift und entfaltet, gibt er auch, unbewusst-spontan, seiner Art von Bezogenheit auf andere Menschen Ausdruck. Ebenso gibt der Schriftsteller mit der Gestaltung seiner Sprache preis, wieweit er sich als vielschichtig und verflochten erlebt.

Das muss genügen – denn, auf dieser Basis einer geglückten Gestaltung aufbauend, kann der Austausch zwischen Künstler und Betrachter (resp. Leser) in Gang kommen. Stellt hingegen der Künstler (s)ein „Anliegen“ – und sei es noch so nobel – in den Vordergrund, so blockiert gerade diese Absichtlichkeit die gemeinsame Bewegung hin zu einer besseren Welt.

Manfred Cuny, Maler, Bildhauer
manfredcuny@bluewin.ch

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FRANK AUERBACH UND HANS JOSEPHSOHN
Parallelen: Ein Hinweis
Zum 85. Geburtstag von Frank Auerbach, Teil 2

Vor zwei Wochen

Vor zwei Wochen erwähnte ich, dass mir, als ich ein altes Du-Heft durchblätterte, erstaunliche Parallelen zwischen Frank Auerbach und Hans Josephsohn aufgefallen waren (siehe den ersten Teil dieses Beitrags).

Diese beiden Künstler sind, soweit ich weiss, in der Fachliteratur nie nebeneinander gestellt, ihr Werk nie miteinander verglichen worden. Das ist seltsam.

Hans Josephsohn: "Relief, ohne Titel", um 1999, Bronze, 103 x 73 x 36 cm

Hans Josephsohn: „Relief, ohne Titel“, um 1999, Bronze, 103 x 73 x 36 cm

Denn die Parallelen sind in meinen Augen stark. Sie betreffen nicht nur das Werk, das die beiden über die Dauer von sechs Jahrzehnten geschaffen haben. Sie finden sich auch, wenn man die Arbeitspraxis der beiden, ja ihr gesamtes Leben betrachtet.

In diesem Teil 2 wie im folgenden Teil 3 dieses Beitrags sollen die Werkähnlichkeiten zur Sprache kommen. In den Teilen 4 und 5 werden dann die Verwandtschaften im Bereich der Arbeits- und Lebensweise ins Visier genommen.

Frank Auerbach: "Head of David Landau", 2005–2006, Öl auf Leinwand, 61,3 x 56,5 cm, Privatsammlung, Marlborough Fine Art; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Frank Auerbach: „Head of David Landau“, 2005–2006, Öl auf Leinwand, 61,3 x 56,5 cm, Privatsammlung, Marlborough Fine Art; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Da dies ein Blog – und kein Buch – ist, machen lange Beiträge keinen Sinn. Man muss kurz sein. Das ist aber schwierig.

Schwierige Kürze

Denn es geht hier schliesslich um das Werk, das zwei Menschen mit der grössten Ernsthaftigkeit und Konzentration, die ihnen zu Gebote stand, durch ein langes Leben hindurch geschaffen haben. Wie soll man da huschihusch darüber reden? Parallelen ziehen!? Die Gefahr ist, unsensibel, verfälschend und oberflächlich zu sein, indem man mit allzu grob und schnell gezimmerten Begriffsschubladen, eine Strichelliste vor Augen, behauptete Parallelitäten im Schnelldurchgang belegen will. Grössere Behutsamkeit und Langsamkeit wäre angesagt. Das aber würde mehr Platz erfordern.

Blick in das Atelier von Hans Josephsohn mit seinen Werken in Gips, Zürichbergtrasse, Zürich, um 1961

Blick in das Atelier von Hans Josephsohn mit Werken in Gips, Zürichbergtrasse, Zürich, um 1961

Ich will den Versuch zur Kürze trotzdem wagen. Mein Trost ist:

Mögliche Bücher

Wer interessiert ist, kann Bibliotheken aufsuchen und sich in die Materie selber vertiefen. Er oder sie mag am Schluss sogar ein Buch über die hier angesprochenen Dinge schreiben und dabei die Verweise vertiefen, Querbeziehungen zu anderen, hier nicht genannten Künstlerinnen und Künstlern finden – diese gibt es, und es wäre sicherlich interessant, solchen Fährten nachzugehen.

Frank Auerbach: "ParkVillageEast–Autumn,1998,ÖlaufLeinwand,127,9×153cm, Privatsammlung; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Frank Auerbach: „Park Village East–Autumn“,1998, Öl auf Leinwand, 127,9×153cm, Privatsammlung; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Üben wir uns also in Kürze – und beginnen, wie versprochen, mit einigen wichtigen Ähnlichkeiten im Werkansatz der beiden Künstler.

DIE ÄHNLICHKEITEN

1.) Das Menschenbild als Obsession

Beide Künstler haben sich mit aussergewöhnlicher Insistenz, Hartnäckigkeit und Konzentration ein Leben lang fast ausschliesslich mit der Figur des Menschen beschäftigt. Andere Themen sind in ihrem Werk kaum – und wenn überhaupt, nur sehr selten – anzutreffen.

Hans Josephsohn: "Kopf, ohne Titel, (Alte italienische Frau)", 1955–57, Bronze, 46 x 32 x 39 cm

Hans Josephsohn: „Kopf, ohne Titel, (alte italienische Frau)“, 1955–57, Bronze, 46 x 32 x 39 cm

„Gemeinsam mit seinen Malerkollegen Francis Bacon oder Lucian Freud hat sich der 1931 in Berlin geborene und seit 1939 in England lebende Auerbach – neben Stadtansichten seiner unmittelbaren Umgebung im Norden von London [siehe Abbildung zum Auerbach-Werk „Park Village East–Autumn“ hier weiter oben] – bedingungslos der Wahrnehmung und den Darstellungsmöglichkeiten des menschlichen Körpers verschrieben, die er in rund 60 Schaffensjahren an einer überschaubaren Anzahl verschiedener Modelle in aufeinanderfolgenden Portraits festhält.“ (Invar-Torre Hollaus: Frank Auerbach, Piet Meyer Verlag, Bern/Wien 2016, S. 11; im folgenden „Hollaus“).

Frank Auerbach: "Portrait of Sandra", 1973–1974, Kohle und Kreide auf Papier, 81,3 × 55,9 cm, Privatsammlung, Marlborough Fine Art; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Frank Auerbach: „Portrait of Sandra“, 1973–1974, Kohle und Kreide auf Papier, 81,3 × 55,9 cm, Privatsammlung, Marlborough Fine Art; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

„Er [Auerbach] ist mit Giacometti in seiner Unnachgiebigkeit, in seinem instistierend (…) bohrenden Wunsch, durch die blosse Hartnäckigkeit der Zeichnung eine klassische Ordnung im Aufruhr visuellen Eindrucks zurück zu gewinnen, verwandt. (…) Die Dichte ist (bei ihm) eine Form der Realismus.“ (Robert Hughes zit. durch Hollaus, S. 46)

Diese herausragende Fokussierung auf das Menschenbild gilt auch für Hans Josephsohn.

Hans Josephsohn in seinem ersten Atelier an der Bergstrasse in Zürich, um 1944/45

Hans Josephsohn in seinem ersten Atelier an der Bergstrasse in Zürich, um 1944/45

„Josephsohn machte von Anfang an deutlich, dass es ihm stets um den Bezug zur menschlichen Figur ging. Damit stellte er sich in eine grosse Kunstgeschichte, jenseits der Bestrebungen der Moderne und unabhängig vom Zeitgeist. In Zürich [wo Josephsohn lebte], der Hochburg der Konkreten, und in einer Zeit, als die Ungegenständlichkeit Hochkonjunktur feierte, blieb er ein Einzelgänger.

Mit Alberto Giacometti vergleicht man ihn nicht wegen formaler Ähnlichkeiten, sondern wegen seiner Beharrlichkeit und seines Insistierens auf der Notwendigkeit, nach dem zeitgemässen Bild vom Menschen zu suchen.“ (Stephan Kunz, in Du, Mai 2015, im Hans Josephsohn gewidmeten Du-Heft, S. 20; im folgenden „Du“)

In der ausführlichen Monografie, die Gerhard Mack diesem Künstler gewidmet hat (Hans Josephsohn, Scheidegger & Spiess, Zürich 2005) – einem sehr guten Buch, bin ich nur sehr wenigen Werken begegnet, auf denen nicht bloss Menschen, sondern – wie in der hier folgenden Abbildung – Häuser (oder manchmal Vögel) dargestellt sind:

Hans Josephsohn: "Relief, ohne Titel, (Figur und Häuser)", 1950–52, Bronze, 140 x 115 x 15 cm

Hans Josephsohn: „Relief, ohne Titel, (Figur und Häuser)“, 1950–52, Bronze, 140 x 115 x 15 cm

Im Grossen und Ganzen gilt auch für ihn die Monothematik:

„Das finde ich immer noch beeindruckend, dass jemand [wie Josephsohn] über sechzig Jahre der gleichen Frage nachgeht, nämlich der nach der bildhauerischen Umsetzung der menschlichen Figur als Skulptur.“ (Ulrich Meinherz im Gespräch mit Oliver Prange, Du, S. 46–47)

Kunstkritiker haben, wie wir gesehen haben, vor dem Werk dieser beiden Künstler oft auf den späten Alberto Giacometti verwiesen – mit gutem Grund. Der Verweis auf den jeweils anderen Kollegen, den ich hier nenne (Auerbach für Josephsohn und umgekehrt), ist jedoch unterblieben.

2.) Beschränkung auf wenige Modelle

Das Zitat von Hollaus sagte es: Frank Auerbach hat sein Leben lang mit relativ wenigen Modellen gearbeitet.

Frank Auerbach: "Reclining Head of Julia II", 1997, Acryl auf Hartfaser, 56,2 × 68,6 cm, Privatsammlung, Marlborough Fine Art; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Frank Auerbach: „Reclining Head of Julia II“, 1997, Acryl auf Hartfaser, 56,2 × 68,6 cm, Privatsammlung, Marlborough Fine Art; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

„Ausser Auerbach arbeitet wohl kein Künstler im 20. und frühen 21. Jahrhundert in einer derartigen Regelmässigkeit und Beharrlichkeit über einen derart langen Zeitraum mit immer denselben Modellen.“ (Hollaus, S. 119–20)

So sass Catherine Lampert, die sehr begabte britische Kunstkritikerin und Kuratorin, ihrem Freund Auerbach über 40 Jahre lang regelmässig für Porträtarbeiten. Ihr Fall ist insofern interessant, als sie aus der Kenntnis, die sie in dieser langen Zeit der Begegnungen und Gespräche mit ihm gewonnen hat, verschiedene hochkarätige Ausstellungen, Kataloge und Bücher über ihn produziert hat.

Zuletzt die bedeutende Auerbach-Ausstellung in der Tate Britain (9. Oktober 2015–13. März 2016), die vorher im Kunstmuseum in Bonn (4. Juni – 13. September 2015) zu sehen war. Zu dieser gewichtigen Ausstellung hat Lampert auch den Katalog vorgelegt.

Diese Konzentration auf wenige Modelle galt zeit seines Lebens auch für Hans Josephsohn.

Hans Josephsohn: "Stehende", 1954, Gips, 82 x 24 x 20 cm

Hans Josephsohn: „Stehende“, 1954, Gips, 82 x 24 x 20 cm

„Er [Josephsohn] ging für alle seine Figuren von einem Modell aus –, also von einem persönlichen Gegenüber, der Impuls für eine Skultpur kam immer von einer realen Person, wie sie im Raum steht – auch wenn er schliesslich keine Porträts im eigentlichen Sinne gemacht hat.

Es ging ihm viel allgemeiner um das Dasein des Menschen, und er übersetzte das in eine Skulptur – in einer bildhauerischen Sprache, die gewissermassen parallel zur Realität funktioniert.“ (Ulrich Meinherz im Gespräch mit Oliver Prange, Du, S. 46)

Es fällt auf, dass beide Künstler bei der Wahl ihrer Modelle/Sitters recht ähnlich vorgingen: Sie wählten Freunde, Bekannte oder sonst Menschen aus, die sie schon länger kannten, denen sie vertrauen konnten und die sie deshalb gerne in ihrem Atelier – einem für sie sehr privaten, unbedingt schützenswerten Bezirk – um sich haben wollten.

Konsequenzen

Die Beschränkung auf wenige Modelle hatte Konsequenzen:

a) Die geringe Anzahl eingeladener Modelle bewirkte, dass über die Jahre zahlreiche Werke ausgehend von einem einzigen Modell geschaffen worden sind.

Frank Auerbach: "Reclining Head of Julia II, 2001, Bleistift und Grafit auf Papier, 57,3 × 75,6 cm, Privatsammlung; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Frank Auerbach: „Reclining Head of Julia II, 2001, Bleistift und Grafit auf Papier, 57,3 × 75,6 cm, Privatsammlung; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Eine Qualität des Auerbach-Buches von Invar-Torre Hollaus ist, dass er alle Porträtgruppen von Auerbach zusammengestellt und mit Abbildungen versehen und auf ihre Spezifika hin analysiert hat (siehe sein Kapitel „Die Modelle (»Sitters«)“ ab Seite 119 seines Buches).

b) Die Beziehungen, die sich über die Jahre zwischen Künstler und Modell entwickelt haben, gewannen über die lange Dauer an Tiefe, Intimität und stillem Einverständnis. Manche Modelle haben von der für sie beglückenden oder, im Gegenteil, manchmal ermüdenden oder verstörenden Erfahrung berichtet, dem Künstler sitzen zu dürfen.

Ein Beispiel:

David Landau, der Auerbach seit 1982 als Modell diente, und von dem ich hier oben (als zweite Abbildung in diesem Teil) ein Porträtbild von 2005/06 zeige, berichtet:

„Wenn ich Glück habe, spüre ich seinen steigenden Enthusiasmus und er beginnt mit sich selbst zu reden: ‚Don’t do that … Don’t do that.‘ Dann versuche ich so flat, so ruhig zu werden wie eine Flasche von Morandi. Ich würde dann am liebsten gar nicht existieren.“ (zit. durch Hollaus, S. 141)

Man könnte vermutlich ein schönes Buch zusammenstellen mit Zitaten von Menschen, die sich Künstlern oder Künstlerinnen in den letzten Jahrhunderten als Modell zur Verfügung gestellt haben. Ein solches Buch – von der Renaissance bis heute gehend – ist mir nicht bekannt.

3.) Beschränkung auf Einzelportraits – kaum Gruppenportraits – kleine Anzahl von Selbstporträts

Beide Künstler haben sich in der Regel auf Einzelporträts beschränkt, also keine Gruppenporträts produziert.

Hans Josephsohn: "Stehende Figur, ohne Titel (Eleonora), um 1955, Gips, 73 x 23 x 20,5 cm

Hans Josephsohn: „Stehende Figur, ohne Titel, (Eleonora)“, um 1955, Gips, 73 x 23 x 20,5 cm

Und sie haben – etwa im Vergleich zu Rembrandt – vergleichsweise wenig Selbstporträts gezeichnet, gemalt oder modelliert. Hier eines der wenigen Gegenbeispiele von Auerbach:

Frank Auerbach: "Self-Portrait", 1973–1974, Kohle und Kreide auf Papier, 81,3 × 55,9 cm, Privatsammlung, Marlborough Fine Art; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Frank Auerbach: „Self-Portrait“, 1973–1974, Kohle und Kreide auf Papier, 81,3 × 55,9 cm, Privatsammlung, Marlborough Fine Art; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

In acht Wochen, am Mittwoch, 6. Juli, werde ich auf eine weitere, in meinen Augen: zentrale Parallele im Werk dieser beiden Künstlern zu sprechen kommen.

BLEIBEN SIE AUERBACH, JOSEPHSOHN UND DIESEM BLOGGER TREU!

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DEUS ANTE PORTAS
Auf die Plätze fertig los!
Auf ein Halleluja!

Ist es Zufall?

Art in America, die amerikanische Kunstzeitschrift, bespricht in ihrer Februar-2016-Nummer sechs Bücher (ich habe sie gezählt).

Hier die Titel dieser Bücher. Man wird schnell feststellen, wohin der Hase hoppelt:

Charlene Spretnak: The Spiritual Dynamic in Modern Art: Art History Reconsidered, 1800 to the Present (Palgrave Macmillan, London 2014)1Aaron Rosen: Art + Religion in the 21st Century (Thames & Hudson, London 2015)
2Ronald Bernie: The Unspeakable Art of Bill Viola: A Visual Theology (Pickwick Publication, Eugene, Ore., USA, 2014)

3Andreas Andreopoulos: Art as Theology: From the Postmodern to the Medieval (Routledge, New York, 2014)4Charles Palermo: Modernism and Authority: Picasso and His Milieu Around 1900 (University of California Press, Berkeley 2015)5Da der Titel hier nicht viel hergibt, zitiere ich aus der von der Redaktion beigefügten Information: „Challenging the notion of modernism as a break with religion, art historian Charles Palermo reconsiders Pablo Picasso’s early paintings…“

Archie Rand: The 613 (Blue Rider, New York 2015)6Da der Titel hier nicht viel hergibt, zitiere ich aus der von der Redaktion beigefügten Information: „Artist Archie Rand illustrates each of the 613 Jewish mitzvahs, or commandments (…) The dramatic panels narrate the Old Testament maxims.“

Auf den ersten Blick also staunenswert: So viele Bücher, alle um das Thema Kunst, Religion und Spiritualität kreisend. Bücher zu anderen Themen wurden nicht rezensiert.

Zufall?

Nein, sicher nicht. Es ist klar, dass die Redaktion ihre Arbeit gemacht und in dieser Nummer versucht hat, ein logisches Paket zu schnüren mit Publikationen, die sich thematisch gleichen. Immerhin, gute Journalistenarbeit.

Bemerkenswert und irgendwie staunenswert bleibt diese religionslastige Häufung für uns Europäer aber trotzdem. Art in America ist ja keine Religionszeitschrift, sondern eine Kunstzeitschrift.

The path to enlightenment

Blättert man anschliessend, weil man schon dabei ist, noch eine amerikanische Kunstzeitschrift aus diesem Frühjahr durch, nämlich ARTNEWS (Spring 2016), findet man dort ein Interview mit Jeff Koons, dem ultimativen Mr Ober-Super-Cool der heutigen Kunstwelt (ab Seite 28ff).

Bill Powers fragt ihn dort:

„You almost sound like you’re talking about the path to enlightenment.“

Und er, ganz selbstverständlich, immer die Ruhe in Person, mit leuchtenden Augen, siehe die vielen Fotos, die ihn zeigen: „Absolutely. For me, I’m always trying to seek a higher level of consciousness. I would like to experience the ultimate freedom of gesture, to exercise that freedom.“

Ooh! Echt cool, echt ganz cool – today’s cool-style, offenbar. „To seek a higher level of consciousness“: So redeten in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts in den USA diverse Propheten, zum Teil sehr interessante Leute: Alan Watts, oder Timothy Leary zum Beispiel, der Harvard-LSD-Papst jener Jahre. Und viele andere.

Aber heute? Was haben wir da vor uns?

Zahnpasta statt LSD

Vermutlich einfach eine neue Variante ultracooler, smarter, schicker Marketing-Programmschnulze: eines Sülzgewäschs, das so clean, desinfiziert und spirituell nobilitiert daherkommt, das es niemandem wehtut.

Denn Koons plädiert ja in diesem Interview weder für eine wie immer geartetete ernstgemeinte spirituelle Revolution (wie die Urchristen vor 2000 Jahren zum Beispiel), noch für den Gratisvertrieb von Peyotl oder anderen „bewusstseinserweiternden“ Drogen (wie der erwähnte Leary, zum Beispiel).

Er hat sich einfach, so mein Eindruck, eine neue Zahnpasta beschafft, eine esoterisch aufgepeppte Paste, die noch weisser bürstet als die früheren aus den alten Drogerieabteilungen der Marketingwelt. Man muss ja schliesslich auf den Tausend Fotos, die um die Welt gehen, als immerzu strahlend lächelnder, erfolgreicher Glücklichmann rüberkommen.

Glaubt er selber an solches Reden? Sicher.

Er würde sonst – die erwähnten Fotos bezeugen es – nicht überall so „glaubhaft“ entspannt und rundum-penetrant-happy rüberkommen: der ewig junge US-Sonnyboy auf Globaltournee durch die Gazetten dieser Welt.

Sicher ist aber auch folgendes:

Ausser Atem

Sicher ist, dass solches Gerede bei jener globalisierten Kundschaft gut ankommt, auf die es Herr Koons abgesehen hat: auf die beautiful people with a lot of money having such a good time all the time buying so much expensive art everywhere all the time so nice and so wonderful etc.

Da kann man schon etwas ausser Atem geraten, bei so viel Happiness und Kaufrausch (und Konkurrenz zum ekelhaft gleich neben einem herhechelnden Mitsammler).

So dass man sich schliesslich fragen mag: Ist, wenn man schon fast „alles“ hat, „Erleuchtung“ vielleicht das letzte ultimative Zückerchen, das letzte lohnenswerte Ziel, das anzustreben ist?

The New Shopping-Gospel (NSG)

Was, plopplopp, die nächste Frage aufwirft: Kann man Erleuchtung vielleicht kaufen, indem man einen Koons kauft?

Just shop a new Koons and you will come to heaven!
Just shop a new Koons and you will get instant enlightenment!

Ja, so liesse sich das neue Mantra formulieren.

Ich sehe schon die neue Hare Krishna-, pardon: Hare Koons-Bewegung auf der Madison Avenue in New York, der Bond Street in London, den Champs-Élysées in Paris, federnd auf und ab wippend, mit einem hygienischen Dauergrinser auf den Lippen, happily chanten:

BUY KOONS –
BUY HAPPINESS –
BUY A HIGHER LEVEL OF CONSCIOUSNESS!

Denkbar ist heute ja (fast) alles.

Man müsste es halt ausprobieren.

(Schreiben Sie mir, falls Sie da schon Erfahrungen gesammelt haben sollten! Das wäre echt interessant. Sie können auch, das wissen Sie ja, als Gast-BloggerIn hier selber was schreiben. Ich werde mich bemühen, keine Zensur auszuüben. Honorar kann ich allerdings keines bezahlen. Aber das sollte ja kein Problem sein…)

Vermutlich werden puritanisch gesinnte Kunstsammler beim geschilderten Ansinnen – Buy Koons, Get Heaven – reflexhaft Bedenken empfinden. Sie werden das alte Gegengospel noch im Ohr haben, das ihnen alte misspetrige Religionslehrer so lange eingetrichtert haben:

Liebe Leute! That is no easy way! Für den Himmel müsst ihr leiden! LEIDEN!
Konsum ist des T….., nicht des Himmels! Habt Christus vor Augen, der für euch am Kreuz gestorben ist. Er soll euer Vorbild sein!

Klartext:

Schoppen: dhäd isch gar kein way tu wischdom!
Ju have to gätt hääwen in a toddalli adder wäy!

Ist dem so? Wer weiss denn heute noch Bescheid?!

Heute behauptet doch jeder und jede irgendetwas immer irgendwo irgendwie.

The Big Mantra

Back to serious: Es ist Ihnen, werte Leserin, werter Leser, ja sicherlich auch aufgefallen, dass seit ein paar Jahren Werbung manchmal das Bild von Meditierenden oder von in ollen Yoga-Übungen sich Verrenkenden einsetzt: Bilder, die helfen sollen, das richtige Yoghurt oder Wasser an Herr und Frau Schmitz zu bringen. Plakate, die dann in Bahnhöfen und an anderen Orten (so schön fies) hängen, wo Millionen durchhetzen, den nächsten Zug erwischen müssen, in Gedanken daran, die Kinder im Kindergarten nicht warten zu lassen, den Job nicht zu verlieren.

Da will doch jeder gerne das grosse Mantra der Befreiung hören.

Herr Koons jedenfalls hat vermutlich das genau richtige für seine Kundschaft gefunden.

Und, nun? Sind wir klüger nach all dem Gesagten? Was soll man vom Ganzen halten?

Zweimal ein Fazit

  1. Fazit: Begriffe wie „Kunst“, „Leben“, „Wahrheit“, „Religion“, „Spiritualität“, „Erleuchtung“, etc., sind heutzutage wirklich patent praktische Dinger. Man kann da alles Mögliche reinpacken – diese Kistchen sind, wie es die heutige Zeit verlangt, beliebig flexibel und vermeintlich total demokratisch in ihrer Aufnahmefähigkeit. Jeder und jede kann da reinpacken was er oder sie will. Die grosse Freiheit halt!

Da ist es kein Wunder, dass – zurück zu den weiter oben abgebildeten Kunstbüchern – so viele Werke zum genannten Thema erscheinen. Der Mister, den ich eben zitiert habe, wird mit 100%iger Sicherheit auf den Seiten einiger dieser Bücher mit frisch geputzten, strahlend weissen Zähnchen seine coole Aufwartung machen.

  1. Fazit: Bevor Sie wieder mal unüberlegt und unreflektiert in Depression verfallen und einer tristen Tischrunde mit hängenden Augen und fatalem Unterton predigen:

„Ach ja! Die heutigen Zeiten! DA glaubt doch keiner mehr an gar nichts mehr. Im Gegensatz zu früher, da hatte man noch den Lieben Gott. Die Aufklärung hat alles hinweg gefegt. Und dann kam noch der olle Nietzsche. Seither ist alles (mit Seufzer ausgesprochen) im Eimer, kaputt, ich sag es euch! Eine böse, bööse Welt ist das!“

Also, bevor Sie nächstes Mal wieder in ein solches Küchenlamento ausbrechen (Sie haben ja schwer recht!), besorgen Sie sich vorher die oben genannten Bücher. Lesen Sie diese aufmerksam durch. Da werden Sie Munition finden. Da werden Sie in selbiger Tischrunde plötzlich folgende frohe Botschaft verbreiten können:

„Alles halb so wild, liebe Leute! Jetzt weiss ich Bescheid (mit optimistisch aufwärtssteigendem Tremolo hingeflötet). Die Künstler haben den Lieben Gott wieder entdeckt! Es geht aufwärts, jojo, es geht auffi, liebe Leute!“

Da geht’s uns doch allen gleich wieder besser.

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FRANK AUERBACH UND HANS JOSEPHSOHN
Parallelen: Ein Hinweis
Zum 85. Geburtstag von Frank Auerbach

Spieglein, Spieglein an der Wand

Frank Auerbach in seinem Atelier, 1955, unbekannter Fotograf; mit freundlicher Genehmigung von Marl- borough Fine Art, London

Frank Auerbach in seinem Atelier, 1955, unbekannter Fotograf; mit freundlicher Genehmigung von Marlborough Fine Art, London

In Hardcore-Kreisen der Kunstwissenschaft ist es verpönt, vom Leben auf die Kunst schliessen zu wollen: Mit Hilfe der Vita einer Künstlerin oder eines Künstlers irgendetwas Tiefergehendes über deren Werk aussagen zu wollen.

Nach dieser puristischen Anschauung erscheint Kunst wie aus sich selbst, ganz pur, ganz unbefleckt vom banal-irdenen Menschenleben entstanden zu sein – sie, die hohe, hehre, so überzeitlich und gross vor uns stehende Kunst.

Frank Auerbach: "Head of Jake", 2009–2010, Grafit, Kohle und Kreide auf Papier, 76 × 58 cm, Privatsammlung; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Frank Auerbach: „Head of Jake“, 2009–2010, Grafit, Kohle und Kreide auf Papier, 76 × 58 cm, Privatsammlung; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Ein solcher Ansatz kann in meinen Augen nur einseitig sein. Kunst wird schliesslich von Menschen gemacht. Schwer vorstellbar, bei einem solchen Theorieansatz müsse der Weisheit letzter Schluss liegen.

Frank Auerbach: "Self-Portrait", 2012, Grafit und Kreide auf Papier, 58,4 × 78,1 cm, Privatsammlung; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Frank Auerbach: „Self-Portrait“, 2012, Grafit und Kreide auf Papier, 58,4 × 78,1 cm, Privatsammlung; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Aber auch das Gegenteil führt schnell zu unbefriedigenden Ergebnissen: Das Werk einer Künstlerin, eines Künstlers aus ihrer/seiner Vita – oder aus Elementen dieses Lebens – mehr oder weniger direkt kausal ableiten zu wollen, ihre Kunst so quasi „erklären“ zu wollen, kann nur – im wahrsten Sinne des Wortes – verkürzend und deshalb verfälschend sein.

Denn das Kunstwerk mit seiner ihm ganz spezifisch innewohnenden Logik, seiner inneren Kraft und Spannung, seinem Innenleben und Geheimnis, seiner Aura und Magie wird bei solchem Tun in seiner Integrität aussenvor gelassen. Das Werk wird nur als aussagekräftiges Dokument, als „Fakt“ gesehen, als Zeugnis oder, im schlimmsten Fall gar als Symptom behandelt, das sich damit zu begnügen hat, über etwas anderes auszusagen.

Eine solche Vorgehensweise, reduktionistisch und letztlich unsensibel, hat etwas von Missbrauch: Kunst wird hier zu einem anderen Zweck eingesetzt als sie der Künstler oder die Künstlerin geschaffen hat.

Kein Wunder, dass echte Kunstfreunde hier oft mit Zorn reagieren.

Und doch, so einfach ist die Sache nicht!

Die Sache ist aber, wie das Leben, so vertrackt, dass wir sie hier – nicht unähnlich einer heissen Kartoffel – gleich wieder fallenlassen und nicht weiter verfolgen wollen. Die Chance, sich damit die Finger zu verbrennen, ist – autsch! – echt recht gross.

An diese schwierige Debatte wollte ich hier aber trotzdem kurz erinnern. Denn wir wollen uns im Folgenden einem Künstler, Frank Auerbach zuwenden, vor dem viele Kunstkritiker in den letzten Jahrzehnten manchmal etwas hilflos agiert haben. Im Verlauf der weiteren – insgesamt vier – Teile dieses Beitrags wird der Sinn des eben Gesagten sicherlich klarer werden.

Frank Auerbach

Frank Auerbach: " In the Studio IV", 2013–2014, Öl auf Leinwand, 122,5×117,5cm,Marlborough Fine Art; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Frank Auerbach: “ In the Studio IV“, 2013–2014, Öl auf Leinwand, 122,5×117,5cm,Marlborough Fine Art; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Ich möchte mich ihm zuwenden, weil ich ihn erstens für einen grossen Künstler halte. Zweitens für einen Maler, der in unseren Breitengraden – im Gegensatz zur angelsächsischen Welt ­– zu wenig bekannt ist. Und dann: weil er in zwei Tagen, nämlich am 29. April seinen 85. Geburtstag begeht! Das ist ein stolzes Alter, da hat man doch schon allerhand hinter sich. Wir wünschen ihm alles Gute!

Bruce Bernard: "Frank Auerbach in seinem Atelier", 1986 (mit freundlicher Genehmigung von Marl- borough Fine Art, London)

Bruce Bernard: „Frank Auerbach in seinem Atelier“, 1986; mit freundlicher Genehmigung von Marl- borough Fine Art, London

Frank Auerbach (geb. 1931) gilt mit Francis Bacon und Lucian Freud als einer der wichtigsten britischen Maler seiner Generation. Die Londoner Times hat ihn kürzlich „als unseren größten lebenden Maler“ bezeichnet.

rank Auerbach: "Head of E. O. W., 1956, Kohle und Kreide auf Papier, 76,2 × 55,9 cm, Privatsammlung; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Frank Auerbach: „Head of E. O. W.“, 1956, Kohle und Kreide auf Papier, 76,2 × 55,9 cm, Privatsammlung; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Weil ich diesen Künstler als wesentlich und am deutschen Buchmarkt als zu wenig präsent erachte, habe ich in meinem Verlag vor zwei Wochen ein gewichtiges Buch herausgebracht: Die erste Monografie, die im deutschsprachigen Raum über ihn verfasst worden ist. Geschrieben hat sie Invar-Torre Hollaus, Dozent an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Basel. Er ist Kunsthistoriker mit deutsch-österreichischen Wurzeln und hat bei Prof. Gottfried Boehm (über Auerbach) doktoriert.

Invar-Torre Hollaus: "Frank Auerbach", mit Statements von Georg Baselitz, Helmut Federle, Robert Zandvliet, Eberhard Havekost und Patrick Rohner, Piet Meyer Verlag, Bern/Wien 2016, 396 S., 93 Abben., davon 89 in Farbe

Invar-Torre Hollaus: „Frank Auerbach“, mit Statements von Georg Baselitz, Helmut Federle, Robert Zandvliet, Eberhard Havekost und Patrick Rohner, Piet Meyer Verlag, Bern/Wien 2016, 396 S., 93 Abben., davon 89 in Farbe

Es ist ein grosses und sehr schönes, reich illustriertes Buch geworden, dessen Text auf umsichtige, sensible, kluge, ja profunde Weise auf das sperrige – sich nicht leicht erschliessende – Werk von Auerbach hinführt.

Frank Auerbach: " The Tree Opposite", 2008, Öl auf Leinwand, 121,9 × 122,2 cm, Privatsammlung; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Frank Auerbach: “ The Tree Opposite“, 2008, Öl auf Leinwand, 121,9 × 122,2 cm, Privatsammlung; Copyright: © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Hollaus, der auch Ausstellungen kuratiert und deshalb viele zeitgenössische Künstler persönlich kennt, hat ein paar seiner Bekannten nach ihrer Einschätzung zu diesem Maler gebeten. So sind ein paar interessante Statements zusammengekommen, die dem Buch vorangestellt sind. Hier drei Kurzzitate aus diesen Mitteilungen:

»Ich habe viele Verbeugungen vor 
Frank Auerbach gemacht!«

GEORG BASELITZ

»Auerbach sucht wie kaum ein anderer, vergleichbar vielleicht seinen Kollegen Leon Kossoff oder van Gogh oder Eugène Leroy. Es geht hier um existenziell notwendige Suche nach tiefer Wahrhaftigkeit, nach tiefer Schönheit.«
HELMUT FEDERLE

Frank Auerbach: " Tower Blocks, Hampstead Road", 2007, Öl auf Leinwand, 132,4 × 117,1 cm, Privatsammlung; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Frank Auerbach: “ Tower Blocks, Hampstead Road“, 2007, Öl auf Leinwand, 132,4 × 117,1 cm, Privatsammlung; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

»Malerei ohne Auerbach zu denken 
hat keine Zukunft!«

EBERHARD HAVEKOST

Und David Sylvester

Und vor Jahren hatte auch der in Kunstkreisen früher sehr bekannte, von mir bewunderte, mittlerweile verstorbene englische Kunstkritiker David Sylvester (jener, der mit Francis Bacon die buchlangen Gespräche geführt hat) sich mehrfach positiv über Auerbach geäussert:

»Frank Auerbach hat die Eigenschaften, die einem Künstler Größe geben – Furchtlosigkeit; eine tiefe Originalität; völliges Aufgehen in dem, was ihn gepackt hat; vor allem aber: Strenge und Souveränität in seinen Formen und Farben.«
DAVID SYLVESTER

»Heute machen wir aus Malern, die noch an der Kunstschule sind, Helden, aber es gibt in diesem Land nur einen Nachkriegsmaler, Frank Auerbach, der in meinen Augen vor seinem 25. Lebensjahr so viel erreicht hat wie Francis Bacon.«
DAVID SYLVESTER

 Und Hans Josephsohn?

Unbekannter Fotograf: Hans Josephsohn mit seiner ersten Frau Mirjam im Sommer 1951 in seinem Atelier an der Bergstrasse in Zürich

Unbekannter Fotograf: Hans Josephsohn mit seiner ersten Frau Mirjam im Sommer 1951 in seinem Atelier an der Bergstrasse in Zürich

Und Hans Josephsohn (1920–2012)? Weshalb habe ich seinen Namen neben jenen von Frank Auerbach in den Titel dieses Beitrags gesetzt? Was haben die beiden miteinander zu tun? Josephsohn war kein Maler, sondern Bildhauer, er lebte in Zürich, nicht in London. Die beiden haben sich nicht gekannt.

Eine wertvolle Du-Nummer

Bei der Arbeit am Hollaus-Buch fiel mir in Zürich die Nummer in die Hand, welche die Schweizer Kulturzeitschrift Du im Mai 2015 Hans Josephsohn gewidmet hatte.

Hans Josephsohn gewidmete Nummer von "Du", Mai 2015 ("Du" 856)

Hans Josephsohn gewidmete Nummer von „Du“, Mai 2015 („Du“ 856)

Eine schöne, sehr reiche Nummer. Da ich mitten in der Auerbach-Arbeit steckte, fielen mir schon beim ersten Anblättern Parallelen zwischen den Ansätzen von Auerbach und Josephsohn ins Auge. Diese Aussage wird die jeweiligen Spezialisten dieser beiden Künstler vermutlich zuerst etwas irritieren.

Denn die beiden Künstler haben mit einiger Wahrscheinlichkeit nie das Werk des anderen im Original gesehen. Vielleicht war ihnen gar der Name des anderen unbekannt. Wie sollen sie sich da beeinflusst haben? Wo sollen da Parallelen herkommen?

Werke von Hans Josephson, darunter, zuvorderst stehend, "Kopf", 1956, Abguss in Messing, 46 x 31 x 36 cm, im Kesselhaus Josephsohn, Foto von 2004

Werke von Hans Josephson, darunter, zuvorderst stehend, „Kopf“, 1956, Abguss in Messing, 46 x 31 x 36 cm, im Kesselhaus Josephsohn, Foto von 2004

Stimmt.

Und es ist auch so: In der mir bekannten Literatur zu Frank Auerbach wird der Name Josephsohn nie erwähnt. Der eben erwähnte Basler Auerbach-Spezialist Invar-Torre Hollaus bestätigt diesen Befund. Und die hervorragende Du-Nummer über Josephsohn, deren Cover ich hier oben abbilde, erwähnt zwar Künstler wie Giacometti, Otto Müller, Cézanne, etc., an die man vor seinem Œuvre denken könne – doch der Name Frank Auerbachs fällt nirgends.

Hans Josephsohn in seinem Atelier, 1978

Hans Josephsohn in seinem Atelier, 1978

(Die sonstige Literatur zu diesem wuchtigen, sehr eindrucksvollen, auf seine Art mächtigen Künstler habe ich bis jetzt nur kursorisch überfliegen und noch nicht lesen können.)

Hans Josephsohn: "Liegende", 1995/2001, Gipsoriginal, 68 x 217 x 57 cm

Hans Josephsohn: „Liegende“, 1995/2001, Gipsoriginal, 68 x 217 x 57 cm

Worin bestehen also die Parallelen, die mir beim Durchblättern besagter Zeitschrift ins Auge gefallen sind?

Darauf möchte ich in zwei Wochen, am Mittwoch den 11. Mai, zu sprechen kommen.

BLEIBEN SIE DEM BLOG TREU!

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FRÜHLINGSFERIEN

Der Blog macht zwei Wochen
FRÜHLINGSFERIEN!

HONORÉ DAUMIER: "Ein Leser in einem Garten", Feder und Aquarell auf Papier, Metropolitan Museum of Art, New York (29.100.199), ohne Jahr

HONORÉ DAUMIER: „Ein Leser in einem Garten“, Feder und Aquarell auf Papier, Metropolitan Museum of Art, New York (29.100.199), ohne Jahr

SCHÖNE LEKTÜRESTUNDEN
UND SONST VIELE ERHOLSAME, INSPIRIERENDE,
FRÜHLINGSHAFTE MOMENTE
WÜNSCHT IHNEN

Ihr
Neo-Blogger
Piet Meyer

Der nächste Eintrag auf diesem Blog
erscheint übernächsten Mittwoch, am 27. April.

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Wenn grosse Museen klein aussehen:
JOSEPH CORNELL UND SEIN FREUND KUSAMA
Im Kunsthistorischen Museum in Wien, Teil 2

Yayoi Kusama: EIN MANN?

Vor zwei Wochen beschrieb ich (siehe den ersten Teil dieses Posts), wie in einer JOSEPH CORNELL-Ausstellung im Kunsthistorischen Museum in Wien letztes Jahr auf einer Schautafel mit biografischen Angaben zum Künstler die grosse, immer noch lebende japanische Künstlerin YAYOI KUSAMA (geb. 1929), welche mit Cornell während Jahren in New York amourös liiert war, als Mann bezeichnet wurde.

TATSÄCHLICH: als Mann

Seither habe ich mit verschiedenen kunstaffinen Wienern und Wienerinnen über die Sache gesprochen. Alle sahen hier bloss ein dummes, unglückliches Versehen („kann jedem passieren“), eine vernachlässigbare Mini-Lappalie am Werk – etwas jedenfalls, das sicher nicht lohne, weiter verfolgt zu werden.

Ich möchte dem widersprechen. Ich schilderte ja am Ende des genannten Posts meine (nicht alltägliche) Beziehung zu Flöhen. Als ich vor besagter Schautafel stand, huppfte mich jedenfalls einer an – und kratzt seither. Er ist zwar klein, das gebe ich zu. Doch Kratzen ist unangenehm, deshalb die Fortsetzung dieses Posts!

Ich bitte um Pardon.

Japanische Reaktionen?

Am Schluss dieses Eingangsbeitrags stellte ich die Frage, wie japanische Besucher der Ausstellung, so sie des Deutschen mächtig waren und die betreffende Information lasen, denn dies empfanden? Brachte es sie auf oder waren sie belustigt?

Kein Eklat, immerhin

Zu einem Eklat scheint es jedenfalls nicht gekommen zu sein. Ich habe nirgends in den Wiener Medien im letzten Jahr etwas über diese Sache gelesen. Ich habe auch nicht vernommen – Gott behüte! das wäre der WORST CASE gewesen! – dass der japanische Botschafter Österreichs eine geharnischte Protestnote beim zuständigen Kanzleramtsminister, bei Herrn Josef Ostermayer, derzeit  amtierenden Kulturminister Österreichs, eingereicht hätte.

(Der wäre ja dumm dran gewesen… Hätte Herr Cusama und Frau Kornell googeln müssen, wer mit wem, wie geht denn das?, usw.)

Nun, der Fall ist nicht eingetreten, Gott sei Dank, wie gesagt.

Der Gegenfall

Doch frage ich mich nun, was denn im gegenteiligen Falle geschehen wäre? Also: Es reisen österreichische Kunstfreunde oder Medienleute nach Japan und besuchen in einem dortigen Museum eine Ausstellung austriakischer Kunst. Dort steht zu lesen:

Maria Lassnig was a wonderful artist. He lived and painted in Vienna.

Doof als Fantasie? Was wäre denn in einschlägigen Wiener Gazetten losgegangen? Gelächter! – Doch klar. Weshalb nicht?

Maria Lassnig

Und noch besser ist die Frage, wie denn die Künstlerin, die mutige, die kämpferische, so sie heute noch leben würde, auf die Meldung einer japanischen Neuvergenderung (kann das man so sagen?) reagiert hätte?

Vielleicht hätte sie gekichert und sich gefreut! Sie hat ja in zig Interviews geschildert, wie sehr sie – vor allem in der Frühzeit ihrer Karriere – unter allzu sexistisch eingestellten Männern in der Kunstwelt zu leiden hatte. Jetzt wäre die Sache elegant gelöst: jetzt würde sie jedenfalls in Japan umstandslos als „seinesgleichen“ anerkannt!

Manchmal tut ja auch der Zufall sein Gutes.

Und dann wäre sie schnurrstracks an ein neues grossformatiges Bild gegangen, gehalten in zarten, trotzdem schreienden ROTWEISSEN Nippon/Austria-Farben: darauf sie, pardon: ER, in supermacho Pose, mit einem RIESENPHALLISUSHI in der Hand – und dem Titel darüber, in stolzen Lettern verkündend:

Me, new Austlian man in Tokio – vely vely stlong!

Denkbar.

Nun aber zurück nach Wien in die Joseph Cornell-Ausstellung!

Wie kam es, so fragte sich der pedantische Schweizer in mir, dass ein so (ja, echt: SOO) grosses Museum sich einen derartigen Schnitzer erlauben konnte?

Arbeiteten da nicht genügend Kuratorinnen und Assistentinnen? War ihnen plötzlich ein Sparzwang auf den Kopf gefallen, herunterverdonnert von irgendeinem unsensiblen Ministerium hoch oben?

DEN Eindruck hatte man eingentlich nicht, wenn man dieses Museum in den letzten Jahren besuchte.

So fragte ich mich denn unschuldigst:

Wieviele Leute arbeiteten denn hier überhaupt?

Der Floh war nun in seinem Element, ich spürte ihn – und eilte zur nächsten Kasse. Die junge Dame war sehr freundlich und hilfbereit.

Wieviele Angestellte hat denn ihr Riesenmuseum, fragte ich. Und um sie zu animieren, gab ich eine Schätzung von mir, die sie als zu hoch gegriffen empfand.

Das motivierte. Sie krallte sich die Maus und guckte in den Bildschirm. Um bald zu verkünden:

Das KHM hat 441,5 Angestellte

Huii! Das klang überzeugend! Eine halbe Stelle konnte nicht erfunden sein, das musste eine beamtisch beglaubigte Angabe sein.

Wie haben sie denn das rausgefunden?

Einfach, sagte sie: Sie rufen die hausinterne Webseite auf, gehen zum Bereich Geschäftsführung. Dort finden sie den letzten Geschäftsbericht des Museums, als PDF herunterladbar. Da steht alles Wissenswerte drin.

Oooh! Das ist aber ein Service! Hätt ich nicht erwartet, eine solche Transparenz in einem solchen Riesenpalazzo. Sehr löblich!

Die Zahl war ja gar nicht weit entfernt von meiner ersten Schätzung – was die nette Dame verblüffte. Handkehrum war ich jetzt – allerdings anderweitig – verblüfft:

Unter so vielen Angestellten war niemand, der einen solchen Fehler (Sie erinnern sich: siehe weiter oben) vor der Vernissage dieser sicherlich jahrelang generalstabmässigst, akribischtens vorbereiteten Ausstellung korrigieren konnte?

Meist war es doch so: In den letzten Tagen, in den letzten Stunden vor einer Eröffnung jagte man als motivierter Museumsmensch mit maximal geöffneten (leicht protuberienden) Argusaugen, mit einem letzten scharfen Laser-Kontrollblick durch die Säle und schaute, ob alles seine Stimmigkeit und Richtigkeit hatte.

Oder doch nicht? Jagte hier niemand?

Öööhh

Das konnte vermutlich, langweilig, aber banal, doch nur bedeuten: In diesem – auf Kunstkammer und Brueghel etc. spezialiserten – Riesenmuseum kannte niemand Yayoi Kusama! Traurig, provinziell, fundamental aber – trotzdem wahr.

Mit Ausnahme natürlich der Zweien, welche die Cornell-Ausstellung ausgerichtet, besser: am Cornell-Katalog mitgearbeitet hatten, also von Sabine Haag und Jasper Sharp. Die hätten es – als international versierte Museumsmenschen – sicherlich besser gewusst, waren aber als gefragte (eben: internationale) Topp-Koryphäen verständlicherweise nicht grad vor Ort, halt anderweitig beschäftigt: Für alles hat man ja keine Zeit!

WOFÜR HAT MAN SONST DENN SO VIELE ANGESTELLTE!?

Ja wirklich! Ich bitte Sie… man ist ja

Busy, busy

Womit wir wieder bei unserer Eingangsfrage
von vor zwei Wochen wären:

Ist Grösse immer vorteilhaft?

Bald, nun ja, fast: am Mittwoch, den 25. Mai geht es weiter mit diesem so tief- wie auf-, vielleicht besser: abschürfenden Post zu JOSEPH CORNELL UND SEIN FREUND KUSAMA.

Bleiben Sie uns TREUUU!

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DICHTER – von Josef Capek

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Gedicht entnommen dem Band von Josef Capek: Gedichte aus dem KZ, Deutsch/Cesky, herausgegeben von Urs Heftrich und Jiri Opelik, aus dem Tschechischen von Urs Heftrich, mit einem Nachwort von Jiri Opelik, Arco Verlag, Wuppertal/Wien 2016, S. 51 (mit freundlicher Genehmigung von Christoph Haacker, Wien 2016).

1

Josef Capek (1887–1945), tschechischer Maler, Schriftsteller und Journalist, älterer Bruder von Karel Capek (1890–1938), schrieb im Konzentrationslager Sachsenhausen, in das er am 26.6.1942 aus Buchenwald eingeliefert worden war, Gedichte.

Josef Capek, 1927

Josef Capek, 1927

121 dieser Gedichte konnten aus dem Lager geschmuggelt werden. Sie wurden 1946 in Prag erstmals publiziert. Die hier mit Coverbild angezeigte deutsche Ausgabe berücksichtigt 44 dieser Texte, also etwas mehr als ein Drittel.

Der Arco-Verlag

Die sorgfältig edierte deutsche Ausgabe ist im Arco-Verlag erschienen, einem kleinen Verlagshaus in Wuppertal und Wien, einem Einmann-Unternehmen, das Christoph Haacker von Wien aus mit sehr viel Engagement, Intelligenz, Chuzpe, Spürsinn und Mut leitet.

Sein kleiner Verlagsstand an der Frankfurter Buchmesse (Halle 4.1) ist immer voll mit Menschen, die ihm neugierig zuhören, wenn er mit Charme und Witz, aber auch grosser Ernsthaftigkeit von seinen Novitäten berichtet.

Zu Beginn seiner Verlegerei widmete er sich vor allem der Literatur aus dem alten Mitteleuropa. Heute ist das Programm breiter aufgestellt. Seine Bücher, die in guten Buchhandlungen leicht zu finden sind, sind alle zu empfehlen.

Relevanz des Capek-Standpunktes

Die Capek-Gedichte im hier angezeigten Band besitzen nicht nur Schönheit, Klarheit und Schlichtheit, sondern haben auch ihre ganz eigene Relevanz: Lebensrelevanz, wenn man so will.

Das hat mit dem Kontext zu tun, aus dem sie stammen. Capek benutzt – nolens volens – diesen Ort, das Inhaftiertsein im KZ, als relativierenden Masstab, den er auf die Dinge anlegt, die er um sich herum – und an sich – beobachtet: Dinge, die er von früher her kennt, nun aber in neuem, im grässlich kalten, mörderischen, absoluten, endzeitlichen Licht seiner Umgebung – und seiner ungewissen Zukunft – sieht.

Solche Relativierung kann man als heilsam empfinden. Auch heute, immer wieder. Ich empfinde das jedenfalls so. Diese Wirkung entfalten diese Gedichte auch deshalb, weil sie nie larmoyant, weinerlich oder hysterisch rüberkommen. Sie sind gefasst – ohne sich in toter, gefühlsloser Stoik üben zu wollen. Sie bleiben lebendig. Sie reflektieren eine Geisteshaltung, die ich als vorbildlich, schön, menschlich, klar und wirklich gut und klug, wenn nicht weise empfinde.

Das alles „transportieren“ diese Gedichte auch deshalb, weil sie, wie gesagt, schön sind. Wie jenes hier oben, das an die Adresse der glücklich verschonten „Dichter“ zuhause gerichtet ist.

Josef Capek ist in Bergen-Belsen einer Typhusepidemie erlegen, vermutlich am 4. April 1945, 11 Tage, bevor britische Truppen das Lager am 15. April befreien konnten.

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Wenn grosse Museen klein aussehen:
JOSEPH CORNELL UND SEIN FREUND KUSAMA
Im Kunsthistorischen Museum in Wien

Yin und Yang

Sind grosse Firmen die besseren Firmen? Sind grosse Museen die besseren Museen? Is big always beautiful? Manche behaupten das Gegenteil.

Klar ist: Grösse erlaubt es, gewisse Dinge zu stemmen – Dinge, unter deren Last Kleinere in die Knie gehen würden.

Doch hat alles, wie die alten Chinesen schon vor Urzeiten meinten, zwei Seiten.

Eine solche zweite Seite vermeinte ich im Kleinst-, quasi im FLOH-Format zu erleben, als ich vor einem halben Jahr in Wien eine Ausstellung besuchte, die in einem (sehr) grossen Museum zu besichtigen war: die Joseph Cornell-Ausstellung im dortigen Kunsthistorischen Museum (KHM).

Joseph Cornell

Joseph Cornell (1903–1972) ist beim grossen Publikum in Europa nie richtig „angekommen“, nie wirklich sehr bekannt geworden – obwohl er vielen (und auch der offiziellen Kunstgeschichte) als einer der wichtigsten US-amerikanischen Künstler des 20. Jahrhunderts gilt.

Hans Namuth: Joseph Cornell in Westhampton, Long Island, 29. September 1971

Hans Namuth: Joseph Cornell in Westhampton, Long Island, 29. September 1971

Er war ein einmaliger Künstler. Sein Leben lang baute er, der eremitisch in Queens/New York lebte, wundersame, oft filigrane Gebilde: Schachteln aus Holz, Boxen, die er mit wenigen Dingen – Fotografien und Gegenständen – so präzise, zart und evokativ, so poetisch-enigmatisch bestückte, dass ihre Inhalte wie Inszenierungen verloren geglaubter, alter Träume erscheinen.

Joseph Cornell: "Medici Prince Object", 1943, Schachtelkonstruktion mit bemaltem Glas, 35,6 x 27,9 x 10,2 cm, The Lindy and Edwin Bergman Collection, Chicago

Joseph Cornell: „Medici Prince Object“, 1943, Schachtelkonstruktion mit bemaltem Glas, 35,6 x 27,9 x 10,2 cm, The Lindy and Edwin Bergman Collection, Chicago

Die Schachteln sind auf einer Seite mit einer Glasscheibe verschlossen, durch die man also – wie ein Voyeur – hereinlinsen kann. Die darin eingesetzten Gegenstände führen auf ihren kleinen, verschlossenen Bühnen wie ein stilles Ballett auf, dessen Bezüge nie ganz entschlüsselbar sind.

Joseph Cornell: "Pantry Ballet (For Jacques Offenbach)", 1943, Schachtelkonstruktion, 26,7 x 45,7 x 15,2 cm Slg. Carol und Douglas Cohen, Chicago

Joseph Cornell: „Pantry Ballet (For Jacques Offenbach)“, 1943, Schachtelkonstruktion, 26,7 x 45,7 x 15,2 cm, Slg. Carol und Douglas Cohen, Chicago

Die Atmosphäre kann manchmal – wie in vergleichbaren Boxen von Marcel Duchamp (beide Künstler kannten sich gut) – ins Bedrohliche kippen, etwas ungut sexuell Aufgeladenes haben, wie von altem, verdrängtem Missbrauch künden. Zum offenen Desaster oder gar zur Explosion kommt es aber nie.

Die Tonalität, in der diese kammermusikalischen Stücke aufgeführt werden, bleibt immer temperiert. Die Musik, die im Hintergrund spielt, könnte von Frédéric Chopin oder Erik Satie sein.

Transport-Schwierigkeiten

Diese Boxen waren naturgemäss immer schwierig zu transportieren. Zu gross war die Gefahr, dass etwas in der Aufhängung oder Fixierung der Objekte in ihnen zerbrechen könnte. Deshalb hat es in Europa schon zu Lebzeiten des Künstlers und auch in den Jahrzehnten seit seinem Tod kaum gewichtige Ausstellungen seiner Werke gegeben.

Joseph Cornell: "Naples", ca. 1942, Schachtelkonstruktion mit bemaltem Glas, 28,6 x 17,2 x 12,1 cm, The Robert Lehrman Art Trust, Washington D. C.

Joseph Cornell: „Naples“, ca. 1942, Schachtelkonstruktion mit bemaltem Glas, 28,6 x 17,2 x 12,1 cm, The Robert Lehrman Art Trust, Washington D. C.

Es fand sich auch nie, sicherlich aus demselben Grund, ein Kunsthändler, der Cornell in Europa vertreten hätte. So sind dessen (mittlerweile furchtbar teuren) Werke fast ausschliesslich in amerikanische Privatsammlungen und Museen gewandert.

Joseph Cornell: "Soap Bubble Set", 1947–48, Schachtelkonstruktion, 32,4 x 46,7 x 7,6 cm, The Robert Lehrman Art Trust, Washington D. C.

Joseph Cornell: „Soap Bubble Set“, 1947–48, Schachtelkonstruktion, 32,4 x 46,7 x 7,6 cm, The Robert Lehrman Art Trust, Washington D. C.

Doch heute ist alles anders, auch hier: Die Technologie hat Fortschritte gemacht. Superfragile Dinger können die Ozeane überqueren. Wenn die Finanzen stimmen, kann ein Museum deshalb heute eine Retrospektive dieser Boxen auch in Europa organisieren.

Gedacht, getan

Gedacht, getan, dachte sich Herr Sharp.

Jasper Sharp ist der umtriebige, immer noch recht junge, charmante britische Kurator im KHM, der für neue Ideen und Projekte im Bereich Moderne und Zeitgenössische Kunst sorgt – in diesem Riesenmuseum, das bislang, bis vor dem Amtsantritt von Sabine Haag vor wenigen Jahren, sich eher auf seine angestammten Bereiche wie Alt-Ägypten, Kunstkammer, Brueghel, Rubens und Ähnliches konzentrierte. Man muss schliesslich auch hier zeitgeistkompatibel sein.

Ihm kommt das Verdienst zu, Joseph Cornell zum ersten Mal in Festland-Europa eine wirkliche Retrospektive ausgerichtet zu haben, im Verbund mit der Royal Academy in London, wo die Ausstellung (mit dem merkwürdigen Titel) Wanderlust zuerst zu sehen war (4.7.–27.9.2015).

1

Die Ausstellung in Wien (20.10.2015–10.1.2016) erfüllte denn auch alle Erwartungen, die man hier im Vorfeld an dieses Grossereignis geknüpft hatte. Das Echo in den Medien war zwar nicht überwältigend. Dazu war der Name dieses magischen Amerikaners auch Journalisten ein offenbar zu schwacher Begriff.

Der Floh

Im Zentrum der Ausstellung war ein kleiner, von Besuchern immer überfüllter Raum, wo die wichtigsten Daten zur Vita von Josoph Cornell auf grossen Texttafeln zusammengefasst waren.

Eine Tafel war den 60er Jahren gewidmet:

IMG_0639

Dort konnte man lesen:

„1964 lernt Cornell den jungen japanischen Künstler
Yayoi Kusama kennen und freundet sich mit ihm an.“

IMG_0643

Oh! Das ist aber was Neues, dachte ich mir:

Yayaoi Kusama: EIN MANN?

Das ist aber gar nicht nett! Kusama soll ein Mann sein?

Yayoi Kusama in der Mitte ihrer Werk-Installation "Infinity Mirror Room (Phalli's Field)" von 1965 in der Castellane Gallery in New York stehend (die Masse der Installation: 360 x 360 x 324 cm)

Yayoi Kusama in der Mitte ihrer Werk-Installation „Infinity Mirror Room (Phalli’s Field)“ von 1965 in der Castellane Gallery in New York (Masse der Installation: 360 x 360 x 324 cm)

Die Japaner, die Yayoi Kusama (geb. 1929) als ihre wichtigste lebende Künstlerin über alle Massen verehren, wären, hätten sie das gelesen, sicherlich gar nicht amused gewesen.

Oder hätten sie in Zeiten von Geschlechtermultiplikation, Transgendering, Geschlechtsumwandlung, etc., gekichert und die Fantasie, Yayoi als Mann zu sehen, im Gegenteil als witzig empfunden?

Das kann schon sein. Ich persönlich finde jedoch einen solchen Fehler, an so einer prominenten Stelle in so einem prominenten Museum stehengelassen, gelinde gesagt merkwürdig und ungut. Aber ich bin, das gebe ich zu, in einem protestantisch geprägten, Pedanterie liebenden Uhrmacher-Ländle aufgewachsen, und habe auch eine Weile selber in Museen gearbeitet. Ich bin vorbelastet.

Patzer an einer weltbedeutender Institution

Deshalb finde ich die Frage schon legitim, wie es dazu kommt, dass ein derart grosses, als weltbedeutend geltendes Museum sich solche Patzer erlauben kann. Immerhin ist Yayoi Kusama weltberühmt, ist sie vor gar nicht so langer Zeit an der Tate Modern in London mit einer grossen Retrospektive geehrt worden (9.2.–5.6.2012). Reisen Wiener Museumsdirektorinnen und Kuratorinnen nie nach London? Und wie steht es mit dem Hauptkurator der Ausstellung, der selber aus London stammt?

Es hat etwas Apartes, dass in Zeiten, wo Damen in der Kunstwelt seit Jahren überall lauthalsenstens monieren, es sollten mehr Künstlerinnen gezeigt werden, eine der wichtigsten Künstlerinnen der Gegenwart zum Mann mutiert wird – und dies an einer Institution, die von einer Frau geführt wird, und die mit grosser Wahrscheinlichkeit mehr Kuratorinnen aufweist als männliche Kollegen.

Wie soll man dies verstehen?

Es ist schon klar: Ich mache hier aus einer Mücke einen Elefanten – reite sozusagen auf einem Floh herum. Aber ich mag eben Flöhe. Wir müssen der Sache weiter auf den Grund gehen. Flöhe können erstaunliches Potential entfalten.

In zwei Wochen, am Mittwoch, den 6. April, geht es deshalb weiter. Dann folgt die Fortsetzung zu „Wenn grosse Museen klein aussehen: JOSPEH CORNELL UND SEIN FREUND KUSAMA“.

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„AB JETZT FRAUENSACHE“
GRÄSSLIN IN WIEN

Das Museum Moderner Kunst (mumok) in Wien als Dépendance der Sammlung Grässlin in St. Georgen im Schwarzwald?

Na na na! Solches behaupten in Wien doch nur bekloppte, wirklich GANZ ganz böse, 100% ungerechtfertigt unverschämt letztklassig unmöglich schlechte, neidische und missgünstige Zungen. Ja!

Obwohl…:

Obwohl: Wenn man die jüngste, die Februar 2016-Nummer der Zeitschrift BLAU durchblättert, stösst man auf Seite 14 auf einen Artikel mit der Überschrift, die ich diesem Post gegeben habe…

"Ab jetzt Frauensache": Artikel in BLAU, Nr.8/Februar 2016, S. 14 (Foto © Jörg Potschaske)

„Ab jetzt Frauensache“: Artikel in BLAU, Nr.8/Februar 2016, S. 14 (Foto © Jörg Potschaske)

Da kann einen, wie mich, beim Lesen ein gewisser, irgendwie schwer bestimmbarer Juckreiz befallen: Eine Mutter und drei Töchter, eine Vorzeigefamilie, die einen Museal-Gourmet-Drei-Sterne-Haubenort betreibt mit Ablegern bis nach Frankfurt und Wien…, harmonisch im Sonnenschein vereint in einer Kiesgrube (wie cool – man hat offenbar noch was vor), wie Vögel auf einer Telefonleitung stramm hergerichtet auf und hinter einer Franz West-Bank – und die Legende weiss, was die Zukunft bringt: „Die Sammlung Grässlin wird in Zukunft…“, etc.

So wird in St. Georgen Selbstvermarktung betrieben.

Übertreibe ich? Natürlich. Aber der Sound… C’est le ton qui fait la musique!

Ich fragte mich plötzlich, ob die erwähnten berühmt-berüchtigten bösen Wiener Zungen vielleicht doch ein Quentchen recht haben könnten (siehe folgenden Artikel im Standard). Wer weiss?

Ich kann das nicht beurteilen.

So kam mir die Idee: Wozu hast du einen Blog? Her damit. Vielleicht liest ja jemand deinen Blog? (Man soll NIE verzagen!) Vielleicht weiss jemand Bescheid und meldet sich!?

Nun, werte Leserin, werter Leser, Sie haben’s begriffen:

Schreiben Sie, melden Sie sich, wenn Sie hierzu was zu vermelden haben. Was Konkretes, das Licht ins DUNKEL bringt. Das wollen wir ja alle: ES WERDE LICHT!

Das kunstaffine, so transparenz- wie wahrheitserpichte Wiener Volk wird es Ihnen danken! Ohooo!!

Noch ein Wort…

Zur Quelle:

BLAU ist eine Zeitschrift, die noch relativ jung ist (keine Sorge also, wenn Sie sie nicht kennen). Seit ihrer Entstehung wird sie jeweils zum Monatsende kostenlos der Berliner Tageszeitung DIE WELT beigelegt. Sie stammt aus dem Hause Springer.

Ob die Tatsache, dass Sie diese Zeitschrift bislang nicht kannten, ein Verlust für Sie darstellt, kann ich nicht zu beurteilen.

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VOR DEM TISCH
Afrika im Gedicht II:
JOYCE MANSOUR

Devant une table

Femme assise devant une table cassée
La mort dans le ventre
Rien dans l’armoire.
Fatiguée de tout même de ses souvenirs
Elle attend fenêtre ouverte
La lumière aux mille visages
Qu’est la folie.

JOYCE MANSOUR
Aus „Cris“, 1953

Gilles Ehrmann: Joyce Mansour, o.J.

Gilles Ehrmann: Joyce Mansour, o.J.

Vor dem Tisch
Die Frau sitzt vor dem kaputten Tisch
Den Tod im Leib.
Nichts im Schrank.
Selbst ihrer Erinnerungen leid
Wartet sie am offenen Fenster
Auf das Licht mit den tausend Gesichtern
Das der Wahnsinn ist

JOYCE MANSOUR
Aus „Cris“, 1953

übersetzt von Lotta Suter und ihrem MitarbeiterInnen-Team

Aus:
AFRIKA IM GEDICHT
herausgegeben von Al Imfeld, Offizin Verlag, Zürich 2015, S. 415;
übersetzt von Lotta Suter und ihrem Team
(© 2016: hier wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung
von Al Imfeld und Lotta Sutter, Zürich)

Al Imfeld (Hrsg.): Afrika im Gedicht, Offizin, Zürich 2015

Al Imfeld (Hrsg.): Afrika im Gedicht, Offizin, Zürich 2015

Man Ray: Joyce Mansour, o.J.

Man Ray: Joyce Mansour, o.J.

Joyce Mansour, geboren 1928 in England von jüdischen-ägyptischen Eltern;
lebte erst in Kairo, dann in Paris, wo sie 1986 starb; eine der führenden surrealistischen Dichterinnen Frankreichs. Ihre Gedichte erschienen in verschiedenen Einzelbänden sowie im Sammelband Prose et Poésie: Œuvres complètes (Actes Sud, Arles 1991) (nach Al Imfeld: Afrika im Gedicht, S. 802–3).

Sophie Scheidecker: Joyce Mansour, o.J.

Sophie Scheidecker: Joyce Mansour, o.J.

Joyce Mansour: Prose et Poésie: Œuvres complètes (Actes Sud, Arles 1991)

Joyce Mansour: Prose et Poésie: Œuvres complètes (Actes Sud, Arles 1991)

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„WIR SCHAFFEN DAS“
Die Wiener Variante
WAR’S DAS SCHON?

Entnommen dem Wiener Journal, dem Magazin der Wiener Zeitung, 9. Oktober 2015, Seite 9

Entnommen dem Wiener Journal, dem Magazin der Wiener Zeitung, 9. Oktober 2015, Seite 9

2Das Heft ging folgenden Fragen nach:

3

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JE SUIS HENRI!
Oh non, pardon!
JE SUIS CHARLIE!
Zum 100. Todestag von HENRY JAMES

Je suis Charlie!

Das hätte vor einem Jahr vielleicht auch Henry James (1843–1916) proklamiert – würde er heute leben. Das ist leider nicht der Fall. Schliesslich ist er vor genau 100 Jahren gestorben.

images-1Alice Boughton: Portrait von Henry James, vor 1916,
erschienen ursprünglich in der North American Review, April 1916

Deshalb dieser Post, um ihn zu ehren, den Unvergleichlichen, so überaus klugen, sympathischen und warmherzigen Schriftsteller.

Liest man nämlich heute Picture and Text, jenes Büchlein, das Henry James 1893 in New York (Harper and Brothers) publiziert hat, so kann man auf diesen Gedanken verfallen – dass er die Zeichner von Charlie Hebdo, wie viele vor einem Jahr, auch verteidigt hätte.

Oder doch nicht? Hätte er, wie so oft in seinen Romanen, eine nüanciertere, eine vermittelnde Position eingenommen?

Besagtes Büchlein

Henry James: “Picture and Text", Harper and Brothers, New York 1893

Henry James: “Picture and Text“, Harper and Brothers, New York 1893

ist auf Deutsch bislang nicht erschienen. Der Piet Meyer Verlag (Bern/Wien) plant für kommenden Spätherbst eine schön gestaltete Ausgabe, welche diese Schrift in der Übersetzung von Jan-Frederik Bandel (Buchholz in der Nordheide) dem deutschsprachigen Leser zum ersten Mal nahebringen wird – herausgegeben von Michael Glasmeier (Berlin), versehen mit einem Nachwort von Alexander Roob (Düsseldorf) und zahlreichen Illustrationen.

Denn es geht hier um eine Sammlung von Texten, die der grosse amerikanische Schriftsteller gegen Ende des 19. Jahrhunderts über verschiedene Reportage- und Illustrationskünstler verfasst hat: über Männer wie Frank D. Millett, Edwin A. Abbey, Charles S. Reinhart, Alfred Parsons, John Singer Sargent oder Honoré Daumier – Künstler, die ihm häufig persönlich nahestanden und deren handwerkliches Können er in hohem Masse schätzte und im hier angezeigten Büchlein mit eloquent-warmen Worten pries und beschrieb.

Was aber hat dies mit Charlie Hebdo zu tun?

Im Kapitel über den schärfsten französischen Karikaturisten seiner Zeit, über Honoré Daumier (1808–1879; hier in einem Porträt um 1856), stellt James eine Frage.images
Er stellt fest, dass die USA – er redet über die Vereinigten Staaten seiner Zeit – über ähnlich viele Zeitungen und Zeitschriften wie das zeitgleiche Frankreich und England verfügen. Auf beiden Kontinenten blüht die Karikatur. Doch tritt letztere, so James, in Europa ungleich virulenter, ätzender und polemischer auf als in Amerika. Hier ein paar Beispiele des von James bewunderten Honoré Daumier:

HONORÉ DAUMIER: "Les poires", Lithografie für "Le Charivari", 33.3 × 25.4), Metropolitan Museum of Art, New York (23.92.1-.5)

HONORÉ DAUMIER: „Les poires“, Lithografie für „Le Charivari“, 33.3 × 25.4), Metropolitan Museum of Art, New York (23.92.1-.5)

HONORÉ DAUMIER: "Le ventre législatif", Lithografie, Januar 1834, 34.7 x 49.8 cm, Metropolitan Museum of Art, New York (57.650.185)

HONORÉ DAUMIER: „Le ventre législatif“, Lithografie, Januar 1834, 34.7 x 49.8 cm, Metropolitan Museum of Art, New York (57.650.185)

HONORÉ DAUMIER: “Mlle. Etienne-Joconde-Cunégonde-Bécassin de Constitutionnel...", Lithografie, 8. Mai 1834, 33,5 x 25,4 cm, Metropolitan Museum of Art, New York (18.53.3)

HONORÉ DAUMIER: “Mlle. Etienne-Joconde-Cunégonde-Bécassin de Constitutionnel…“, Lithografie, 8. Mai 1834, 33,5 x 25,4 cm, Metropolitan Museum of Art, New York (18.53.3)

HONORÉ DAUMIER: "Un héros de Juillet/Ein Juliheld", Mai 1831/1832, 21,8 x 18,9 cm (Werkverzeichnis von Delteil, LD 23)

HONORÉ DAUMIER: „Un héros de Juillet/Ein Juliheld“, Mai 1831/1832, 21,8 x 18,9 cm (Werkverzeichnis von Delteil, LD 23)

Was erklärt diesen Unterschied zwischen den beiden Kontinenten?

Henry James versucht sich an folgender Antwort:

»The newspaper thrives in the United States, but journalism
languishes; for the lively propagation of news is one
thing and the large interpretation of it is another.
A society has to be old before it becomes critical, and it
has to become critical before it can take pleasure in the
reproduction of its incongruities by an instrument as
impertinent as the indefatigable crayon. Irony, scepticism,
pessimism are, in any particular soil, plants of gradual
growth, and it is in the art of caricature that they flower
most aggressively. Furthermore they must be watered
by education – I mean by the education of the eye
and hand – all of which things take time. The soil
must be rich too, the incongruities must swarm.
It is open to doubt whether a pure democracy is
very liable to make this particular satiric return
upon itself; for which it would seem that certain
social complications are indispensable. These
complications are supplied from the moment a
democracy becomes, as we may say, impure from its
own point of view; from the moment variations and
heresies, things afford a point d’appui; for it is evidently
of the essence of caricature to be reactionary. We hasten
to add that its satiric force varies immensely in kind
and in degree according to the race, or to the individual
talent, that takes advantage of it.«

Henry James: Picture and Text, Harper and Brothers, New York 1893, S. 117–119

Diese Antwort, wunderbar unakademisch formuliert, lässt sich auf keinen einfachen Nenner bringen. Ich meine hier wie in nuce verschiedene Argumentationsstränge zu sehen, die alle weiterentwickelbar wären.

Zurück zu Charlie Hebdo:

So lässt sich fragen: Was hätte denn Henry James, würde er heute leben, zu den Pariser Geschehnissen gesagt? Hätte er sich dazu öffentlich geäussert, Partei bezogen? Ausgeschlossen ist es nicht.

Wenn dem geschehen wäre: Hätte er die heutige Pariser Karikatur um jeden Preis befürwortet? Oder hätte er in Richtung eines milden „Nein, bitte nicht so“ argumentiert? Nicht ausgeschlossen jedenfalls, dass er Argumente in die Diskussion gebracht hätte, die man in den Debatten der letzten Monate nicht vernommen hat.

Vielleicht hätte er gar, so fantasiere ich weiter, ein eigenes Buch dazu geschrieben, ein Pamphlet, das in den Regalen der Buchhandlungen neben Titeln von Intellektuellen wie Emmanuel Todd gestanden – und vielleicht ähnlich viele Leser gefunden hätte?

Emmanuel Todd: "Wer ist Charlie? – Die Anschläge von Paris und die Verlogenheit des Westens", aus dem Französischen von Enrico Heinemann, C.H. Beck, München 2016

Emmanuel Todd: „Wer ist Charlie? – Die Anschläge von Paris und die Verlogenheit des Westens“, aus dem Französischen von Enrico Heinemann, C.H. Beck, München 2016

Sein Befund wäre vermutlich nicht nur im Inhalt, sondern auch im Ton anders ausgefallen als jener heutiger Intellektuellen: weiser, vielschichtiger, nüancierter, „weicher“, vielleicht auch trauriger.

Das oben Zitierte, so modern es klingt, hat Henry James vor mehr als 123 Jahren zu Papier gebracht. Würde ihm die heutige Correctness-Mentalität die darin geäusserten Gedanken so durchgehen lassen? Sicher ist es nicht. Denn diese Gedanken kommen ganz ungewöhnlich daher, purzeln mit dem Charme, der Nonchalance und der Lebendigkeit quirliger Kinder übers Papier. Sie passen schon deshalb in keine heutige starre Meinungsschublade.

Nun, die Sache ist schwierig. Lassen wir sie für heute deshalb mal auf sich beruhen – und schliessen mit den Worten:

Hoch lebe Old Europe!

Hoch lebe Henry James!

John Singer Sargent: Portrait von Henry James, Öl auf Leinwand, 1913, 85,1 x 67,3 cm, National Portrait Gallery, London (Nachlass Henry James)

John Singer Sargent: Portrait von Henry James, Öl auf Leinwand, 1913, 85,1 x 67,3 cm, National Portrait Gallery, London (Nachlass Henry James)

In vier Tagen, am kommenden Sonntag,
dem 28. Februar 2016, darf auf diesen grossen, auf diesen wunderbaren Romancier und Analytiker angestossen werden!
Dann steht sein 100. Todestag an.

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FASNACHTSPAUSE

Der Blog macht eine Woche
FASNACHTSFERIEN!

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WOOOHL BEKOOOOOMMS!

Der nächste Eintrag auf diesem Blog erscheint nächsten Mittwoch,
am 24. Februar.

Wir wünschen bis dahin eine gute Zeit.

Herzlich,
Ihr Neo-Blogger
Piet Meyer

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ALTE SCHÖNHEIT – schon vergangen?

SCHÖNHEIT war nie jedermanns Sache –
weder gestern noch heute, noch vermutlich morgen
– weder in ROM noch anderswo…

HONORÉ DAUMIER: "On a beau dire" / "Schönheit des Alters", Lithografie, 1850, 25,3x 22 cm, Honoré Daumier-Gesellschaft (LD/Werkverzeichniss von Delteil 1702)

HONORÉ DAUMIER: „On a beau dire“ / „Schönheit des Alters“, Lithografie, 1850, 25,3x 22 cm, Honoré Daumier-Gesellschaft (LD/Werkverzeichniss von Delteil 1702)

  • On a beau dire, l’antique est toujours beau.
  • Oui, en marbre, ma femme…
  • Man sagt doch zu Recht, das Alte sei immer schön!
  • Aber nur in Marmor, meine Liebe!
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ANFANG II

Am 1. Januar ging dieser Blog online. Im Eröffnungsbeitrag, EIN ANFANG, habe ich zwei Achsen umrissen, die mich in diesem Blog interessieren. Ich nannte sie: das Poetische und das Subversive.

Erste Beispiele sollten das Gesagte verdeutlichen. Ich habe von mutigen Künstlerinnen, von Johanna Kandl und Gabriele Sturm gesprochen, und von Markus Wild, einem innovativ denkenden Tierphilosophen aus Basel.

Hier möchte ich eine weitere Person erwähnen, deren Denken und Handeln ich als tief vorbildlich empfinde.

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Cecily Corty

Wie soll es in Zukunft weitergehen? Niemand kennt die Antwort. Die Verunsicherung nimmt in Europa an vielen Orten zu.

Sicher ist, dass es sich lohnt, den Versuch stets neu zu wagen, den eigenen Schritt zu verlangsamen. Immer wieder genau, aufmerksam, mit offenen Augen, mit offenem Herzen und möglichst unneurotischem Verstand hinzuschauen und hinzuhören. Auch zuzuhören. Und sich inspirieren zu lassen durch jene, die auf wirklich mutige, offene und unkonventionelle, auf frische Art Gutes und Schönes wagen. Es gibt diese Menschen immer wieder.

Cecily Corty aus Wien scheint mir hier ein herausragendes Beispiel zu sein.

Cecily Corty: Man muss auf dem Grund gewesen sein. Aufgezeichnet von Jacqueline Kornmüller, Brandstätter Verlag, Wien 2015

Cecily Corty: Man muss auf dem Grund gewesen sein. Aufgezeichnet von Jacqueline Kornmüller, Brandstätter Verlag, Wien 2015

Sie hat, soweit ich es von aussen beurteilen kann, auf vorbildliche Weise, ohne finanzielle Hilfe durch den Staat oder öffentliche Institutionen, nur mit privat gesammelten Mitteln in den letzten Jahren in Wien vier Obdachlosen-Einrichtungen (wie das VinziRast-CortiHaus) gegründet.

Diese leitet sie, zusammen mit zahlreichen hochengagierten ehrenamtlichen Helfern. Das Ganze soll, wie Aussenstehende berichten, gut funktionieren. Das für mich Bestechende ist unter anderem dies: Frau Corty (die ja, das darf man sicherlich erwähnen, nicht mehr zu den ganz ganz Jungen auf dieser Welt gehört) arbeitet dort tatkräftigst mit; sie verbringt mehrere Nächte pro Woche in einer ihrer Einrichtungen: mitanpackend, mithelfend.

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Ideen geben, Gelder für deren Realisierung (wie hier für die Gründung von Häusern) auftreiben, ist eines. Aktiv und konkret mitzuarbeiten, mit Leib und Seele dann bei der Sache mit dabei sein, ist ein Zweites, Hochlobenswertes. Das ist glaubwürdiges Engagement!

Auch das kann subversiv genannt werden: dem mancherorten fatalistisch-pessimistisch gestimmten, lethargischen, ängstlich und oberflächlich-konsumistisch eingestellen Mainstream etwas Eigenes, Kostbares, Kraftvolles, Kämpferisches, Aktives, Hoffnungsvolles und Zielgerichtetes entgegenzusetzen.

Ich werde auf sie und ihr Buch zurückkommen. Ihr Beispiel ist kostbar.

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Bald machen wir weiter, mit ANFANG III. Dort soll nochmals ein Beispiel genannt werden, das ich als paradigmatisch für die Ausrichtung dieses Blogs bezeichnen möchte.

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SYRISCHES GETÖSE
Die Stimme von NIHAD SIRIS

„Das Getöse, das die Hochrufe und die
Lautsprecher bei unseren Kundgebungen
erzeugen, dient vor allem dazu, das Denken
auszuschalten. Denken be­deutet Widerstand.
Es ist ein Vergehen, ja Verrat am
Führer. Da aber Ruhe und Stille zum
Nachsinnen anregen, werden die Massen
regelmässig zu Brüllor­gien zusammengetrieben.
Das ist notwendig, um die Menschen einer
Gehirnwäsche zu unterziehen und sie von Gedankendelikten
abzuhalten. Wozu sonst wäre ein solches
Höllenspektakel gut? Die Liebe zum Grossen
Führer bedarf keiner Überlegung, sie ist
selbstverständlich. Der Führer verlangt ja auch
nicht, dass man die Liebe zu ihm begründet.“

Nihad Siris: Ali Hassans Intrige. Roman aus Syrien
Aus dem Arabischen von Regina Karachouli
Lenos Verlag, Basel 2008
(diese Sonderausgabe 2014, Seite 22–23)

1

Der Verlag über Nihad Siris:
Nihad Siris, geboren 1950 in Aleppo, Studium der
Ingenieurswissenschaften in Sofia. Seit 1987 schreibt er Romane,
Erzählungen, Theaterstücke und Drehbücher für das Fernsehen.
Der Autor lebt seit 2013 im Exil in Berlin.“

nihad sirees

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SEIN LAND VERLASSEN
Afrika im Gedicht:
TANELLA S. BONI

Poème 1

Nous avons quitté ce pays
Sur la pointe des pieds
Ce pays où les chats
Serrent les dents
Sur fond de désastre
Le silence perché
Sur la moustache
Comme si les hommes
Avaient perdu
La juste vue des choses
Ces choses qui ne sont jamais
De simples choses
La relation humaine
Et le souffle de l’amour
Et le temps qui passe si lentement
Tissant les étoiles
Au bord des précipices
Nous avons quitté ce pays

Le cœur en bandoulière
Et nos peaux en lambeaux
Gardent encore
Le silence indéchiffrable
Collé aux fenêtres
Des grandes illusions
Que les bien-pensants
Acclament
À bras ouverts

TANELLA S. BONI

Auszug aus „La pluie a son mot à dire“
unveröffentlichtes Manuskript

Gedicht 1

Wir haben dieses Land verlassen
auf Zehenspitzen
Dieses Land wo die Katzen
die Zähne zusammenbeissen
angesichts der Katastrophe
Wo die Stille sich über
den Schnurrbart legt
als hätten die Männer
den richtigen Blick
verloren
auf die Dinge, die nie
einfache Dinge sind
Die menschliche Beziehung
Und den Atem der Liebe
Und die Zeit, die so langsam vergeht
und Sterne webt
am Rande des Abgrunds
Wir haben dieses Land verlassen

Das Herz aussen vor
und unsere Haut in Fetzen
bewachen wir noch immer
die unbegreifliche Stille
die sich an die Fenster klebt
Grosse Illusionen
welche die Angepassten
begrüssen
mit offenen Armen

TANELLA S. BONI

Auszug aus „La pluie a son mot à dire“
unveröffentlichtes Manuskript
übersetzt von Lotta Suter und ihrem MitarbeiterInnen-Team

Aus:
AFRIKA IM GEDICHT, herausgegeben von Al Imfeld, Offizin Verlag, Zürich 2015, S. 349;
übersetzt von Lotta Suter und ihrem Team
(© 2016: hier wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung von Al Imfeld und Lotta Sutter, Zürich)

Al Imfeld (Hrsg.): Afrika im Gedicht, Offizin, Zürich 2015

Al Imfeld (Hrsg.): Afrika im Gedicht, Offizin, Zürich 2015

Tanella S. Boni : geboren 1954 an der Elfenbeinküste, studierte in Frankreich, ist heute Professorin in Abidjan (Elfenbeinküste). Hat mehrere Gedichtbände veröffentlicht. Ihre Kunst vereinigt, so Al Imfeld, häufig poetische mit philosophischen Elementen. Ihre zwei letzten Gedichtbände – Gorée île baobab und Ma peau est fenêtre d’avenir – sind 2004 erschienen (nach ibid., S. 795).

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DIE MALENDE ANTHROPOLOGIN
Johanna Kandl im Essl-Museum in Klosterneuburg, Teil 2

Vor einer Woche schrieb ich hier über Johanna Kandl (zu diesem Beitrag). Nun möchte ich in einem zweiten (und letzten) Teil auf weitere Facetten ihres Werkes zu sprechen kommen.

Alte Materialien, alte Metiers

In den letzten Jahren hat sich die Künstlerin intensiv mit Grundmaterialien der Malerei beschäftigt: mit Terpentin, Gummi Arabicum, Mastix oder Leinöl. Sie ist in die Regionen gefahren, wo diese Stoffe früher gewonnen wurden, oder wo dies bis heute geschieht: in den Sudan, nach Tunesien, auf die Insel Chios in die nördliche Ägäis, aber auch ins benachbarte Nieder- und Oberösterreich.

„Deshalb mache ich eine Arbeit über Malmaterialien,
weil auch sie verschwinden. Man sollte ein bisschen etwas über sie erfahren, denn sie tragen poetische Erzählungen in sich.“

Johanna Kandl im Gespräch mit Günther Oberhollenzer,
Johanna Kandl: Konkrete Kunst, Katalog, Essl-Museum, Klosterneuburg, 2015,
(im folgenden „Essl-Katalog“), S. 10

Johanna Kandl: Im Terpentinwald, Hernsteiner Balsamterpentin und Tempera auf Kiefernholz, 2014 (115 x 150 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl)

Johanna Kandl: Im Terpentinwald, Hernsteiner Balsamterpentin und Tempera auf Kiefernholz, 2014 (115 x 150 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl)

Frage von Günther Oberhollenzer an Johanna Kandl:
„Sie beschäftigen sich mit den unsichtbaren Malstoffen.
Wieso haben Sie sich gerade für diese entschieden
und nicht zum Beispiel für die Farben?“

JK:
„Weil sie unsichtbar sind, das find ich besonders schön.“

GO:
„Auch weil sie noch weniger bekannt sind?“

JK:
„Die Unsichtbaren sind fast noch spektakulärer, z.B. das Terpentin ist eine wunderbare Sache, da kann man stundenlang darüber reden. Es wird im Süden von Wien von Föhren (Pinus Nigra Austriaca) gewonnen. Man sieht diese alten Bäume, wie sie so dastehen
und für das Pechern angeschnitten werden. Das sieht aus, also ob Hexen
durch den Wald gegangen wären und hat auch etwas Erotisches.“

Johanna Kandl im Gespräch mit Günther Oberhollenzer, Essl-Katalog, S. 10

In Tunesien und im Sudan hat sie den Anbau und Verkauf von Gummi Arabicum studiert.

Johanna Kandl: Gummi Arabicum, Gummi Arabicum Stücke und Tempera auf Leinwand, 2015 (150 x 100 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl
)

Johanna Kandl: Gummi Arabicum, Gummi Arabicum Stücke und Tempera auf Leinwand, 2015 (150 x 100 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl
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Auch da haben die Kandls Geschichten der damit beschäftigten Menschen aufgenommen:

„Anbau und Verkauf des Gummi Arabicums ist ein
höchst politisches Thema. Ich war in Tunesien, in einem kleinen Dorf namens Bir Salah. Dort versuchen eine junge Frau, Sarah Toumi und ihr Mann Khalil, Gummi Arabicum-Bäume (also Acacia Senegal) zu setzen, um der dortigen Trockenheit entgegenzuwirken. In diesem winzigen Labor Bir Salah zeigt sich die ganze Dramatik der Region. (…) Ich finde es immer spannend, an etwas ganz Kleinem anzusetzen, dann aber wirklich genau hinzuschauen. Irgendwo habe ich einmal gelesen, Kitsch sei das Ungenaue.“

Johanna Kandl im Gespräch mit Günther Oberhollenzer, Essl-Katalog, S. 8

Helmut & Johanna Kandl: Fotografie von Gegenständen in Vitrine in Ausstellung Johanna Kandl. Konkrete Kunst im Essl-Museum, Klosterneuburg, 2015

Helmut & Johanna Kandl: Fotografie von Gegenständen in Vitrine in Ausstellung Johanna Kandl. Konkrete Kunst im Essl-Museum, Klosterneuburg, 2015

Johanna Kandl: eine Ethnologin mit Herz!

Was ist Kunst?

Die alte Frage. Vor einem Bild von Johanna Kandl kann man sagen: Kunst ist, wenn ein Teppich nicht bloss ein Teppich ist, wenn Stoffballen nicht bloss wie banale Stoffballen daherkommen, sondern durch Mal-Arbeit, durch Mal-Alchemie MEHR geworden sind.

Johanna Kandl: O. T. (Stoffgeschäft), Tempera auf Holz, 2013 (170 x 270 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl
) 



Johanna Kandl: O. T. (Stoffgeschäft), Tempera auf Holz, 2013 (170 x 270 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl
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Dieses Mehr surrt im Kopf. Es weckt Erinnerungen, so dass, vor dem Kandl-Bild stehend, alte Erinnerungsfäden sich mit dem Gesehenen verknüpfen: ein neues Gewebe, ein neues Bild im Kopf entsteht.

Das bringt Johanna Kandl fertig, weil sie nicht nur eine erfindungsreiche, gewissenhafte und faire Forscherin und Ethnologin ist, sondern, im Nachgang, in ihrer hauptsächlichen Arbeit eine hervorragende Künstlerin und Malerin ist.

8-1Johanna Kandl: O. T. (Teppiche), Tempera auf Holz, 2014 (170 x 250 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl
)

Johanna Kandl: O. T. (Teppiche), Tempera auf Holz, 2014 (170 x 250 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl
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Diese Teppiche auf dem Markt in Tiflis:
Ich denke an das Rote Atelier von Matisse. Das ist doch Musik!

So müsste Ethnologie immer daherkommen.

„Es soll so sein, dass man eine Freude hat, die Bilder anzusehen.“

Johanna Kandl im Gespräch mit Günther Oberhollenzer, Essl-Katalog, S. 13

Humor

Humor ist, vor allem in Randlagen, wenn man trotzdem lacht.

Johanna Kandl: O.T. (When fortune turns the wheel…), Tempera auf Holz, 2013 (30 x 42 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl)

Johanna Kandl: O.T. (When fortune turns the wheel…), Tempera auf Holz, 2013 (30 x 42 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl)

Johanna Kandl: O.T. (Bill, Paris und Donald sind umgezogen), Tempera auf Holz, 2009
 (170 x 250 cm), Courtesy Galerie Zimmermann Kratochwill, Graz (Foto: Helmut & Johanna Kandl
)

Johanna Kandl: O.T. (Bill, Paris und Donald sind umgezogen), Tempera auf Holz, 2009
 (170 x 250 cm), Courtesy Galerie Zimmermann Kratochwill, Graz (Foto: Helmut & Johanna Kandl
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Bei Essl – und bald darüber hinaus?

Das Essl-Museum hat der Künstlerin eine schöne Personale ausgerichtet (9.10.2015–21.2.2016). So nennt man in Österreich eine Einzelausstellung.

Ansicht in der Ausstellung Johanna Kandl. Konkrete Kunst im Essl-Museum, Klosterneuburg, Oktober 2015, Foto Farid Sabha (© Farid Sabha, Wien)

Ansicht in der Ausstellung Johanna Kandl. Konkrete Kunst im Essl-Museum, Klosterneuburg, Oktober 2015, Foto Farid Sabha (© Farid Sabha, Wien)

Ansicht in der Ausstellung Johanna Kandl. Konkrete Kunst im Essl-Museum, Klosterneuburg, Oktober 2015, Foto Farid Sabha (© Farid Sabha, Wien)

Ansicht in der Ausstellung Johanna Kandl. Konkrete Kunst im Essl-Museum, Klosterneuburg, Oktober 2015, Foto Farid Sabha (© Farid Sabha, Wien)

Die Schau, die den witzigen Titel trägt: Johanna Kandl. Konkrete Kunst, hat der Essl-Museumskurator Günter Oberhollenzer zusammen mit den beiden Kandls eingerichtet. Die Ausstellung ist gelungen, der Katalog lohnt die Lektüre.

Katalog der Ausstellung "Johanna Kandl. Konkrete Kunst" im Essl-Museum, Klosterneuburg, 2015 (mit Beiträgen von Agnes Essl, Günther Oberhollenzer, Barbara Steiner und Michaela Nagl)

Katalog der Ausstellung „Johanna Kandl. Konkrete Kunst“ im Essl-Museum, Klosterneuburg, 2015 (mit Beiträgen von Agnes Essl, Günther Oberhollenzer, Barbara Steiner und Michaela Nagl)

Ich muss aber gestehen, dass ich von einer wirklich grossen Kandl-Ausstellung träume. Einer reichen Ausstellung. Die so umfassend ist wie jede schöne Retrospektive eines Matisse oder Picasso. Wer macht sie? Es gäbe da viel zu entdecken.

Nochmals Essl: Eine wahre Geschichte

Johanna und Helmut Kandl zeichnen nicht nur die Geschichten auf, die anderen widerfahren (sind). Sie erleben auch selbst welche. Die Erinnerung an eine solche hängt gleich im Eingang der gegenwärtigen Essl-Ausstellung.

Auf diesem Bild ist das frühere Farbengeschäft der Eltern Kandl in Wien-Floridsdorf dargestellt. Hier ist Johanna Kandl aufgewachsen. Hier hat sie ihre Liebe zu Pigmenten und Malmitteln entdeckt. Der Vater stellte noch eigenhändig Farben her.

Dieses Geschäft ging unter, wie viele andere aus der Welt des Kleinhandels, als die

Johanna Kandl: O.T. (Farbhandlung), Tempera und Ölfarbe auf Leinwand, 2009
 (115 x 150 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl
)

Johanna Kandl: O.T. (Farbhandlung), Tempera und Ölfarbe auf Leinwand, 2009
 (115 x 150 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl
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grossen Baumärkte aufkamen, die dasselbe Mal-Sortiment ihren Kunden viel billiger anbieten konnten.

Die wichtigste derartige Kette in Österreich war jene, die Karlheinz Essl (geb. 1939) zusammen mit seiner Frau Agnes Essl ab den frühen 60er Jahren aufbaute: die bauMax-Kette. Seine Filialen haben das alte Kandl’sche Geschäft im 21. Wiener Gemeindebezirk, an der Brünner Straße 165 in Floridsdorf, in den Ruin getrieben.

Reich geworden, haben Herr und Frau Essl ihre Liebe zur Kunst entdeckt. Sie begannen zu sammeln. Vor rund zwanzig Jahren stiessen sie auf die Künstlerin Johanna Kandl. Sie erwarben einige ihrer Werke und nahmen diese immer wieder in Gruppenausstellungen in ihrem Museum auf.

Jetzt widmen sie ihr in ihrem Haus eine erste Einzelausstellung.

Schliesst sich damit ein Kreis? Das wäre in meinen Augen zu voreilig, zu plump, zu simpel-beschönigend formuliert. Vor allem, wenn man damit meint: „Ende gut – alles gut“.

Sicher ist: Hier haben wir eine typische Kandl’sche Geschichte vor uns: Eine reale, traurige Geschichte, die, wie man sagt, das Leben geschrieben hat. Eine Geschichte, die allerdings, wenn man besagte Ausstellung besucht, einen versöhnlichen Ausklang kennt.

Text „Nur Scheiße“ von Helmut Kandl, in: Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories, Fotohof Edition, Salzburg 2005, S. 180

Text „Nur Scheiße“ von Helmut Kandl, in: Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories, Fotohof Edition, Salzburg 2005, S. 180

I will prevail!

So heisst ein Bild von Johanna Kandl von 2007.

 Johanna Kandl: O.T. (I will prevail), Tempera auf Leinwand, 2007 (150 x 105 cm), © Sammlung Essl, Klosterneuburg /Wien (Foto: Mischa Nawrata, Wien)

Johanna Kandl: O.T. (I will prevail), Tempera auf Leinwand, 2007 (150 x 105 cm), © Sammlung Essl, Klosterneuburg /Wien (Foto: Mischa Nawrata, Wien)

Das wünschen wir auch der Künstlerin! Lange, glücklich und fleissig soll sie weiterarbeiten, und so aufmerksam, weise und voller Schalk auf die Dinge dieser Welt blicken wie eh und je.

„Und als ältere Frau ist es das Beste! Ich habe mir
schon gedacht, wenn ich noch älter bin, dann gehe ich mit einer Einkaufstasche in ein Atomkraftwerk. Das ist mir egal, denn das schaut so blöd aus, das man mir nichts tut.“

„Malerei ist natürlich eine Form von Konzentration. Ich finde das Element des Langsamen oder des Mühsamen schön, denn fast alle meine Bilder handeln auch von etwas Mühsamen.“

Johanna Kandl im Gespräch mit Günther Oberhollenzer, Essl-Katalog, S. 7 + 8

Farid Sabha: Johanna Kandl in ihrem Atelier in Wien, Fotografie (© Farid Sabha, Wien)


Farid Sabha: Johanna Kandl in ihrem Atelier in Wien, Fotografie (© Farid Sabha, Wien)

Baku, 1995, Fotografie von Helmut und Johanna Kandl, in: Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories, Fotohof Edition, Salzburg 2005, S. 206

Baku, 1995, Fotografie von Helmut und Johanna Kandl, in: Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories, Fotohof Edition, Salzburg 2005, S. 206

(Die Ausstellung im Essl-Museum dauert bis 21.2.2016. – Vielen Dank an Regina Holler-Strobl und Erwin Uhrmann von der Presseabteilung des Essl-Museums in Klosterneuburg, welche viele der hier verwendeten Bildvorlagen freundlichst geliefert haben. Und Dank natürlich an Johanna und Helmut Kandl für die Genehmigung, diese, sowie andere Bilder aus ihrer Produktion hier zeigen zu dürfen.)

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DIE MALENDE ANTHROPOLOGIN
Johanna Kandl im Essl-Museum in Klosterneuburg, Teil 1

Ich kann mich an den Bildern von Johanna Kandl nicht satt sehen. Sie sind klug, oft witzig, sehr hintergründig, hervorragend gemalt; sie erzählen Geschichten, denen ich immer wieder lauschen möchte.

Johanna Kandl: O.T. (Food is the new oil), Tempera auf Holz, 2013
 (30 x 42 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl
)

Johanna Kandl: O.T. (Food is the new oil), Tempera auf Holz, 2013
 (30 x 42 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl
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Ihre Werke sind getragen von grosser Menschlichkeit, von Anteilnahme am Geschick von Menschen, die häufig am Rande der Gesellschaft leben, an Orten, wo kaum einer gross hinschaut. Johanna Kandl sucht gerne solche Randlagen auf, zusammen mit ihrem Mann Helmut Kandl.

Ihr Blick auf die Menschen, denen sie da begegnet, ist immer persönlich und ruhig, unspektakulär und unvoyeuristisch. Die Art, wie sie später in ihrer Kunst – auf direkte oder indirekte Weise – über diese Begegnungen berichtet, bleibt immer frei von Pathos, Kitsch oder Sentimentalität.

Museumsinsel, Berlin, 2004, Fotografie von Helmut und Johanna Kandl, in: Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories, Fotohof Edition, Salzburg 2005, S. 22

Museumsinsel, Berlin, 2004, Fotografie von Helmut und Johanna Kandl, in: Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories, Fotohof Edition, Salzburg 2005, S. 22

Sopot (Zoppot), Polen, 2004, Fotografie von Helmut und Johanna Kandl, in: Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories, Fotohof Edition, Salzburg 2005, S. 297

Sopot (Zoppot), Polen, 2004, Fotografie von Helmut und Johanna Kandl, in: Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories, Fotohof Edition, Salzburg 2005, S. 297

Sonntag in Mähren, 2001, Fotografie von Helmut und Johanna Kandl, in: Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories, Fotohof Edition, Salzburg 2005, S. 205

Sonntag in Mähren, 2001, Fotografie von Helmut und Johanna Kandl, in: Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories, Fotohof Edition, Salzburg 2005, S. 205

Helmut Kandl

Johanna arbeitet oft mit ihrem Mann Helmut Kandl zusammen. Er ist selber ein begabter Künstler – und begnadeter Organisator. Die beiden scheinen sich, von aussen gesehen, ideal zu ergänzen. Hier sind die Rollen für einmal vertauscht: dient der Mann der Frau zu. Helmut macht das mit Grandezza, Noblesse, Charme und Humor.

Sie sind ein schönes Paar.

Randlage

Was die beiden verbindet: Sie sind in einer Zone geboren, die zu Zeiten des Eisernen Vorhangs am äussersten Rande der damaligen westlichen europäischen Welt lag – und auch deshalb lange arm und benachteiligt blieb. Sie entstammen, das Wort ist schon gefallen, einer Randlage.

Ihre Liebe zu den Rändern hat alte Wurzeln.

Text „Aufgewachsen in einem Dorf im Weinviertel“ von Helmut Kandl, in: Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories, Fotohof Edition, Salzburg 2005, S. 117

Text „Aufgewachsen in einem Dorf im Weinviertel“ von Helmut Kandl, in: Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories, Fotohof Edition, Salzburg 2005, S. 117

Text „Randlage“ von Helmut und Johanna Kandl, in: Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories, Fotohof Edition, Salzburg 2005, S. 115

Text „Randlage“ von Helmut und Johanna Kandl, in: Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories, Fotohof Edition, Salzburg 2005, S. 115

„Was für andere Künstler der Sex, ist für mich der Handel.“

Johanna Kandl: O.T. (Mosaik), Tempera auf Holz, 2014 (80 x 50 cm), Courtesy Privatsammlung (Foto: Helmut & Johanna Kandl 
)

Johanna Kandl: O.T. (Mosaik), Tempera auf Holz, 2014 (80 x 50 cm), Courtesy Privatsammlung (Foto: Helmut & Johanna Kandl 
)

„Das sind ja alles lauter Tandler, die ich zeige, die machen kein großes Geschäft. Diese Dame (O.T. [Mosaik]) rennt mit dem Brot herum, und so renne ich auch mit der Malerei herum.“

Johanna Kandl im Gespräch mit Günther Oberhollenzer,
Johanna Kandl: Konkrete Kunst, Katalog, Essl-Museum, Klosterneuburg, 2015,
(im folgenden „Essl-Katalog“), S. 8 + 11

Venedig im Sommer

Venedig – Sommer – die Biennale ruft. Das kunstinteressierte Publikum reist an: die Pinaults und all die andern. Die jungen Afrikaner sind auch da und bieten auf der Hafenmole Taschen und anderes feil. Sie werden, ausser von den Schnäppchenjägern, kaum beachtet. Man ist schliesslich da, um Kunst zu sehen, Leute zu treffen, gut zu essen. Man ist anderweitig beschäftigt.

Inv. Nr. 5515; Essl Museum; Künstler: Johanna Kandl, Titel: Carnival Liberty; Tempera auf Holz, 2006, HoR 241 cm, BoR 170 cm, Repro: Mischa Nawrata

Johanna Kandl: O.T. (Carnival Liberty), Tempera auf Holz, 2006 (241 x 170 cm), Sammlung Essl Klosterneuburg/Wien (Foto: Mischa Nawrata, Wien
)

Anders Johanna Kandl. Sie hat Zeit. Und Augen und Ohren und ein Herz. Sie bleibt stehen.

Marlies Cermak
: Porträt Johanna Kandl, Fotografie

Marlies Cermak
: Porträt Johanna Kandl, Fotografie

Sie stellt die Afrikaner auf der venezianischen Mole in den Vordergrund. Der Betrachter versteht, was Sache ist, auch wenn ihr Bild keine Anklage erhebt. Es ist spannungsvoll aufgebaut, präzise konstruiert, hervorragend gemalt. Alles steht klar, fast transluzid da: ins schöne venezianische Licht gestellt, das schon Tizian und Tintoretto inspiriert hat.

Der Afrikaner rechts im Vordergrund des Bildes: Er schaut in die Ferne, wie übers Meer, nach der alten Heimat? Denkt er an die Zukunft? Oder schaut er sich nur nach Kundschaft um?

Es ist, als würde das Bild eine Frage stellen. Welche? Auch der in Klammer genannte Bildtitel, sicherlich auf das Schiff im Hintergrund verweisend, stellt Fragen: Carnival? Karneval? Liberty? Freiheit? wo denn, wie? Sind das nicht einfach Marketingfloskeln? Eingesetzt von Schiffseignern und Reiseveranstaltern, die – wie die Afrikaner – auch was zu verkaufen möchten?

Überall regiert heute die allgegenwärtige Glitzer-Nippes-Konsumwelt – an jedem Strand, an jeder Mole, an jeder Meile.
Karneval von Venedig – das war mal.

Fragen, nur Fragen

Antworten sind was für Experten. Johanna Kandls Bilder sind eher im Fragemodus gehalten. Wahrheit und Realität sind eine komplexe, keine fixe, ein für allemal einzementierte Sache. Wie soll da eine Künstlerin, ein Künstler Antworten, gar definitive Antworten geben können?

Wie unsere Nachtträume, die wir oft nicht verstehen, schafft Kandl Bilder, die zuerst Fragen aufwerfen: Fragen, die keine schnelle Antwort finden, die als solche stehenbleiben wollen – ja eine Weile stehenbleiben müssen.

Das ist schön. So muss, glaube ich, Kunst sein.

Johanna Kandl: O.T. (Is our economy broken?), Tempera auf Holz, 2014 (100 x 150 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl)

Johanna Kandl: O.T. (Is our economy broken?), Tempera auf Holz, 2014 (100 x 150 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl)

Johanna Kandl: O.T. (And then, one day), Tempera auf Holz, 2007
 (30 x 42 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl
)

Johanna Kandl: O.T. (And then, one day), Tempera auf Holz, 2007
 (30 x 42 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl
)

Experten, wie Politiker, verdienen im Gegensatz dazu ihr Brot häufig damit, Antworten – fixe, schnelle, wahre, hässliche, eindrucksvolle, mächtige, redundante, komplizierte, definitive, verschleiernde, verkürzende, abstossende, brutale, und und und – zu geben.

Statt zuerst in Ruhe Fragen zu stellen, richtige, gute Fragen zu stellen. Und diesen Raum zu geben.

Johanna und Helmut Kandl kennen das Leben. Sie müssen nicht um Stimmen buhlen, auch nicht mit ihrer Kunst. Sie wissen, dass laute Nur-Antworten oft keine Antworten sind. Dass sie nur zu neuer Enttäuschung führen. Immer wieder neu.

Ihr Interesse ist anders. Sie wollen zuerst hinhören und hinschauen.

Reisen und Feldforschung

Wie eine Anthropologin reist Johanna Kandl seit Jahrzehnten zusammen mit Helmut in die Welt hinaus und besucht – manchmal auch sehr entlegene – Orte und Menschen. Sie befragt diese, hört ihnen zu, bleibt eine Weile bei ihnen und verhält sich dabei nicht wie eine Touristin, die nur auf rasche, oberflächliche, konsumistische Erholungskicks aus ist.

Johanna Kandl: Let a hundred flowers blossom, Tempera und Gummi Arabicum auf Leinwand, 2015 (115 x 150 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl)

Johanna Kandl: Let a hundred flowers blossom, Tempera und Gummi Arabicum auf Leinwand, 2015 (115 x 150 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl)

Gemüsegroßmarkt, Belgrad, 2004, Fotografie von Helmut und Johanna Kandl, in: Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories, Fotohof Edition, Salzburg 2005, S. 284

Gemüsegroßmarkt, Belgrad, 2004, Fotografie von Helmut und Johanna Kandl, in: Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories, Fotohof Edition, Salzburg 2005, S. 284

Überall nehmen die Kandl Geschichten auf.

Bücher

Diese Geschichten finden Eingang in ihr Werk: in die Bilder von Johanna; in die zahlreichen, oft sehr gescheiten, komisch-witzigen Videos, welche das Ehepaar in der Regel gemeinsam erstellt; und schliesslich in die Bücher, die ebenfalls ihren ganz einen eigenen Charme haben:

Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories Fotohof Edition, Salzburg 2005

Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories Fotohof Edition, Salzburg 2005

Helmut & Johanna Kandl: STORIST, Fotohof Edition, Salzburg 2012

Helmut & Johanna Kandl: STORIST, Fotohof Edition, Salzburg 2012

Wie alle Völkerkundler und Volkskundler dieser Welt geben die Kandl in diesen Büchern (und Videos) jenen eine Stimme, die der Mainstream in der Regel negiert, übersieht, für nichtig und uninteressant erklärt hat – einfach, weil sie fürs grosse kapitalistische Räderwerk und Schauspiel als zu unsexy gelten.

Text „Der Kinderatlas“ von Helmut und Johanna Kandl, in: Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories, Fotohof Edition, Salzburg 2005, S. 114

Text „Der Kinderatlas“ von Helmut und Johanna Kandl, in: Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories, Fotohof Edition, Salzburg 2005, S. 114

Nächste Woche (13.1.) werde ich diesen Beitrag über Johanna Kandl fortsetzen. Bis dann sollte man unbedingt, wenn man in Wien oder Umgebung lebt, die sehr schöne Ausstellung, welche das Essl-Museum in Klosterneuburg der Künstlerin ausgerichtet hat, besuchen – falls man dies nicht schon getan hat:

Johanna Kandl. Konkrete Kunst

Zu sehen nur noch bis zum 21. Februar.
Deshalb Beeilung!

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EIN ANFANG:

Zuallererst:
Ein gutes Neues Jahr allen Besucherinnen und Besuchern dieses Blogs.
Gesundheit, Glück und Erfolg und vieles mehr sollen uns alle begleiten.
Ich freue mich, Sie hier willkommen zu heissen.

„Kunst, Ethnologie, Literatur, Alltag, Politik“ – weite, mitunter inspirierende Gebiete, aus denen hier immer wieder berichtet werden soll, von mir, aber auch, wenn immer möglich, von Gast-Autorinnen und -Autoren.

04_04Diese Berichte werden verschiedenartig ausfallen. Journalistisch, dokumentarisch, witzig, poetisch, kurz, superkurz, fragmentarisch, enigmatisch, literarisch, schnippisch, subjektiv, komisch, persönlich – falls damit auch Nicht-Persönliches mitberichtet wird.

Ein Minimal-Anspruch an intellektueller Redlichkeit und stilistischer Schreibequalität soll aber immer gewahrt bleiben – was immer dies im Einzelnen bedeuten wird.

Das bedeutet: Dieses Blog-Gefäß soll ein offenes sein.

Stil- und Themenvielfalt

Der stilistischen Offenheit wird das breite Themenspektrum antworten. Die im Banner genannten Themenbereiche („Kunst, Ethnologie, …“) decken ja Einiges ab. Es darf aber auch Anderes zur Sprache kommen. Funken, poetische oder andere, lassen sich aus mancherlei Stoff schlagen.

Wenn dieser Blog wie ein Piratenschiff eine Flagge gehisst hätte, würde auf dieser die Maxime des australischen Dichters und Literaturkritikers Les Murray (geb. 1938) stehen:

„Also, ich interessiere mich nur für alles.“

02_04

Das bedeutet:

Bei diesem Blog handelt sich weder um einen klassischen,
um Objektivität, Nüchternheit oder Vollständigkeit bemühten
INFORMATIONSBLOG,
noch um einen
VERLAGSBLOG,
auch wenn der Schreiber dieser Zeilen im Hauptberuf Buchverleger ist.

Diese Schreibe-Plattform will – wenn immer möglich – eines: inspirieren. Sie will in Ansatz und Stil lebendig und quirlig sein. Freude ist erlaubt, Wahrheit, Offenheit und Schönheit sind erwünscht. Der Blog darf mit Unerwartetem aufwarten, auf Vergessenes hinweisen.

Das Leben überrascht uns ja alle immer wieder, positiv wie negativ.
Dieser Blog darf dasselbe.

Zwei Dinge werde ich hier meiden:

  • Mainstream-Dinge: Erstens finde ich solche oft langweilig. Zweitens haben sie in der Regel eh schon anderswo ihr Forum.
  • Blödsinn, Hass, Verleumdung, Flunkerei und Unwahrheit haben hier nichts zu suchen.

02_03

Sinn und Zentrum dieses Blogs

Wenn so vieles zur Sprache kommen darf, ist die Frage legitim: Hat dieser Blog einen roten Faden, eine Richtschnur?

Zwei Dimensionen locken mich:

Einmal das Poetische – das, was man den poetischen Blick auf die Welt nennen kann: Ein Blick, der immer auch das Abseitige, Verzweigte, Verschrobene, Abwegige, Schöne im Unscheinbaren sehen will.

Gedichte aber, also jene Textformen, die das Poetische zu ihrem eigentlichen Sinn und Zweck erhoben haben, sollen hier nicht im Zentrum stehen. Sie werden zwar ab und zu zitiert werden; dies aber nur am Rande.

Ich interessiere mich mehr für das Poetische, das wie in anderem Kleide daherkommt, sich dem ersten Blick vielleicht nicht erschliesst. Wie Komik oder Tragik kann Poesie an unerwarteten Orten nisten.

Doch nur Schöngeistiges soll hier nicht das Zentrum sein

Die Welt ist nicht in Ordnung. Das ist nichts Neues. Jeder, der es vermag, muss sich heute Gedanken machen, wo er steht, wofür er einstehen oder vielleicht sogar kämpfen mag.

Eine zweite Achse für diesen Blog will ich deshalb so beschreiben: Es soll immer wieder die Sprache sein von Dingen, denen – aus meiner Wahrnehmung – ein SUBVERSIVES Element zukommt. Dieses hinterfragende Element muss nicht mit lauten Trompeten und Fanfaren daherkommen. Im Gegenteil. Plakatives, allzu Schrilles empfinde ich, wie den Mainstream, auch oft als langweilig. Wie alles, was zu offensichtlich gestrickt ist.

Auch hier kann das Versteckte und Stille in die Mitte gerückt werden.

Subversives

Das Subversive: ein Wort, das, wenn ich mich nicht täusche, seit Jahrzehnten jeder Mode entfallen ist.

Die Freibeuterschriften von Pier Paolo Pasolini, erschienen im Wagenbach Verlag in Berlin (deutsche Erstausgabe 1978; diese Ausgabe 1998; italienische Originalausgabe 1975)

Die Freibeuterschriften von Pier Paolo Pasolini, erschienen im Wagenbach Verlag in Berlin (deutsche Erstausgabe 1978; diese Ausgabe 1998; italienische Originalausgabe 1975)

Seit den Zeiten von Pier Paolo Pasolini (1922–1975) und Herbert Marcuse (1898–1979), also seit den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts, hat dieses Wörtchen viel von seiner Aura verloren. Vom Eindimensionalen Menschen spricht heute kaum mehr jemand.

Isolde Ohlbaum: Herbert Marcuse, Fotografie, späte 1970er Jahre

Isolde Ohlbaum: Herbert Marcuse, Fotografie, späte 1970er Jahre

Zeit deshalb, an diese und ähnliche Denker zu erinnern und zu sehen, ob ein solches Denken wo auch immer, im wie Kleinen oder Grossen auch immer, weiter vorangetrieben werden kann. Hoffnung muss sein: als Prinzip und auch sonst.

Ich bin Romantiker. Subversives ist für mich wie das Salz, welches mir eine Sache oft erst schmackhaft macht. Es ist eine Qualität, die wie ein Spurenelement Zukunft enthalten kann, lebenswertere Zukunft verspricht: eine Zukunft, die ich mir als etwas weniger von ökonomischem Kalkül diktiert, einen Tick menschenwürdiger und sogar poetischer vorstelle als die Gegenwart.

08_03

Ein Träumeblog! … werden Sie sagen.
Ja, stimmt. Vielleicht.

Auch dieses feine Subversions-Salz kann sich, wie das Poetische, überall finden. In Romanen und Gedichten, in Filmen und Kunstwerken, in soziologischen, philosophischen, ökonomischen oder politologischen Abhandlungen. Und in Alltagspraxis: in politischer oder sonstwie praktisch ausgerichteter Arbeit.

Mutige KünstlerInnen

Es gibt Künstlerinnen und Künstler, die – auch heute – als subversiv bezeichnet werden können. Künstler, die nicht hauptsächlich an Markterfolg denken, sondern in ihrer Arbeit immer auch den Blick auf Grösseres: auf Gesellschaftliches, Ökonomisches, Politisches, Ideologisches, auf Natur, Transzendentes, was immer, mitgerichtet haben. Künstler, die den Status Quo in der Welt nicht einfach deshalb schon patent finden, weil sie damit gut fahren und Erfolg haben, und diesen Status durch ihre Arbeit nicht automatisch weiter zementiert sehen wollen.

05_02

Es mag Menschen geben, die an der Lauterkeit solchen künstlerischen Tuns heute zweifeln mögen. Menschen, die vielleicht allzu oft den wie auf einer weltweiten Sportveranstaltung erzielten neusten Kunstmarkt-Rekorden ihr Ohr geliehen haben. Diese Nachrichten sind Gift. Sie lenken von der eigentlichen Kunst ab und nehmen vielen die Freude und unvoreingenommene Neugierde auf Künstler und Kunst.

Künstler, die ich als wahrhaft subversiv empfinde, die aber auch echte Künstler sind, also nicht schablonenmässig einem fixen Polit- oder Ideenprogramm entlangarbeiten, sind:

Johanna Kandl

Johanna Kandl: O.T. (keep calm), Tempera auf Holz, 2014
 (35 x 50 cm, Courtesy die Künstlerin, Foto: Helmut & Johanna Kandl
)

Johanna Kandl: O.T. (keep calm), Tempera auf Holz, 2014
 (35 x 50 cm, Courtesy die Künstlerin, Foto: Helmut & Johanna Kandl
)

oder

Gabriele Sturm

Gabriele Sturm: Installation, Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Innsbruck, 2014 (© Gabriele Sturm)

Gabriele Sturm: Installation, Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Innsbruck, 2014 (© Gabriele Sturm)

Auf beide werde ich zurückkommen.

Tierphilosophie

Subversiv ist für mich auch die Arbeit von Markus Wild, Professor für Tierphilosophie an der Universität Basel. Er denkt Tiere anders als man dies in unseren abendländischen Breitengraden seit über 2000 Jahren tut.

Markus Wild: Tierphilosophie zur Einführung, (Junius Verlag, Hamburg 2008; auf dem Cover, laut Impressum, ein Foto mit einem Thinking Chimpanzee)

Markus Wild: Tierphilosophie zur Einführung, (Junius Verlag, Hamburg 2008; auf dem Cover, laut Impressum, ein Foto mit einem Thinking Chimpanzee)

Tiere haben in unserer Kultur seit Platon und Aristoteles einen präzise umrissenen philosophischen Status. Die Frage, ob sie denken können, ob sie Bewusstsein besitzen, usw., wird meist negativ beantwortet. Ausnahmen zu dieser Denktradition hat es nur wenige gegeben:

„… no truth appears to me more evident,
than that beast are endow’d
with thought and reason as well as man.“
David Hume: A Treatise of Human Nature, 1738, I, 3, xvi
(zit. durch Perler und Wild in Geist der Tiere, S. 7)

Markus Wild stellt in diesem schwierigen Feld alte Fragen:

Dominik Perler und Markus Wild (Hrsg.): Der Geist der Tiere. Philosophische Texte zu einer aktuellen Diskussion, Suhrkamp (taschenbuch wissenschaft 1741, Frankfurt 2005)

Dominik Perler und Markus Wild (Hrsg.): Der Geist der Tiere. Philosophische Texte zu einer aktuellen Diskussion, Suhrkamp (taschenbuch wissenschaft 1741, Frankfurt 2005)

Und findet neue Antworten. Das hat Folgen.

Ausgehend von seinen Forschungen kritisiert er zum Beispiel die Leiter zoologischer Gärten. Er sieht diese in zeittypischer Weise allzu sehr von Gewinnmaximierungs-Vorstellungen geleitet. Was Blockbuster-Werke wie jene von van Gogh, Gauguin, Matisse oder Picasso für quotenbegeisterte Kunstmuseen darstellen, sind in seinen Augen die „Knüller-Tiere“ für den Zoo: Elefanten, Bären und Tiger – grosse Tiere, die auf allzu engem Raum gehalten werden.

Das Argument der Zoodirektoren, so werde Artenschutz betrieben, lässt Wild nicht gelten. Er sieht hier wie gesagt primär wirtschaftsorientiertes Handeln am Werk, ein Handeln, welches das Recht des Stärkeren ganz selbstverständlich für sich in Anspruch nimmt, wie anderswo, wo im Namen von Profitdenken brutal und egoistisch gehandelt wird.

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Schluss

Bevor dieser Beitrag zu lange wird, höre ich auf. Schliesslich habe ich in den letzten Wochen, seit ich diesen Blogstart anvisiert habe, immer wieder gehört, man solle nicht zu lange Posts schreiben. Niemand lese gerne im Internet.
Vielleicht stimmt das.

DESHALB ist hier mal Schluss. Ein mit ANFANG II überschriebener Beitrag wird in zwei-drei Wochen den Faden da wieder aufnehmen, wo wir ihn im Moment liegenlassen.

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Jetzt gilt:

Willkommen!

Sie sind willkommen! Als LESERINNEN und als LESER. Und Sie sind willkommen als KOMMENTATORINNEN und KOMMENTAROREN. Deshalb ist am Ende jeden Beitrags ein Kommentar-Link eingefügt (siehe ganz unten: „Hier Kommentar schreiben“), der zu einem leeren Kommentarfenster führt – einem Fenster, das nur darauf wartet, mit Fragen, klugen Bemerkungen, mit Anregungen oder netter Ermunterung gefüllt zu werden.

Und schliesslich sind Sie hier auch als Gast-Autorinnen und Gast-Autoren willkommen, als GAST-BLOGGER. Weshalb nicht? Probieren Sie es aus! Schicken Sie mir Ihren Beitrag. Wenn dieser interessant ist und zur Ausrichtung des Blogs passt, werde ich ihn hier gerne einstellen. Da Beiträge immer mittwochs erscheinen, können Sie per Mail bei mir (mail@pietmeyer.ch) „Ihren Mittwoch“ im Voraus reservieren, irgendwann im Jahr – für Ihren Text! Der Blog-Wirt nimmt Reservationen gerne entgegen!

Die Namen der Gast-Blogger werden in der Seitenleiste (hier zur Rechten) in einer eigenen Rubrik aufgeführt werden, samt Listung aller, wie man sagt, GEPOSTETEN BEITRÄGE.

AUF GEHT’s!

Zum Rhythmus:

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EINMAL PRO WOCHE, IMMER MITTWOCHS

Ca veut dire: à très bientôt, à mercredi prochain, le 6 janvier!
Welcome to the New Year!

02_02PS: Die im Banner und in diesem ersten Beitrag auftauchenden roten anthropomorphen Figuren stammen aus dem Gebiet der Dogon in Mali. Die ersten Ethnologen, die sich ihnen gewidmet haben, waren Marcel Griaule (1898–1956) und seine Kollegen. Sie haben das Dogon-Gebiet im damals frankophonen Westafrika ab 1931 immer wieder zu längeren Forschungsaufenthalten aufgesucht. Ich werde in einem eigenen Beitrag auf diese enigmatischen, lebendig-poetischen Figuren zurückkommen.

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