ALBERTO GIACOMETTI:
Ohne jede Kontrolle

Zu einem Satz von André Breton: »Ohne jede Kontrolle…«, der sich findet in:

André Breton: "Manifeste du Surréalisme". Aux Éditions du Sagittaire, Paris, 1924, 6. Auflage

André Breton: „Manifeste du Surréalisme“. Aux Éditions du Sagittaire, Paris, 1924, 6. Auflage

»Ich bin der Meinung, daß dieser Satz von Breton
aus dem ersten Manifest des Surrealismus auch heute
noch und ganz besonders heute volle Gültigkeit besitzt.
Unser Tun ist nichts anderes als eine ständige Frage an
das Universum, das auch wir selbst sind. Für jeden von
uns ist die Welt eine Sphinx, vor der wir stehen, ein Leben
lang, eine Sphinx, die unser Leben lang vor uns steht und
die wir befragen. Wir können dies nur tun mit der
nicht nachlassenden, ja sogar körperlichen Aufmerksamkeit
unseres ganzen in gespannter Erwartung verharrenden
Wesens und indem wir in allen Bereichen so offen sind
wie nur möglich. Und wir nehmen auf, was wir hören,
oder auch, was wir zu hören glauben.

Man kann die Welt auch mit einem Kristall und
seinen zahllosen Facetten vergleichen. Je nach
Struktur und Position sieht jeder von uns ganz
bestimmte Facetten, bestimmte Facettenteile, und
das vom einzelnen geschaffene Bild, Gedicht oder
Objekt usw. ist nur die Wiedergabe dessen, was er sieht.
Selbstverständlich liegen alle von einer Gruppe von
Leuten zu einer bestimmten Zeit wahrgenommenen
Facetten sehr dicht beieinander und unterscheiden sich
allerhöchstens minimal in Winkel und Neigung.

Von weitem betrachtet, bilden sie nur eine einzige helle
Masse im Ver­hältnis zu den unzähligen anderen, die
in die Dunkelheit des Raumes gehüllt sind. Das,
was der einzelne hervorbringt, ist das exakte Abbild
dieses Unterschieds in Winkel und Position. Unsere
ganze Leidenschaft richtet sich einzig darauf, einen
neuen Schliff, einen neuen Raum, einen winzi­gen Teil
eines neuen Raumes zu entdecken, ihn im Halbschatten
zu entdecken, wo das Licht ihn nur eben streift.

Es ist die Sphinx, die von Zeit zu Zeit ein Wort
aus ihrem Rätsel sagt, und all diese Worte bilden gemeinsam
das menschliche Wissen. Und dieses Wissen ist ein winziger,
immerfort ruhelos flackernder Schimmer im dichten, schweren
Unbekannten, das uns umgibt, das uns berührt, das uns
durchdringt und einhüllt und uns erfüllt bis in den allerletzten
Winkel unserer selbst. Das zwanghafte Bedürfnis, die ewige
Frage zu kennen, ist uns angeboren wie eine jener tau­send
Bewegungen, die die Pflanze macht, um zu existieren.

Ich vermag beim besten Willen nicht den
geringsten Unterschied zwischen der Aktivität einer Pflanze
und der unseren zu erkennen. Ich glaube wirklich,
daß jegliches menschliche Tun nichts als eine Summe
von Bewegungen, von mechanischen, automatischen Reaktionen ist,
die so blind oder so wenig blind sind wie die Be­wegungen,
wie die Reaktionen eines Blattes oder
des allerwinzigsten Steinkrümelchens.

Daß wir uns für gewisse Dinge, und zwar eher für
diese als für irgendwelche anderen, inter­essieren, liegt
daran, daß unsere Beschaffenheit uns dazu zwingt
und wir gar nicht imstande wären, anders zu denken
oder zu handeln. Ebenso wenig wie wir uns unsere
Krankheiten oder die Länge unserer Beine aussuchen
können, können wir uns unsere Art zu denken aussuchen
oder die Art, uns auszudrücken. Und diese Manie, sich
ausdrücken zu wollen, ist wirklich durch und durch
vergleichbar mit dem Spiel der Fliegen auf der
gläsernen Kugel einer am Morgen gelöschten Lampe.«

ALBERTO GIACOMETTI – um 1929

Text von ca. 1929,
der dem Konvolut ”Carnets et feuilles« zugerechnet wird;
erstmals erschienen unter dem Titel »En dehors de tout contrôle…«
in: Alberto Giacometti: Écrits, présentés par Michel Leiris
et Jacques Dupin, Hermann, Paris 1990, S. 123–124:

Alberto Giacometti: "Écrits", présentés par Michel Leiris et Jacques Dupin, Hermann, Paris 1990

Alberto Giacometti: „Écrits“, présentés par Michel Leiris
et Jacques Dupin, Hermann, Paris 1990

dann erneut publiziert in:
Alberto Giacometti: Écrits: Articles, notes et entretiens.
Hermann, Paris 2007, S. 352–355:

Alberto Giacometti: "Écrits: Articles, notes et entretiens". Hermann, Paris 2007

Alberto Giacometti: „Écrits: Articles, notes et entretiens“.
Hermann, Paris 2007

Obige deutsche Übersetzung von Maria Hoffmann-Dartevelle,
erschienen erstmals in: Alberto Giacometti: Werke und Schriften.
Herausgegeben von Christoph Vitali, Schirn Kunsthalle Frankfurt,
Frankfurt, Scheidegger & Spiess, Zürich 1998, S. 204;
dann erneut in: Alberto Giacometti: Gestern, Flugsand, Schriften.
Mit einleitenden Texten von Michel Leiris und Jacques Dupin,
Scheidegger & Spiess, Zürich 1999, S. 154.

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