SEIN LAND VERLASSEN
Afrika im Gedicht:
TANELLA S. BONI

Poème 1

Nous avons quitté ce pays
Sur la pointe des pieds
Ce pays où les chats
Serrent les dents
Sur fond de désastre
Le silence perché
Sur la moustache
Comme si les hommes
Avaient perdu
La juste vue des choses
Ces choses qui ne sont jamais
De simples choses
La relation humaine
Et le souffle de l’amour
Et le temps qui passe si lentement
Tissant les étoiles
Au bord des précipices
Nous avons quitté ce pays

Le cœur en bandoulière
Et nos peaux en lambeaux
Gardent encore
Le silence indéchiffrable
Collé aux fenêtres
Des grandes illusions
Que les bien-pensants
Acclament
À bras ouverts

TANELLA S. BONI

Auszug aus „La pluie a son mot à dire“
unveröffentlichtes Manuskript

Gedicht 1

Wir haben dieses Land verlassen
auf Zehenspitzen
Dieses Land wo die Katzen
die Zähne zusammenbeissen
angesichts der Katastrophe
Wo die Stille sich über
den Schnurrbart legt
als hätten die Männer
den richtigen Blick
verloren
auf die Dinge, die nie
einfache Dinge sind
Die menschliche Beziehung
Und den Atem der Liebe
Und die Zeit, die so langsam vergeht
und Sterne webt
am Rande des Abgrunds
Wir haben dieses Land verlassen

Das Herz aussen vor
und unsere Haut in Fetzen
bewachen wir noch immer
die unbegreifliche Stille
die sich an die Fenster klebt
Grosse Illusionen
welche die Angepassten
begrüssen
mit offenen Armen

TANELLA S. BONI

Auszug aus „La pluie a son mot à dire“
unveröffentlichtes Manuskript
übersetzt von Lotta Suter und ihrem MitarbeiterInnen-Team

Aus:
AFRIKA IM GEDICHT, herausgegeben von Al Imfeld, Offizin Verlag, Zürich 2015, S. 349;
übersetzt von Lotta Suter und ihrem Team
(© 2016: hier wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung von Al Imfeld und Lotta Sutter, Zürich)

Al Imfeld (Hrsg.): Afrika im Gedicht, Offizin, Zürich 2015

Al Imfeld (Hrsg.): Afrika im Gedicht, Offizin, Zürich 2015

Tanella S. Boni : geboren 1954 an der Elfenbeinküste, studierte in Frankreich, ist heute Professorin in Abidjan (Elfenbeinküste). Hat mehrere Gedichtbände veröffentlicht. Ihre Kunst vereinigt, so Al Imfeld, häufig poetische mit philosophischen Elementen. Ihre zwei letzten Gedichtbände – Gorée île baobab und Ma peau est fenêtre d’avenir – sind 2004 erschienen (nach ibid., S. 795).

Kommentar(e) zu diesem Beitrag:

  1. Pia Larrosa schreibt:

    Hallo Piet,

    ich finde obiges Gedicht sehr berührend, beim Lesen spürte ich gleich zu Beginn eine leise Traurigkeit sowie auch Zärtlichkeit.
    Obwohl es in der Wir-Form geschrieben ist, sehe ich hier mehr einen einzelnen Menschen vor mir, der aus welchen Gründen auch immer sein Land, seine Kultur, Familie und Freunde verlassen hat. Alles ändert sich damit massiv. Heute erleben das ja viele. Es ist zu hoffen, dass wenigstens einige damit ein besseres Leben finden mögen.

    Eines habe ich nicht verstanden, was ist am Ende des Gedichts mit den „Angepassten“ gemeint?
    Hast Du – oder hat sonst Jemand – eine Erklärung?

    Lieben Gruß,
    Pia

    • Piet Meyer schreibt:

      Liebe Pia,

      ja, mich berührt dieses stille Abschiedsgedicht auch sehr.

      Die „Angepassten“ ist, wie ich glaube, eine recht gelungene Übersetzung für die „bien-pensants“, ein Wort, das man seit einiger Zeit in Frankreich überall hört: in der Presse, in den Medien, etc. Das Wort ist nicht leicht zu übersetzen. Die wörtliche Übertragung – „die Gut-Denkenden“, „Wohl-Denkenden“ – macht für Deutschsprachige nicht viel Sinn.

      Der Ausdruck geht offenbar auf den französischen Schriftsteller George Bernanos (1888–1948) zurück, der 1931 einen heftig polemischen Roman mit dem Titel „La Grande Peur des Bien-pensants“ veröffentlichte – einen Roman, der damals eine riesige Resonanz fand. Darin rechnete er offenbar, so die einschlägigen heutigen Lexika, mit der französischen Bevölkerung, ihrer Denke und Mentalität, und mit der damaligen Regierung ab. Als „bien-pensants“ bezeichnete er dabei all jene, die den dummen, leeren und aggressiv-gefährlichen Floskeln der Regierung und der herrschenden Kreise allzu blind Glauben und Gehorsam schenkten.

      Seit zwei Jahrzehnten ist dieses Wort in Frankreich wieder erneut in aller Munde. Tanella S. Boni kennt offensichtlich diesen Gebrauch und wendet ihn auf die Situation in ihrem ivoirischen Heimatland an. Klartext: Sie meint jene Kreise und Klassen dort, die den hohlen und eitlen Polit- und Fortschrittsfloskeln der Regierung (und der internationalen Regierungsorganisationen!) allzu willfährig und blind Gehorsam leisten, aus welchem Grund auch immer. „Les grandes illusions“ meint hier, so vermute ich wenigstens, diese Leer-Versprechungen und Leer-Floskeldiskurse. Aber vielleicht täusche ich mich ja.

      Alles Liebe und danke für Dein Dich hier Melden, Gruss Piet

      • Lotta Suter schreibt:

        Danke, Piet, für die ausführliche und einleuchtende Erklärung der „bien-pensants“. Da hat auch die Übersetzerin noch etwas dazugelernt, die ihre Arbeit mehr aus dem Innern, dem Klang des Gedichts heraus machte. Ich gehe mit Pia einig: Tanella S. Boni schuf ein von Anfang bis Ende traurig-zärtliches Gedicht, voller Wehmut, Bedauern und auch stetiger Liebe.

      • Christina Thomas schreibt:

        Ich finde dieses gedicht wunderschön, sehr französisch. Zugleich ist es afrika. das verwirrt mich auch. Christina

  2. Gabriele Sturm schreibt:

    Unglaublich schöne, bilderreiche Sprache, erschütternder Inhalt. Diese Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit trifft tief. Wie viele Teile der Erde schon so unlebbar zugerichtet sind!

    Liebe Grüße, Gabriele

Hier können Sie einen Kommentar hinterlassen.
Erforderliche Felder sind mit einem "*" gekennzeichnet.
Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht werden.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *