DEUS ANTE PORTAS
Auf die Plätze fertig los!
Auf ein Halleluja!

Ist es Zufall?

Art in America, die amerikanische Kunstzeitschrift, bespricht in ihrer Februar-2016-Nummer sechs Bücher (ich habe sie gezählt).

Hier die Titel dieser Bücher. Man wird schnell feststellen, wohin der Hase hoppelt:

Charlene Spretnak: The Spiritual Dynamic in Modern Art: Art History Reconsidered, 1800 to the Present (Palgrave Macmillan, London 2014)1Aaron Rosen: Art + Religion in the 21st Century (Thames & Hudson, London 2015)
2Ronald Bernie: The Unspeakable Art of Bill Viola: A Visual Theology (Pickwick Publication, Eugene, Ore., USA, 2014)

3Andreas Andreopoulos: Art as Theology: From the Postmodern to the Medieval (Routledge, New York, 2014)4Charles Palermo: Modernism and Authority: Picasso and His Milieu Around 1900 (University of California Press, Berkeley 2015)5Da der Titel hier nicht viel hergibt, zitiere ich aus der von der Redaktion beigefügten Information: „Challenging the notion of modernism as a break with religion, art historian Charles Palermo reconsiders Pablo Picasso’s early paintings…“

Archie Rand: The 613 (Blue Rider, New York 2015)6Da der Titel hier nicht viel hergibt, zitiere ich aus der von der Redaktion beigefügten Information: „Artist Archie Rand illustrates each of the 613 Jewish mitzvahs, or commandments (…) The dramatic panels narrate the Old Testament maxims.“

Auf den ersten Blick also staunenswert: So viele Bücher, alle um das Thema Kunst, Religion und Spiritualität kreisend. Bücher zu anderen Themen wurden nicht rezensiert.

Zufall?

Nein, sicher nicht. Es ist klar, dass die Redaktion ihre Arbeit gemacht und in dieser Nummer versucht hat, ein logisches Paket zu schnüren mit Publikationen, die sich thematisch gleichen. Immerhin, gute Journalistenarbeit.

Bemerkenswert und irgendwie staunenswert bleibt diese religionslastige Häufung für uns Europäer aber trotzdem. Art in America ist ja keine Religionszeitschrift, sondern eine Kunstzeitschrift.

The path to enlightenment

Blättert man anschliessend, weil man schon dabei ist, noch eine amerikanische Kunstzeitschrift aus diesem Frühjahr durch, nämlich ARTNEWS (Spring 2016), findet man dort ein Interview mit Jeff Koons, dem ultimativen Mr Ober-Super-Cool der heutigen Kunstwelt (ab Seite 28ff).

Bill Powers fragt ihn dort:

„You almost sound like you’re talking about the path to enlightenment.“

Und er, ganz selbstverständlich, immer die Ruhe in Person, mit leuchtenden Augen, siehe die vielen Fotos, die ihn zeigen: „Absolutely. For me, I’m always trying to seek a higher level of consciousness. I would like to experience the ultimate freedom of gesture, to exercise that freedom.“

Ooh! Echt cool, echt ganz cool – today’s cool-style, offenbar. „To seek a higher level of consciousness“: So redeten in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts in den USA diverse Propheten, zum Teil sehr interessante Leute: Alan Watts, oder Timothy Leary zum Beispiel, der Harvard-LSD-Papst jener Jahre. Und viele andere.

Aber heute? Was haben wir da vor uns?

Zahnpasta statt LSD

Vermutlich einfach eine neue Variante ultracooler, smarter, schicker Marketing-Programmschnulze: eines Sülzgewäschs, das so clean, desinfiziert und spirituell nobilitiert daherkommt, das es niemandem wehtut.

Denn Koons plädiert ja in diesem Interview weder für eine wie immer geartetete ernstgemeinte spirituelle Revolution (wie die Urchristen vor 2000 Jahren zum Beispiel), noch für den Gratisvertrieb von Peyotl oder anderen „bewusstseinserweiternden“ Drogen (wie der erwähnte Leary, zum Beispiel).

Er hat sich einfach, so mein Eindruck, eine neue Zahnpasta beschafft, eine esoterisch aufgepeppte Paste, die noch weisser bürstet als die früheren aus den alten Drogerieabteilungen der Marketingwelt. Man muss ja schliesslich auf den Tausend Fotos, die um die Welt gehen, als immerzu strahlend lächelnder, erfolgreicher Glücklichmann rüberkommen.

Glaubt er selber an solches Reden? Sicher.

Er würde sonst – die erwähnten Fotos bezeugen es – nicht überall so „glaubhaft“ entspannt und rundum-penetrant-happy rüberkommen: der ewig junge US-Sonnyboy auf Globaltournee durch die Gazetten dieser Welt.

Sicher ist aber auch folgendes:

Ausser Atem

Sicher ist, dass solches Gerede bei jener globalisierten Kundschaft gut ankommt, auf die es Herr Koons abgesehen hat: auf die beautiful people with a lot of money having such a good time all the time buying so much expensive art everywhere all the time so nice and so wonderful etc.

Da kann man schon etwas ausser Atem geraten, bei so viel Happiness und Kaufrausch (und Konkurrenz zum ekelhaft gleich neben einem herhechelnden Mitsammler).

So dass man sich schliesslich fragen mag: Ist, wenn man schon fast „alles“ hat, „Erleuchtung“ vielleicht das letzte ultimative Zückerchen, das letzte lohnenswerte Ziel, das anzustreben ist?

The New Shopping-Gospel (NSG)

Was, plopplopp, die nächste Frage aufwirft: Kann man Erleuchtung vielleicht kaufen, indem man einen Koons kauft?

Just shop a new Koons and you will come to heaven!
Just shop a new Koons and you will get instant enlightenment!

Ja, so liesse sich das neue Mantra formulieren.

Ich sehe schon die neue Hare Krishna-, pardon: Hare Koons-Bewegung auf der Madison Avenue in New York, der Bond Street in London, den Champs-Élysées in Paris, federnd auf und ab wippend, mit einem hygienischen Dauergrinser auf den Lippen, happily chanten:

BUY KOONS –
BUY HAPPINESS –
BUY A HIGHER LEVEL OF CONSCIOUSNESS!

Denkbar ist heute ja (fast) alles.

Man müsste es halt ausprobieren.

(Schreiben Sie mir, falls Sie da schon Erfahrungen gesammelt haben sollten! Das wäre echt interessant. Sie können auch, das wissen Sie ja, als Gast-BloggerIn hier selber was schreiben. Ich werde mich bemühen, keine Zensur auszuüben. Honorar kann ich allerdings keines bezahlen. Aber das sollte ja kein Problem sein…)

Vermutlich werden puritanisch gesinnte Kunstsammler beim geschilderten Ansinnen – Buy Koons, Get Heaven – reflexhaft Bedenken empfinden. Sie werden das alte Gegengospel noch im Ohr haben, das ihnen alte misspetrige Religionslehrer so lange eingetrichtert haben:

Liebe Leute! That is no easy way! Für den Himmel müsst ihr leiden! LEIDEN!
Konsum ist des T….., nicht des Himmels! Habt Christus vor Augen, der für euch am Kreuz gestorben ist. Er soll euer Vorbild sein!

Klartext:

Schoppen: dhäd isch gar kein way tu wischdom!
Ju have to gätt hääwen in a toddalli adder wäy!

Ist dem so? Wer weiss denn heute noch Bescheid?!

Heute behauptet doch jeder und jede irgendetwas immer irgendwo irgendwie.

The Big Mantra

Back to serious: Es ist Ihnen, werte Leserin, werter Leser, ja sicherlich auch aufgefallen, dass seit ein paar Jahren Werbung manchmal das Bild von Meditierenden oder von in ollen Yoga-Übungen sich Verrenkenden einsetzt: Bilder, die helfen sollen, das richtige Yoghurt oder Wasser an Herr und Frau Schmitz zu bringen. Plakate, die dann in Bahnhöfen und an anderen Orten (so schön fies) hängen, wo Millionen durchhetzen, den nächsten Zug erwischen müssen, in Gedanken daran, die Kinder im Kindergarten nicht warten zu lassen, den Job nicht zu verlieren.

Da will doch jeder gerne das grosse Mantra der Befreiung hören.

Herr Koons jedenfalls hat vermutlich das genau richtige für seine Kundschaft gefunden.

Und, nun? Sind wir klüger nach all dem Gesagten? Was soll man vom Ganzen halten?

Zweimal ein Fazit

  1. Fazit: Begriffe wie „Kunst“, „Leben“, „Wahrheit“, „Religion“, „Spiritualität“, „Erleuchtung“, etc., sind heutzutage wirklich patent praktische Dinger. Man kann da alles Mögliche reinpacken – diese Kistchen sind, wie es die heutige Zeit verlangt, beliebig flexibel und vermeintlich total demokratisch in ihrer Aufnahmefähigkeit. Jeder und jede kann da reinpacken was er oder sie will. Die grosse Freiheit halt!

Da ist es kein Wunder, dass – zurück zu den weiter oben abgebildeten Kunstbüchern – so viele Werke zum genannten Thema erscheinen. Der Mister, den ich eben zitiert habe, wird mit 100%iger Sicherheit auf den Seiten einiger dieser Bücher mit frisch geputzten, strahlend weissen Zähnchen seine coole Aufwartung machen.

  1. Fazit: Bevor Sie wieder mal unüberlegt und unreflektiert in Depression verfallen und einer tristen Tischrunde mit hängenden Augen und fatalem Unterton predigen:

„Ach ja! Die heutigen Zeiten! DA glaubt doch keiner mehr an gar nichts mehr. Im Gegensatz zu früher, da hatte man noch den Lieben Gott. Die Aufklärung hat alles hinweg gefegt. Und dann kam noch der olle Nietzsche. Seither ist alles (mit Seufzer ausgesprochen) im Eimer, kaputt, ich sag es euch! Eine böse, bööse Welt ist das!“

Also, bevor Sie nächstes Mal wieder in ein solches Küchenlamento ausbrechen (Sie haben ja schwer recht!), besorgen Sie sich vorher die oben genannten Bücher. Lesen Sie diese aufmerksam durch. Da werden Sie Munition finden. Da werden Sie in selbiger Tischrunde plötzlich folgende frohe Botschaft verbreiten können:

„Alles halb so wild, liebe Leute! Jetzt weiss ich Bescheid (mit optimistisch aufwärtssteigendem Tremolo hingeflötet). Die Künstler haben den Lieben Gott wieder entdeckt! Es geht aufwärts, jojo, es geht auffi, liebe Leute!“

Da geht’s uns doch allen gleich wieder besser.

Kommentar(e) zu diesem Beitrag:

  1. Berit Lina Barth schreibt:

    Guten Morgen,
    dieser Beitrag war das erste, was ich heute Morgen gelesen habe. Sie haben mir damit ein breites Grinsen (ohne Weiße-Zähnchen-Blecken) ins Gesicht gezaubert. Vielen Dank!
    Herzliche Grüße
    Berit Lina Barth

  2. Manfred Cuny schreibt:

    Deine Satire über den Präsidenten der Hochglanzkunst wird, hoffe ich, kein juristisches Nachspiel haben ! – Anmerken möchte ich noch, dass die in Fazit 1 erwähnten Kistchen beliebig flexibel, aber nicht demokratisch bestimmt sind in ihrer Aufnahmefähigkeit. Die ins Kunstkistchen gepackte Spiritualität findet ja unter Ausschluss der Oeffentlichkeit statt. Sie ist für die Happy Few reserviert.

    • Piet Meyer schreibt:

      Ja, es stimmt: Weltbekannte Künstler machen heute so viel Kohle, dass sie sich teure Advokatenteams leisten können, die ihre Existenzberechtigung so unter Beweis stellen, dass sie Leute verklagen, die ihnen nicht passen. Sprich: Leute verklagen, die nicht DAS Bild des betreffenden Künstlers verbreiten, das dessen Markenstrategen für marktopportun erachten.
      Sollte ich verklagt werden, und sollte dieser Blog dann deshalb geschlossen werden, muss halt sonst jemand die Blogfahne übernehmen und hochhalten!
      (Und mich im Gefängnis interviewen kommen, für seinen oder ihren Blog!)
      Herzlich, Piet

  3. Christina Thomas schreibt:

    also ich sage BUY MCCARTHY, GET HELL :-)
    und nicht ans gefängnis denken, unsere vorhölle reicht doch!

  4. Invar-Torre Hollaus schreibt:

    Lieber Piet Meyer,
    Es ist schon eine Weile her, dass ich mit so grossem Genuss einen Artikel zu einem der derzeit angesagten, medial omnipräsenten zeitgenössischen Künstler gelesen habe.
    Sie betreiben jene Kunstkritik und nehmen Stellung, die ich vielerorts in den Zeitungen und Magazinen vermisse, diese aber betreiben und pflegen sollten. Vielen Dank!

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