Archiv: Juni 2016

 
 

Wenn grosse Museen klein aussehen:
JOSEPH CORNELL UND SEIN FREUND KUSAMA
Im Kunsthistorischen Museum in Wien, Teil 3

Yayoi Kusama… – ein Mann!?

Zu diesem Schluss kam man vor ein paar Monaten im Wiener Kunsthistorischen Museum, als man die grosse, mit viel medialem Aplomb eröffnete Joseph Cornell-Ausstellung besuchte und dort die Texte las, welche Schautafeln zu den wichtigsten Lebensdaten des Künstlers bereithielten.

Der Eingang zum Kunsthistorischen Museum in Wien anlässlich der grossen Joseph Cornell-Retrospektive (Foto Piet Meyer 2015)

Der Eingang zum Kunsthistorischen Museum in Wien anlässlich der grossen Joseph Cornell-Retrospektive (Foto Piet Meyer 2015)

Ich empfand diesen Fehler – an einem solchen Orte, in einem derart grossen Museum – als grotesk, befremdlich, und, das Wichtigste: der Künstlerin gegenüber, Yayoi Kusama gegenüber, als entwürdigend.

Yayoi Kusama: "Unendlichkeitsnetz / Infinity Net", 1965, Öl auf Leinwand, 132 x 126 cm

Yayoi Kusama: „Unendlichkeitsnetz / Infinity Net“, 1965, Öl auf Leinwand, 132 x 126 cm

Yayoi Kusama ist schliesslich kein Mann, sondern eine wunderbare japanische Künstlerin, die, mittlerweile recht betagt, nach langen USA-Aufenthalten nach Japan zurückgekehrt ist, wo sie über die Massen verehrt wird.

Yayoi Kusama: "Sanft sind die Stufen zum Himmel / Gentle are the Stairs to Heaven", 1990, Acryl auf Leinwand, 162 x 130 cm

Yayoi Kusama: „Sanft sind die Stufen zum Himmel / Gentle are the Stairs to Heaven“, 1990, Acryl auf Leinwand, 162 x 130 cm

Sie kann als eine der bekanntesten Künstlerinnen der Gegenwart bezeichnet werden. So wird sie jedenfalls auf der ganzen Welt wahrgenommen.

Yayoi Kusama vor ihrem Kürbis, 1994

Yayoi Kusama vor ihrem Kürbis, 1994

Nicht aber im Kunsthistorischen Museum in Wien – da firmiert sie als „guter Freund von Joseph Cornell“.

Ich war entsetzt über die Schlampigkeit, Unbildung oder Provinzialität, die dies verriet. Ich habe deshalb im Anschluss an meinen Ausstellungsbesuch die Sache auf diesem Blog thematisiert: siehe Teil eins und Teil zwei dieses Beitrags.

In der Wiener Presse hat sich jedoch nie jemand dazu geäussert.

Kein Sturm

Was wäre denn gewesen, wenn dieses Museum nicht von einer Frau, nicht von Sabine Haag, sondern von einem Mann geleitet würde? Und eine Kunstkritikerin den genannten Fehler bemerkt hätte?

Dann wäre mit Sicherheit ein Super-Mega-Hype in den Medien losgegangen, volle Portion Entrüstung verspritzt worden, gewunden um das Thema:

Also, da sieht man es wieder: SO WERDEN FRAUEN, SO WERDEN KÜNSTLERINNEN IHRER IDENTITÄT BERAUBT UND ENTSORGT – nur damit ein paar Macho-Männer mehr das Kunstfeld weiterhin alleine beherrschen können!

Nun, es ist nicht dazu gekommen.

LOVE CALLS

Besagter Fehler hatte für mich noch eine weitere Dimension, jenseits der vorgenommenen Geschlechterverwechslung.

KUSAMA und CORNELL waren nämlich nicht einfach „befreundet“. Sie unterhielten während Jahren eine Liebschaft, die ihnen beiden sehr wichtig war.

Es spricht sogar einiges dafür, dass dies die vielleicht schönste Liebesgeschichte war, die dem zartbesaiteten, über die Massen scheuen Joseph Cornell in seinem monastisch ausgerichteten Leben in Queens/N.Y. zu leben vergönnt war.

Schöne Unendlichkeit

Diese Liebe hat Yayoi Kusama auf sehr anrührende Weise in ihrer Autobiographie INFINITY NET beschrieben. Das Buch kam 2002 auf Japanisch heraus. Vor fünf Jahren hat die Tate in London eine englische Übersetzung veröffentlicht, anlässlich der grossen Kusama-Retrospektive, die dort organisiert worden ist (Yayoi Kusama: Infinity Net. The Autobiography of Yayoi Kusama. Tate Publishing, London 2011, ISBN 978-1-854379658, und University of Chicago Press, Chicago, Illinois, USA 2011, ISBN 978-0-226464985).

Yayoi Kusama: "Infinity Net. The Autobiography of Yayoi Kusama", Tate Publishing, London 2011

Yayoi Kusama: „Infinity Net. The Autobiography of Yayoi Kusama“, Tate Publishing, London 2011

Ich werde eine deutsche Übersetzung dieses Lebensberichtes im Frühjahr 2017 in meinem Verlag herausbringen, illustriert mit sehr zahlreichen Fotos, die das Kusama Studio in Tokio extra für die deutsche Ausgabe auswählt. Der Text des Buches wird gegenwärtig durch Nora Bierich, eine sehr erprobte Berliner Übersetzerin, aus dem Japanischen ins Deutsche übertragen.

Im Garten

Es sind in der englischen Ausgabe dieses Buches auch schöne Schwarz-Weiss-Fotos enthalten, welche die beiden Künstler 1971 zusammen im Garten des amerikanischen Künstlers am Utopia Parkway in Queens/New York in wunderbarst zärtlicher Haltung zeigen.

Doppelseite aus der englischen Übersetzung von Yayoi Kusamas Autobiografie: Infinity Net, Tate Publishing,

Doppelseite aus der englischen Übersetzung von Yayoi Kusamas Autobiografie: „Infinity Net“, Tate Publishing, 2011, S. 166 + 167

Die beiden haben sich auch mehrmals gegenseitig porträtiert. Eine sehr schöne Cornell-Zeichnung (1965) von Kusama ist über diesen Link zu sehen.

Posthume Zensur

War man sich beim Besuch der Wiener Cornell-Ausstellung dieser Zusammenhänge bewusst, war man natürlich doppelt irritiert, Kusama als Mann apostrophiert zu sehen. Man hatte auch einen Tick Mitleid mit einem Künstler, dem nun quasi unter der Hand die schönste Liebesgeschichte seines Lebens aus der Vita gestrichen wurde!

Und man fragte sich nochmals: Wie ist so was möglich?! Wie kommt es, dass in einem riesiggrossen Museum, das über ganze (kann man das so sagen?) 441,5 Angestellte verfügt (zu Details siehe Teil zwei dieses Beitrags), derartige Fehler in Ausstellungen, die jahrelang mit sehr viel Mitteln vorbereitet werden, stehenbleiben?

Es zählt nur die Gegenwart

Eine Ursache hat vermutlich mit dem Modernisierungswahn zu tun, der Museen heute weltweit, gleich worum sie sich seit alters her gekümmert haben, wie ein Bazillus erfasst hat. Wer heute nicht auch zu zeitgenössischer Kunst Ausstellungen organisiert, ist out – so sehen das heute viele Museums- und Kulturpolitik-Verantwortliche. Es gibt weniger Sponsorengelder und weniger Presse. Das ist tödlich.

Denn Historie als solche ist heute für viele out, dient nur noch als verkaufsförderndes Schmuck- und Beiwerk. Die Konsequenz für viele Museen: Sich subito in Richtung Gegenwart aufzumachen.

(Diesen Bazillus hat früh die Albertina in Wien erfasst, jüngst das Rietberg Museum in Zürich, dann vor wenigen Monaten das Metropolitan Museum in New York mit seiner Neu-Dépendance im früheren Whitney-Museum; und bald wird auch die alterwürdige National Gallery in London nachziehen. Weitere Beispiele lassen sich mit Leichtigkeit nennen.)

Dass dann nicht jede Institution über die notwendigen Fachkräfte verfügt, um im zeitgenössischen Sektor wirklich professionell agieren zu können, ist nachvollziehbar.

Grösse und ihr Preis

Dann spielt hier vielleicht noch ein nicht-museumsspezifischer Faktor mit:

Grosse Organisationen scheinen nämlich, weil in ihnen die Arbeitsteilung so weit vorangetrieben ist, in ihrem Output manchmal schneller Fehler zu machen als kleinere Einheiten.

Anders gesagt: Ein komplexes Ganzes ist fehleranfälliger als eine überschaubare Einheit.

Beispiele gefällig?

Reebok

Vor etwas mehr als einem Jahr brachte Reebok zu einem Sportereignis in Dublin ein Shirt heraus, auf dem in grossen Lettern „Ireland“ stand und die Landkarte des Landes abgebildet war. Das Dumme daran war: die Karte war nicht vollständig, es fehlte der nordirische Teil! Da das Hemdchen expressis für eine Veranstaltung in Irland gedacht war, die für gesamtirische Identität werben sollte, war der Zorn in Dublin gross. In der Designabteilung der Firma hatte offenbar niemand – ohne die Sache vorher googeln zu müssen – eine spontane Ahnung von der richtigen Ausdehnung Irlands.

Zara

Ein ähnlich verhängnisvoller Fehler unterlief den Designern von Zara. Jemand hatte befunden, ein Sheriff-Hemdchen müsste trendy sein. Gedacht, getan.

Auf ein gestreiftes Hemdchen wurde ein gelber Sheriff-Stern genäht, mehr oder minder an die bronzene Vorlage (mit 5, 6 oder mehr Zacken) aus früheren ruppigen Wild-West-Zeiten gemahnend.

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Dass aber ein solcher Stern, in einem solchen GELB, auf einem (an Sträflingskleidung gemahnenden) Billig-Hemdchen aufgenäht, auch ANDERE, nämlich historische Assoziationen auslösen kann, war den (vermutlich eher gegenwartsfixierten) Spaniern im Vorfeld nicht in den Sinn gekommen.

„Erst als ein paar Tausend Blogger, Journalisten und eine israelische Holocaust-Gedenkinitiative die Firma daran erinnerten, dass es in der Geschichte noch eine andere Art von Stern auf der Kleidung gab, einen, der ganz und gar nicht als fluffiges Modesymbol geeignet sei, ging den Spaniern ein Licht auf – und das Hemd verschwand noch schneller als es produziert worden war“ (Süddeutsche Zeitung, 24./25.10.2015, Marc Felix Serrao: „Shirt Storm“, Seite 10).

Der Artikel nennt noch ein paar andere ähnlich ungustiöse Beispiele aus der Modewelt.

Kosten

Diese Beispiele dürften in ihrem Entstehen alle dieselben Ursachen haben: zu grosse Eile bei der Herstellung eines Objekts; verhängnisvolle Arbeitsteilung in den betreffenden Firmen; mangelnde Bildung bei den zuständigen Arbeitsstellen.

Die Kosten für solche Fehler können für Unternehmen gross sein.

Das aber stellte – weil kein Shit Storm die japanische Regierung mobilisierte und in Wien vorstellig werden liess – für das Wiener KHM kein Problem dar.

Schluss!

Ganz zu Beginn dieses Beitrags stellte ich folgende Eingangsfrage:

Sind grosse Unternehmen, sind grosse Museen besser
als ihre kleineren Brüder und Schwestern?

Nein, sicher nicht. Alle machen Fehler, auch grosse Institutionen wie das Wiener KHM, auch wenn sie die Angewohnheit haben, äusserst vollmundig und mit einer gewissen Prise alt-höfischer, ja monarchischer Selbstherrlichkeit aufzutreten mit dem Anspruch, absolut supereinzigartig zu sein. Das nervt und lässt Besucher deshalb bei gewissen Dingen doppelt genau hinsehen.

Nun, jetzt ist aber Schluss:

Es bleibt noch die Aufgabe, den kleinen Hund,
dem wir hier für eine Weile Auslauf gewährt haben,
und der sich an der für ihn ungewohnten Frischluft
erkälten könnte, dorthin zurück zu bringen,
wo wir ihn ursprünglich vorgefunden haben, sprich:
BEGRABEN fanden.

Dieser sagt deshalb allen Leserinnen und Lesern, bevor es zu spät ist:

Der kleine Hund

Wauwau! – zu gut Wienerisch: Babaa! – zu gut Deutsch: Tschüssi allerseits! – zu Schweizerdeutsch: Ciao zämme!

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