Archiv: April 2016

 
 

FRANK AUERBACH UND HANS JOSEPHSOHN
Parallelen: Ein Hinweis
Zum 85. Geburtstag von Frank Auerbach

Spieglein, Spieglein an der Wand

Frank Auerbach in seinem Atelier, 1955, unbekannter Fotograf; mit freundlicher Genehmigung von Marl- borough Fine Art, London

Frank Auerbach in seinem Atelier, 1955, unbekannter Fotograf; mit freundlicher Genehmigung von Marlborough Fine Art, London

In Hardcore-Kreisen der Kunstwissenschaft ist es verpönt, vom Leben auf die Kunst schliessen zu wollen: Mit Hilfe der Vita einer Künstlerin oder eines Künstlers irgendetwas Tiefergehendes über deren Werk aussagen zu wollen.

Nach dieser puristischen Anschauung erscheint Kunst wie aus sich selbst, ganz pur, ganz unbefleckt vom banal-irdenen Menschenleben entstanden zu sein – sie, die hohe, hehre, so überzeitlich und gross vor uns stehende Kunst.

Frank Auerbach: "Head of Jake", 2009–2010, Grafit, Kohle und Kreide auf Papier, 76 × 58 cm, Privatsammlung; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Frank Auerbach: „Head of Jake“, 2009–2010, Grafit, Kohle und Kreide auf Papier, 76 × 58 cm, Privatsammlung; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Ein solcher Ansatz kann in meinen Augen nur einseitig sein. Kunst wird schliesslich von Menschen gemacht. Schwer vorstellbar, bei einem solchen Theorieansatz müsse der Weisheit letzter Schluss liegen.

Frank Auerbach: "Self-Portrait", 2012, Grafit und Kreide auf Papier, 58,4 × 78,1 cm, Privatsammlung; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Frank Auerbach: „Self-Portrait“, 2012, Grafit und Kreide auf Papier, 58,4 × 78,1 cm, Privatsammlung; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Aber auch das Gegenteil führt schnell zu unbefriedigenden Ergebnissen: Das Werk einer Künstlerin, eines Künstlers aus ihrer/seiner Vita – oder aus Elementen dieses Lebens – mehr oder weniger direkt kausal ableiten zu wollen, ihre Kunst so quasi „erklären“ zu wollen, kann nur – im wahrsten Sinne des Wortes – verkürzend und deshalb verfälschend sein.

Denn das Kunstwerk mit seiner ihm ganz spezifisch innewohnenden Logik, seiner inneren Kraft und Spannung, seinem Innenleben und Geheimnis, seiner Aura und Magie wird bei solchem Tun in seiner Integrität aussenvor gelassen. Das Werk wird nur als aussagekräftiges Dokument, als „Fakt“ gesehen, als Zeugnis oder, im schlimmsten Fall gar als Symptom behandelt, das sich damit zu begnügen hat, über etwas anderes auszusagen.

Eine solche Vorgehensweise, reduktionistisch und letztlich unsensibel, hat etwas von Missbrauch: Kunst wird hier zu einem anderen Zweck eingesetzt als sie der Künstler oder die Künstlerin geschaffen hat.

Kein Wunder, dass echte Kunstfreunde hier oft mit Zorn reagieren.

Und doch, so einfach ist die Sache nicht!

Die Sache ist aber, wie das Leben, so vertrackt, dass wir sie hier – nicht unähnlich einer heissen Kartoffel – gleich wieder fallenlassen und nicht weiter verfolgen wollen. Die Chance, sich damit die Finger zu verbrennen, ist – autsch! – echt recht gross.

An diese schwierige Debatte wollte ich hier aber trotzdem kurz erinnern. Denn wir wollen uns im Folgenden einem Künstler, Frank Auerbach zuwenden, vor dem viele Kunstkritiker in den letzten Jahrzehnten manchmal etwas hilflos agiert haben. Im Verlauf der weiteren – insgesamt vier – Teile dieses Beitrags wird der Sinn des eben Gesagten sicherlich klarer werden.

Frank Auerbach

Frank Auerbach: " In the Studio IV", 2013–2014, Öl auf Leinwand, 122,5×117,5cm,Marlborough Fine Art; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Frank Auerbach: “ In the Studio IV“, 2013–2014, Öl auf Leinwand, 122,5×117,5cm,Marlborough Fine Art; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Ich möchte mich ihm zuwenden, weil ich ihn erstens für einen grossen Künstler halte. Zweitens für einen Maler, der in unseren Breitengraden – im Gegensatz zur angelsächsischen Welt ­– zu wenig bekannt ist. Und dann: weil er in zwei Tagen, nämlich am 29. April seinen 85. Geburtstag begeht! Das ist ein stolzes Alter, da hat man doch schon allerhand hinter sich. Wir wünschen ihm alles Gute!

Bruce Bernard: "Frank Auerbach in seinem Atelier", 1986 (mit freundlicher Genehmigung von Marl- borough Fine Art, London)

Bruce Bernard: „Frank Auerbach in seinem Atelier“, 1986; mit freundlicher Genehmigung von Marl- borough Fine Art, London

Frank Auerbach (geb. 1931) gilt mit Francis Bacon und Lucian Freud als einer der wichtigsten britischen Maler seiner Generation. Die Londoner Times hat ihn kürzlich „als unseren größten lebenden Maler“ bezeichnet.

rank Auerbach: "Head of E. O. W., 1956, Kohle und Kreide auf Papier, 76,2 × 55,9 cm, Privatsammlung; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Frank Auerbach: „Head of E. O. W.“, 1956, Kohle und Kreide auf Papier, 76,2 × 55,9 cm, Privatsammlung; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Weil ich diesen Künstler als wesentlich und am deutschen Buchmarkt als zu wenig präsent erachte, habe ich in meinem Verlag vor zwei Wochen ein gewichtiges Buch herausgebracht: Die erste Monografie, die im deutschsprachigen Raum über ihn verfasst worden ist. Geschrieben hat sie Invar-Torre Hollaus, Dozent an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Basel. Er ist Kunsthistoriker mit deutsch-österreichischen Wurzeln und hat bei Prof. Gottfried Boehm (über Auerbach) doktoriert.

Invar-Torre Hollaus: "Frank Auerbach", mit Statements von Georg Baselitz, Helmut Federle, Robert Zandvliet, Eberhard Havekost und Patrick Rohner, Piet Meyer Verlag, Bern/Wien 2016, 396 S., 93 Abben., davon 89 in Farbe

Invar-Torre Hollaus: „Frank Auerbach“, mit Statements von Georg Baselitz, Helmut Federle, Robert Zandvliet, Eberhard Havekost und Patrick Rohner, Piet Meyer Verlag, Bern/Wien 2016, 396 S., 93 Abben., davon 89 in Farbe

Es ist ein grosses und sehr schönes, reich illustriertes Buch geworden, dessen Text auf umsichtige, sensible, kluge, ja profunde Weise auf das sperrige – sich nicht leicht erschliessende – Werk von Auerbach hinführt.

Frank Auerbach: " The Tree Opposite", 2008, Öl auf Leinwand, 121,9 × 122,2 cm, Privatsammlung; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Frank Auerbach: “ The Tree Opposite“, 2008, Öl auf Leinwand, 121,9 × 122,2 cm, Privatsammlung; Copyright: © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Hollaus, der auch Ausstellungen kuratiert und deshalb viele zeitgenössische Künstler persönlich kennt, hat ein paar seiner Bekannten nach ihrer Einschätzung zu diesem Maler gebeten. So sind ein paar interessante Statements zusammengekommen, die dem Buch vorangestellt sind. Hier drei Kurzzitate aus diesen Mitteilungen:

»Ich habe viele Verbeugungen vor 
Frank Auerbach gemacht!«

GEORG BASELITZ

»Auerbach sucht wie kaum ein anderer, vergleichbar vielleicht seinen Kollegen Leon Kossoff oder van Gogh oder Eugène Leroy. Es geht hier um existenziell notwendige Suche nach tiefer Wahrhaftigkeit, nach tiefer Schönheit.«
HELMUT FEDERLE

Frank Auerbach: " Tower Blocks, Hampstead Road", 2007, Öl auf Leinwand, 132,4 × 117,1 cm, Privatsammlung; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

Frank Auerbach: “ Tower Blocks, Hampstead Road“, 2007, Öl auf Leinwand, 132,4 × 117,1 cm, Privatsammlung; Copyright © 2016 Frank Auerbach/ Marlborough Fine Art, London

»Malerei ohne Auerbach zu denken 
hat keine Zukunft!«

EBERHARD HAVEKOST

Und David Sylvester

Und vor Jahren hatte auch der in Kunstkreisen früher sehr bekannte, von mir bewunderte, mittlerweile verstorbene englische Kunstkritiker David Sylvester (jener, der mit Francis Bacon die buchlangen Gespräche geführt hat) sich mehrfach positiv über Auerbach geäussert:

»Frank Auerbach hat die Eigenschaften, die einem Künstler Größe geben – Furchtlosigkeit; eine tiefe Originalität; völliges Aufgehen in dem, was ihn gepackt hat; vor allem aber: Strenge und Souveränität in seinen Formen und Farben.«
DAVID SYLVESTER

»Heute machen wir aus Malern, die noch an der Kunstschule sind, Helden, aber es gibt in diesem Land nur einen Nachkriegsmaler, Frank Auerbach, der in meinen Augen vor seinem 25. Lebensjahr so viel erreicht hat wie Francis Bacon.«
DAVID SYLVESTER

 Und Hans Josephsohn?

Unbekannter Fotograf: Hans Josephsohn mit seiner ersten Frau Mirjam im Sommer 1951 in seinem Atelier an der Bergstrasse in Zürich

Unbekannter Fotograf: Hans Josephsohn mit seiner ersten Frau Mirjam im Sommer 1951 in seinem Atelier an der Bergstrasse in Zürich

Und Hans Josephsohn (1920–2012)? Weshalb habe ich seinen Namen neben jenen von Frank Auerbach in den Titel dieses Beitrags gesetzt? Was haben die beiden miteinander zu tun? Josephsohn war kein Maler, sondern Bildhauer, er lebte in Zürich, nicht in London. Die beiden haben sich nicht gekannt.

Eine wertvolle Du-Nummer

Bei der Arbeit am Hollaus-Buch fiel mir in Zürich die Nummer in die Hand, welche die Schweizer Kulturzeitschrift Du im Mai 2015 Hans Josephsohn gewidmet hatte.

Hans Josephsohn gewidmete Nummer von "Du", Mai 2015 ("Du" 856)

Hans Josephsohn gewidmete Nummer von „Du“, Mai 2015 („Du“ 856)

Eine schöne, sehr reiche Nummer. Da ich mitten in der Auerbach-Arbeit steckte, fielen mir schon beim ersten Anblättern Parallelen zwischen den Ansätzen von Auerbach und Josephsohn ins Auge. Diese Aussage wird die jeweiligen Spezialisten dieser beiden Künstler vermutlich zuerst etwas irritieren.

Denn die beiden Künstler haben mit einiger Wahrscheinlichkeit nie das Werk des anderen im Original gesehen. Vielleicht war ihnen gar der Name des anderen unbekannt. Wie sollen sie sich da beeinflusst haben? Wo sollen da Parallelen herkommen?

Werke von Hans Josephson, darunter, zuvorderst stehend, "Kopf", 1956, Abguss in Messing, 46 x 31 x 36 cm, im Kesselhaus Josephsohn, Foto von 2004

Werke von Hans Josephson, darunter, zuvorderst stehend, „Kopf“, 1956, Abguss in Messing, 46 x 31 x 36 cm, im Kesselhaus Josephsohn, Foto von 2004

Stimmt.

Und es ist auch so: In der mir bekannten Literatur zu Frank Auerbach wird der Name Josephsohn nie erwähnt. Der eben erwähnte Basler Auerbach-Spezialist Invar-Torre Hollaus bestätigt diesen Befund. Und die hervorragende Du-Nummer über Josephsohn, deren Cover ich hier oben abbilde, erwähnt zwar Künstler wie Giacometti, Otto Müller, Cézanne, etc., an die man vor seinem Œuvre denken könne – doch der Name Frank Auerbachs fällt nirgends.

Hans Josephsohn in seinem Atelier, 1978

Hans Josephsohn in seinem Atelier, 1978

(Die sonstige Literatur zu diesem wuchtigen, sehr eindrucksvollen, auf seine Art mächtigen Künstler habe ich bis jetzt nur kursorisch überfliegen und noch nicht lesen können.)

Hans Josephsohn: "Liegende", 1995/2001, Gipsoriginal, 68 x 217 x 57 cm

Hans Josephsohn: „Liegende“, 1995/2001, Gipsoriginal, 68 x 217 x 57 cm

Worin bestehen also die Parallelen, die mir beim Durchblättern besagter Zeitschrift ins Auge gefallen sind?

Darauf möchte ich in zwei Wochen, am Mittwoch den 11. Mai, zu sprechen kommen.

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FRÜHLINGSFERIEN

Der Blog macht zwei Wochen
FRÜHLINGSFERIEN!

HONORÉ DAUMIER: "Ein Leser in einem Garten", Feder und Aquarell auf Papier, Metropolitan Museum of Art, New York (29.100.199), ohne Jahr

HONORÉ DAUMIER: „Ein Leser in einem Garten“, Feder und Aquarell auf Papier, Metropolitan Museum of Art, New York (29.100.199), ohne Jahr

SCHÖNE LEKTÜRESTUNDEN
UND SONST VIELE ERHOLSAME, INSPIRIERENDE,
FRÜHLINGSHAFTE MOMENTE
WÜNSCHT IHNEN

Ihr
Neo-Blogger
Piet Meyer

Der nächste Eintrag auf diesem Blog
erscheint übernächsten Mittwoch, am 27. April.

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Wenn grosse Museen klein aussehen:
JOSEPH CORNELL UND SEIN FREUND KUSAMA
Im Kunsthistorischen Museum in Wien, Teil 2

Yayoi Kusama: EIN MANN?

Vor zwei Wochen beschrieb ich (siehe den ersten Teil dieses Posts), wie in einer JOSEPH CORNELL-Ausstellung im Kunsthistorischen Museum in Wien letztes Jahr auf einer Schautafel mit biografischen Angaben zum Künstler die grosse, immer noch lebende japanische Künstlerin YAYOI KUSAMA (geb. 1929), welche mit Cornell während Jahren in New York amourös liiert war, als Mann bezeichnet wurde.

TATSÄCHLICH: als Mann

Seither habe ich mit verschiedenen kunstaffinen Wienern und Wienerinnen über die Sache gesprochen. Alle sahen hier bloss ein dummes, unglückliches Versehen („kann jedem passieren“), eine vernachlässigbare Mini-Lappalie am Werk – etwas jedenfalls, das sicher nicht lohne, weiter verfolgt zu werden.

Ich möchte dem widersprechen. Ich schilderte ja am Ende des genannten Posts meine (nicht alltägliche) Beziehung zu Flöhen. Als ich vor besagter Schautafel stand, huppfte mich jedenfalls einer an – und kratzt seither. Er ist zwar klein, das gebe ich zu. Doch Kratzen ist unangenehm, deshalb die Fortsetzung dieses Posts!

Ich bitte um Pardon.

Japanische Reaktionen?

Am Schluss dieses Eingangsbeitrags stellte ich die Frage, wie japanische Besucher der Ausstellung, so sie des Deutschen mächtig waren und die betreffende Information lasen, denn dies empfanden? Brachte es sie auf oder waren sie belustigt?

Kein Eklat, immerhin

Zu einem Eklat scheint es jedenfalls nicht gekommen zu sein. Ich habe nirgends in den Wiener Medien im letzten Jahr etwas über diese Sache gelesen. Ich habe auch nicht vernommen – Gott behüte! das wäre der WORST CASE gewesen! – dass der japanische Botschafter Österreichs eine geharnischte Protestnote beim zuständigen Kanzleramtsminister, bei Herrn Josef Ostermayer, derzeit  amtierenden Kulturminister Österreichs, eingereicht hätte.

(Der wäre ja dumm dran gewesen… Hätte Herr Cusama und Frau Kornell googeln müssen, wer mit wem, wie geht denn das?, usw.)

Nun, der Fall ist nicht eingetreten, Gott sei Dank, wie gesagt.

Der Gegenfall

Doch frage ich mich nun, was denn im gegenteiligen Falle geschehen wäre? Also: Es reisen österreichische Kunstfreunde oder Medienleute nach Japan und besuchen in einem dortigen Museum eine Ausstellung austriakischer Kunst. Dort steht zu lesen:

Maria Lassnig was a wonderful artist. He lived and painted in Vienna.

Doof als Fantasie? Was wäre denn in einschlägigen Wiener Gazetten losgegangen? Gelächter! – Doch klar. Weshalb nicht?

Maria Lassnig

Und noch besser ist die Frage, wie denn die Künstlerin, die mutige, die kämpferische, so sie heute noch leben würde, auf die Meldung einer japanischen Neuvergenderung (kann das man so sagen?) reagiert hätte?

Vielleicht hätte sie gekichert und sich gefreut! Sie hat ja in zig Interviews geschildert, wie sehr sie – vor allem in der Frühzeit ihrer Karriere – unter allzu sexistisch eingestellten Männern in der Kunstwelt zu leiden hatte. Jetzt wäre die Sache elegant gelöst: jetzt würde sie jedenfalls in Japan umstandslos als „seinesgleichen“ anerkannt!

Manchmal tut ja auch der Zufall sein Gutes.

Und dann wäre sie schnurrstracks an ein neues grossformatiges Bild gegangen, gehalten in zarten, trotzdem schreienden ROTWEISSEN Nippon/Austria-Farben: darauf sie, pardon: ER, in supermacho Pose, mit einem RIESENPHALLISUSHI in der Hand – und dem Titel darüber, in stolzen Lettern verkündend:

Me, new Austlian man in Tokio – vely vely stlong!

Denkbar.

Nun aber zurück nach Wien in die Joseph Cornell-Ausstellung!

Wie kam es, so fragte sich der pedantische Schweizer in mir, dass ein so (ja, echt: SOO) grosses Museum sich einen derartigen Schnitzer erlauben konnte?

Arbeiteten da nicht genügend Kuratorinnen und Assistentinnen? War ihnen plötzlich ein Sparzwang auf den Kopf gefallen, herunterverdonnert von irgendeinem unsensiblen Ministerium hoch oben?

DEN Eindruck hatte man eingentlich nicht, wenn man dieses Museum in den letzten Jahren besuchte.

So fragte ich mich denn unschuldigst:

Wieviele Leute arbeiteten denn hier überhaupt?

Der Floh war nun in seinem Element, ich spürte ihn – und eilte zur nächsten Kasse. Die junge Dame war sehr freundlich und hilfbereit.

Wieviele Angestellte hat denn ihr Riesenmuseum, fragte ich. Und um sie zu animieren, gab ich eine Schätzung von mir, die sie als zu hoch gegriffen empfand.

Das motivierte. Sie krallte sich die Maus und guckte in den Bildschirm. Um bald zu verkünden:

Das KHM hat 441,5 Angestellte

Huii! Das klang überzeugend! Eine halbe Stelle konnte nicht erfunden sein, das musste eine beamtisch beglaubigte Angabe sein.

Wie haben sie denn das rausgefunden?

Einfach, sagte sie: Sie rufen die hausinterne Webseite auf, gehen zum Bereich Geschäftsführung. Dort finden sie den letzten Geschäftsbericht des Museums, als PDF herunterladbar. Da steht alles Wissenswerte drin.

Oooh! Das ist aber ein Service! Hätt ich nicht erwartet, eine solche Transparenz in einem solchen Riesenpalazzo. Sehr löblich!

Die Zahl war ja gar nicht weit entfernt von meiner ersten Schätzung – was die nette Dame verblüffte. Handkehrum war ich jetzt – allerdings anderweitig – verblüfft:

Unter so vielen Angestellten war niemand, der einen solchen Fehler (Sie erinnern sich: siehe weiter oben) vor der Vernissage dieser sicherlich jahrelang generalstabmässigst, akribischtens vorbereiteten Ausstellung korrigieren konnte?

Meist war es doch so: In den letzten Tagen, in den letzten Stunden vor einer Eröffnung jagte man als motivierter Museumsmensch mit maximal geöffneten (leicht protuberienden) Argusaugen, mit einem letzten scharfen Laser-Kontrollblick durch die Säle und schaute, ob alles seine Stimmigkeit und Richtigkeit hatte.

Oder doch nicht? Jagte hier niemand?

Öööhh

Das konnte vermutlich, langweilig, aber banal, doch nur bedeuten: In diesem – auf Kunstkammer und Brueghel etc. spezialiserten – Riesenmuseum kannte niemand Yayoi Kusama! Traurig, provinziell, fundamental aber – trotzdem wahr.

Mit Ausnahme natürlich der Zweien, welche die Cornell-Ausstellung ausgerichtet, besser: am Cornell-Katalog mitgearbeitet hatten, also von Sabine Haag und Jasper Sharp. Die hätten es – als international versierte Museumsmenschen – sicherlich besser gewusst, waren aber als gefragte (eben: internationale) Topp-Koryphäen verständlicherweise nicht grad vor Ort, halt anderweitig beschäftigt: Für alles hat man ja keine Zeit!

WOFÜR HAT MAN SONST DENN SO VIELE ANGESTELLTE!?

Ja wirklich! Ich bitte Sie… man ist ja

Busy, busy

Womit wir wieder bei unserer Eingangsfrage
von vor zwei Wochen wären:

Ist Grösse immer vorteilhaft?

Bald, nun ja, fast: am Mittwoch, den 25. Mai geht es weiter mit diesem so tief- wie auf-, vielleicht besser: abschürfenden Post zu JOSEPH CORNELL UND SEIN FREUND KUSAMA.

Bleiben Sie uns TREUUU!

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