Archiv: Januar 2016

 
 

SYRISCHES GETÖSE
Die Stimme von NIHAD SIRIS

„Das Getöse, das die Hochrufe und die
Lautsprecher bei unseren Kundgebungen
erzeugen, dient vor allem dazu, das Denken
auszuschalten. Denken be­deutet Widerstand.
Es ist ein Vergehen, ja Verrat am
Führer. Da aber Ruhe und Stille zum
Nachsinnen anregen, werden die Massen
regelmässig zu Brüllor­gien zusammengetrieben.
Das ist notwendig, um die Menschen einer
Gehirnwäsche zu unterziehen und sie von Gedankendelikten
abzuhalten. Wozu sonst wäre ein solches
Höllenspektakel gut? Die Liebe zum Grossen
Führer bedarf keiner Überlegung, sie ist
selbstverständlich. Der Führer verlangt ja auch
nicht, dass man die Liebe zu ihm begründet.“

Nihad Siris: Ali Hassans Intrige. Roman aus Syrien
Aus dem Arabischen von Regina Karachouli
Lenos Verlag, Basel 2008
(diese Sonderausgabe 2014, Seite 22–23)

1

Der Verlag über Nihad Siris:
Nihad Siris, geboren 1950 in Aleppo, Studium der
Ingenieurswissenschaften in Sofia. Seit 1987 schreibt er Romane,
Erzählungen, Theaterstücke und Drehbücher für das Fernsehen.
Der Autor lebt seit 2013 im Exil in Berlin.“

nihad sirees

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SEIN LAND VERLASSEN
Afrika im Gedicht:
TANELLA S. BONI

Poème 1

Nous avons quitté ce pays
Sur la pointe des pieds
Ce pays où les chats
Serrent les dents
Sur fond de désastre
Le silence perché
Sur la moustache
Comme si les hommes
Avaient perdu
La juste vue des choses
Ces choses qui ne sont jamais
De simples choses
La relation humaine
Et le souffle de l’amour
Et le temps qui passe si lentement
Tissant les étoiles
Au bord des précipices
Nous avons quitté ce pays

Le cœur en bandoulière
Et nos peaux en lambeaux
Gardent encore
Le silence indéchiffrable
Collé aux fenêtres
Des grandes illusions
Que les bien-pensants
Acclament
À bras ouverts

TANELLA S. BONI

Auszug aus „La pluie a son mot à dire“
unveröffentlichtes Manuskript

Gedicht 1

Wir haben dieses Land verlassen
auf Zehenspitzen
Dieses Land wo die Katzen
die Zähne zusammenbeissen
angesichts der Katastrophe
Wo die Stille sich über
den Schnurrbart legt
als hätten die Männer
den richtigen Blick
verloren
auf die Dinge, die nie
einfache Dinge sind
Die menschliche Beziehung
Und den Atem der Liebe
Und die Zeit, die so langsam vergeht
und Sterne webt
am Rande des Abgrunds
Wir haben dieses Land verlassen

Das Herz aussen vor
und unsere Haut in Fetzen
bewachen wir noch immer
die unbegreifliche Stille
die sich an die Fenster klebt
Grosse Illusionen
welche die Angepassten
begrüssen
mit offenen Armen

TANELLA S. BONI

Auszug aus „La pluie a son mot à dire“
unveröffentlichtes Manuskript
übersetzt von Lotta Suter und ihrem MitarbeiterInnen-Team

Aus:
AFRIKA IM GEDICHT, herausgegeben von Al Imfeld, Offizin Verlag, Zürich 2015, S. 349;
übersetzt von Lotta Suter und ihrem Team
(© 2016: hier wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung von Al Imfeld und Lotta Sutter, Zürich)

Al Imfeld (Hrsg.): Afrika im Gedicht, Offizin, Zürich 2015

Al Imfeld (Hrsg.): Afrika im Gedicht, Offizin, Zürich 2015

Tanella S. Boni : geboren 1954 an der Elfenbeinküste, studierte in Frankreich, ist heute Professorin in Abidjan (Elfenbeinküste). Hat mehrere Gedichtbände veröffentlicht. Ihre Kunst vereinigt, so Al Imfeld, häufig poetische mit philosophischen Elementen. Ihre zwei letzten Gedichtbände – Gorée île baobab und Ma peau est fenêtre d’avenir – sind 2004 erschienen (nach ibid., S. 795).

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DIE MALENDE ANTHROPOLOGIN
Johanna Kandl im Essl-Museum in Klosterneuburg, Teil 2

Vor einer Woche schrieb ich hier über Johanna Kandl (zu diesem Beitrag). Nun möchte ich in einem zweiten (und letzten) Teil auf weitere Facetten ihres Werkes zu sprechen kommen.

Alte Materialien, alte Metiers

In den letzten Jahren hat sich die Künstlerin intensiv mit Grundmaterialien der Malerei beschäftigt: mit Terpentin, Gummi Arabicum, Mastix oder Leinöl. Sie ist in die Regionen gefahren, wo diese Stoffe früher gewonnen wurden, oder wo dies bis heute geschieht: in den Sudan, nach Tunesien, auf die Insel Chios in die nördliche Ägäis, aber auch ins benachbarte Nieder- und Oberösterreich.

„Deshalb mache ich eine Arbeit über Malmaterialien,
weil auch sie verschwinden. Man sollte ein bisschen etwas über sie erfahren, denn sie tragen poetische Erzählungen in sich.“

Johanna Kandl im Gespräch mit Günther Oberhollenzer,
Johanna Kandl: Konkrete Kunst, Katalog, Essl-Museum, Klosterneuburg, 2015,
(im folgenden „Essl-Katalog“), S. 10

Johanna Kandl: Im Terpentinwald, Hernsteiner Balsamterpentin und Tempera auf Kiefernholz, 2014 (115 x 150 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl)

Johanna Kandl: Im Terpentinwald, Hernsteiner Balsamterpentin und Tempera auf Kiefernholz, 2014 (115 x 150 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl)

Frage von Günther Oberhollenzer an Johanna Kandl:
„Sie beschäftigen sich mit den unsichtbaren Malstoffen.
Wieso haben Sie sich gerade für diese entschieden
und nicht zum Beispiel für die Farben?“

JK:
„Weil sie unsichtbar sind, das find ich besonders schön.“

GO:
„Auch weil sie noch weniger bekannt sind?“

JK:
„Die Unsichtbaren sind fast noch spektakulärer, z.B. das Terpentin ist eine wunderbare Sache, da kann man stundenlang darüber reden. Es wird im Süden von Wien von Föhren (Pinus Nigra Austriaca) gewonnen. Man sieht diese alten Bäume, wie sie so dastehen
und für das Pechern angeschnitten werden. Das sieht aus, also ob Hexen
durch den Wald gegangen wären und hat auch etwas Erotisches.“

Johanna Kandl im Gespräch mit Günther Oberhollenzer, Essl-Katalog, S. 10

In Tunesien und im Sudan hat sie den Anbau und Verkauf von Gummi Arabicum studiert.

Johanna Kandl: Gummi Arabicum, Gummi Arabicum Stücke und Tempera auf Leinwand, 2015 (150 x 100 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl
)

Johanna Kandl: Gummi Arabicum, Gummi Arabicum Stücke und Tempera auf Leinwand, 2015 (150 x 100 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl
)

Auch da haben die Kandls Geschichten der damit beschäftigten Menschen aufgenommen:

„Anbau und Verkauf des Gummi Arabicums ist ein
höchst politisches Thema. Ich war in Tunesien, in einem kleinen Dorf namens Bir Salah. Dort versuchen eine junge Frau, Sarah Toumi und ihr Mann Khalil, Gummi Arabicum-Bäume (also Acacia Senegal) zu setzen, um der dortigen Trockenheit entgegenzuwirken. In diesem winzigen Labor Bir Salah zeigt sich die ganze Dramatik der Region. (…) Ich finde es immer spannend, an etwas ganz Kleinem anzusetzen, dann aber wirklich genau hinzuschauen. Irgendwo habe ich einmal gelesen, Kitsch sei das Ungenaue.“

Johanna Kandl im Gespräch mit Günther Oberhollenzer, Essl-Katalog, S. 8

Helmut & Johanna Kandl: Fotografie von Gegenständen in Vitrine in Ausstellung Johanna Kandl. Konkrete Kunst im Essl-Museum, Klosterneuburg, 2015

Helmut & Johanna Kandl: Fotografie von Gegenständen in Vitrine in Ausstellung Johanna Kandl. Konkrete Kunst im Essl-Museum, Klosterneuburg, 2015

Johanna Kandl: eine Ethnologin mit Herz!

Was ist Kunst?

Die alte Frage. Vor einem Bild von Johanna Kandl kann man sagen: Kunst ist, wenn ein Teppich nicht bloss ein Teppich ist, wenn Stoffballen nicht bloss wie banale Stoffballen daherkommen, sondern durch Mal-Arbeit, durch Mal-Alchemie MEHR geworden sind.

Johanna Kandl: O. T. (Stoffgeschäft), Tempera auf Holz, 2013 (170 x 270 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl
) 



Johanna Kandl: O. T. (Stoffgeschäft), Tempera auf Holz, 2013 (170 x 270 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl
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Dieses Mehr surrt im Kopf. Es weckt Erinnerungen, so dass, vor dem Kandl-Bild stehend, alte Erinnerungsfäden sich mit dem Gesehenen verknüpfen: ein neues Gewebe, ein neues Bild im Kopf entsteht.

Das bringt Johanna Kandl fertig, weil sie nicht nur eine erfindungsreiche, gewissenhafte und faire Forscherin und Ethnologin ist, sondern, im Nachgang, in ihrer hauptsächlichen Arbeit eine hervorragende Künstlerin und Malerin ist.

8-1Johanna Kandl: O. T. (Teppiche), Tempera auf Holz, 2014 (170 x 250 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl
)

Johanna Kandl: O. T. (Teppiche), Tempera auf Holz, 2014 (170 x 250 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl
)

Diese Teppiche auf dem Markt in Tiflis:
Ich denke an das Rote Atelier von Matisse. Das ist doch Musik!

So müsste Ethnologie immer daherkommen.

„Es soll so sein, dass man eine Freude hat, die Bilder anzusehen.“

Johanna Kandl im Gespräch mit Günther Oberhollenzer, Essl-Katalog, S. 13

Humor

Humor ist, vor allem in Randlagen, wenn man trotzdem lacht.

Johanna Kandl: O.T. (When fortune turns the wheel…), Tempera auf Holz, 2013 (30 x 42 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl)

Johanna Kandl: O.T. (When fortune turns the wheel…), Tempera auf Holz, 2013 (30 x 42 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl)

Johanna Kandl: O.T. (Bill, Paris und Donald sind umgezogen), Tempera auf Holz, 2009
 (170 x 250 cm), Courtesy Galerie Zimmermann Kratochwill, Graz (Foto: Helmut & Johanna Kandl
)

Johanna Kandl: O.T. (Bill, Paris und Donald sind umgezogen), Tempera auf Holz, 2009
 (170 x 250 cm), Courtesy Galerie Zimmermann Kratochwill, Graz (Foto: Helmut & Johanna Kandl
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Bei Essl – und bald darüber hinaus?

Das Essl-Museum hat der Künstlerin eine schöne Personale ausgerichtet (9.10.2015–21.2.2016). So nennt man in Österreich eine Einzelausstellung.

Ansicht in der Ausstellung Johanna Kandl. Konkrete Kunst im Essl-Museum, Klosterneuburg, Oktober 2015, Foto Farid Sabha (© Farid Sabha, Wien)

Ansicht in der Ausstellung Johanna Kandl. Konkrete Kunst im Essl-Museum, Klosterneuburg, Oktober 2015, Foto Farid Sabha (© Farid Sabha, Wien)

Ansicht in der Ausstellung Johanna Kandl. Konkrete Kunst im Essl-Museum, Klosterneuburg, Oktober 2015, Foto Farid Sabha (© Farid Sabha, Wien)

Ansicht in der Ausstellung Johanna Kandl. Konkrete Kunst im Essl-Museum, Klosterneuburg, Oktober 2015, Foto Farid Sabha (© Farid Sabha, Wien)

Die Schau, die den witzigen Titel trägt: Johanna Kandl. Konkrete Kunst, hat der Essl-Museumskurator Günter Oberhollenzer zusammen mit den beiden Kandls eingerichtet. Die Ausstellung ist gelungen, der Katalog lohnt die Lektüre.

Katalog der Ausstellung "Johanna Kandl. Konkrete Kunst" im Essl-Museum, Klosterneuburg, 2015 (mit Beiträgen von Agnes Essl, Günther Oberhollenzer, Barbara Steiner und Michaela Nagl)

Katalog der Ausstellung „Johanna Kandl. Konkrete Kunst“ im Essl-Museum, Klosterneuburg, 2015 (mit Beiträgen von Agnes Essl, Günther Oberhollenzer, Barbara Steiner und Michaela Nagl)

Ich muss aber gestehen, dass ich von einer wirklich grossen Kandl-Ausstellung träume. Einer reichen Ausstellung. Die so umfassend ist wie jede schöne Retrospektive eines Matisse oder Picasso. Wer macht sie? Es gäbe da viel zu entdecken.

Nochmals Essl: Eine wahre Geschichte

Johanna und Helmut Kandl zeichnen nicht nur die Geschichten auf, die anderen widerfahren (sind). Sie erleben auch selbst welche. Die Erinnerung an eine solche hängt gleich im Eingang der gegenwärtigen Essl-Ausstellung.

Auf diesem Bild ist das frühere Farbengeschäft der Eltern Kandl in Wien-Floridsdorf dargestellt. Hier ist Johanna Kandl aufgewachsen. Hier hat sie ihre Liebe zu Pigmenten und Malmitteln entdeckt. Der Vater stellte noch eigenhändig Farben her.

Dieses Geschäft ging unter, wie viele andere aus der Welt des Kleinhandels, als die

Johanna Kandl: O.T. (Farbhandlung), Tempera und Ölfarbe auf Leinwand, 2009
 (115 x 150 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl
)

Johanna Kandl: O.T. (Farbhandlung), Tempera und Ölfarbe auf Leinwand, 2009
 (115 x 150 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl
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grossen Baumärkte aufkamen, die dasselbe Mal-Sortiment ihren Kunden viel billiger anbieten konnten.

Die wichtigste derartige Kette in Österreich war jene, die Karlheinz Essl (geb. 1939) zusammen mit seiner Frau Agnes Essl ab den frühen 60er Jahren aufbaute: die bauMax-Kette. Seine Filialen haben das alte Kandl’sche Geschäft im 21. Wiener Gemeindebezirk, an der Brünner Straße 165 in Floridsdorf, in den Ruin getrieben.

Reich geworden, haben Herr und Frau Essl ihre Liebe zur Kunst entdeckt. Sie begannen zu sammeln. Vor rund zwanzig Jahren stiessen sie auf die Künstlerin Johanna Kandl. Sie erwarben einige ihrer Werke und nahmen diese immer wieder in Gruppenausstellungen in ihrem Museum auf.

Jetzt widmen sie ihr in ihrem Haus eine erste Einzelausstellung.

Schliesst sich damit ein Kreis? Das wäre in meinen Augen zu voreilig, zu plump, zu simpel-beschönigend formuliert. Vor allem, wenn man damit meint: „Ende gut – alles gut“.

Sicher ist: Hier haben wir eine typische Kandl’sche Geschichte vor uns: Eine reale, traurige Geschichte, die, wie man sagt, das Leben geschrieben hat. Eine Geschichte, die allerdings, wenn man besagte Ausstellung besucht, einen versöhnlichen Ausklang kennt.

Text „Nur Scheiße“ von Helmut Kandl, in: Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories, Fotohof Edition, Salzburg 2005, S. 180

Text „Nur Scheiße“ von Helmut Kandl, in: Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories, Fotohof Edition, Salzburg 2005, S. 180

I will prevail!

So heisst ein Bild von Johanna Kandl von 2007.

 Johanna Kandl: O.T. (I will prevail), Tempera auf Leinwand, 2007 (150 x 105 cm), © Sammlung Essl, Klosterneuburg /Wien (Foto: Mischa Nawrata, Wien)

Johanna Kandl: O.T. (I will prevail), Tempera auf Leinwand, 2007 (150 x 105 cm), © Sammlung Essl, Klosterneuburg /Wien (Foto: Mischa Nawrata, Wien)

Das wünschen wir auch der Künstlerin! Lange, glücklich und fleissig soll sie weiterarbeiten, und so aufmerksam, weise und voller Schalk auf die Dinge dieser Welt blicken wie eh und je.

„Und als ältere Frau ist es das Beste! Ich habe mir
schon gedacht, wenn ich noch älter bin, dann gehe ich mit einer Einkaufstasche in ein Atomkraftwerk. Das ist mir egal, denn das schaut so blöd aus, das man mir nichts tut.“

„Malerei ist natürlich eine Form von Konzentration. Ich finde das Element des Langsamen oder des Mühsamen schön, denn fast alle meine Bilder handeln auch von etwas Mühsamen.“

Johanna Kandl im Gespräch mit Günther Oberhollenzer, Essl-Katalog, S. 7 + 8

Farid Sabha: Johanna Kandl in ihrem Atelier in Wien, Fotografie (© Farid Sabha, Wien)


Farid Sabha: Johanna Kandl in ihrem Atelier in Wien, Fotografie (© Farid Sabha, Wien)

Baku, 1995, Fotografie von Helmut und Johanna Kandl, in: Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories, Fotohof Edition, Salzburg 2005, S. 206

Baku, 1995, Fotografie von Helmut und Johanna Kandl, in: Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories, Fotohof Edition, Salzburg 2005, S. 206

(Die Ausstellung im Essl-Museum dauert bis 21.2.2016. – Vielen Dank an Regina Holler-Strobl und Erwin Uhrmann von der Presseabteilung des Essl-Museums in Klosterneuburg, welche viele der hier verwendeten Bildvorlagen freundlichst geliefert haben. Und Dank natürlich an Johanna und Helmut Kandl für die Genehmigung, diese, sowie andere Bilder aus ihrer Produktion hier zeigen zu dürfen.)

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DIE MALENDE ANTHROPOLOGIN
Johanna Kandl im Essl-Museum in Klosterneuburg, Teil 1

Ich kann mich an den Bildern von Johanna Kandl nicht satt sehen. Sie sind klug, oft witzig, sehr hintergründig, hervorragend gemalt; sie erzählen Geschichten, denen ich immer wieder lauschen möchte.

Johanna Kandl: O.T. (Food is the new oil), Tempera auf Holz, 2013
 (30 x 42 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl
)

Johanna Kandl: O.T. (Food is the new oil), Tempera auf Holz, 2013
 (30 x 42 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl
)

Ihre Werke sind getragen von grosser Menschlichkeit, von Anteilnahme am Geschick von Menschen, die häufig am Rande der Gesellschaft leben, an Orten, wo kaum einer gross hinschaut. Johanna Kandl sucht gerne solche Randlagen auf, zusammen mit ihrem Mann Helmut Kandl.

Ihr Blick auf die Menschen, denen sie da begegnet, ist immer persönlich und ruhig, unspektakulär und unvoyeuristisch. Die Art, wie sie später in ihrer Kunst – auf direkte oder indirekte Weise – über diese Begegnungen berichtet, bleibt immer frei von Pathos, Kitsch oder Sentimentalität.

Museumsinsel, Berlin, 2004, Fotografie von Helmut und Johanna Kandl, in: Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories, Fotohof Edition, Salzburg 2005, S. 22

Museumsinsel, Berlin, 2004, Fotografie von Helmut und Johanna Kandl, in: Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories, Fotohof Edition, Salzburg 2005, S. 22

Sopot (Zoppot), Polen, 2004, Fotografie von Helmut und Johanna Kandl, in: Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories, Fotohof Edition, Salzburg 2005, S. 297

Sopot (Zoppot), Polen, 2004, Fotografie von Helmut und Johanna Kandl, in: Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories, Fotohof Edition, Salzburg 2005, S. 297

Sonntag in Mähren, 2001, Fotografie von Helmut und Johanna Kandl, in: Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories, Fotohof Edition, Salzburg 2005, S. 205

Sonntag in Mähren, 2001, Fotografie von Helmut und Johanna Kandl, in: Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories, Fotohof Edition, Salzburg 2005, S. 205

Helmut Kandl

Johanna arbeitet oft mit ihrem Mann Helmut Kandl zusammen. Er ist selber ein begabter Künstler – und begnadeter Organisator. Die beiden scheinen sich, von aussen gesehen, ideal zu ergänzen. Hier sind die Rollen für einmal vertauscht: dient der Mann der Frau zu. Helmut macht das mit Grandezza, Noblesse, Charme und Humor.

Sie sind ein schönes Paar.

Randlage

Was die beiden verbindet: Sie sind in einer Zone geboren, die zu Zeiten des Eisernen Vorhangs am äussersten Rande der damaligen westlichen europäischen Welt lag – und auch deshalb lange arm und benachteiligt blieb. Sie entstammen, das Wort ist schon gefallen, einer Randlage.

Ihre Liebe zu den Rändern hat alte Wurzeln.

Text „Aufgewachsen in einem Dorf im Weinviertel“ von Helmut Kandl, in: Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories, Fotohof Edition, Salzburg 2005, S. 117

Text „Aufgewachsen in einem Dorf im Weinviertel“ von Helmut Kandl, in: Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories, Fotohof Edition, Salzburg 2005, S. 117

Text „Randlage“ von Helmut und Johanna Kandl, in: Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories, Fotohof Edition, Salzburg 2005, S. 115

Text „Randlage“ von Helmut und Johanna Kandl, in: Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories, Fotohof Edition, Salzburg 2005, S. 115

„Was für andere Künstler der Sex, ist für mich der Handel.“

Johanna Kandl: O.T. (Mosaik), Tempera auf Holz, 2014 (80 x 50 cm), Courtesy Privatsammlung (Foto: Helmut & Johanna Kandl 
)

Johanna Kandl: O.T. (Mosaik), Tempera auf Holz, 2014 (80 x 50 cm), Courtesy Privatsammlung (Foto: Helmut & Johanna Kandl 
)

„Das sind ja alles lauter Tandler, die ich zeige, die machen kein großes Geschäft. Diese Dame (O.T. [Mosaik]) rennt mit dem Brot herum, und so renne ich auch mit der Malerei herum.“

Johanna Kandl im Gespräch mit Günther Oberhollenzer,
Johanna Kandl: Konkrete Kunst, Katalog, Essl-Museum, Klosterneuburg, 2015,
(im folgenden „Essl-Katalog“), S. 8 + 11

Venedig im Sommer

Venedig – Sommer – die Biennale ruft. Das kunstinteressierte Publikum reist an: die Pinaults und all die andern. Die jungen Afrikaner sind auch da und bieten auf der Hafenmole Taschen und anderes feil. Sie werden, ausser von den Schnäppchenjägern, kaum beachtet. Man ist schliesslich da, um Kunst zu sehen, Leute zu treffen, gut zu essen. Man ist anderweitig beschäftigt.

Inv. Nr. 5515; Essl Museum; Künstler: Johanna Kandl, Titel: Carnival Liberty; Tempera auf Holz, 2006, HoR 241 cm, BoR 170 cm, Repro: Mischa Nawrata

Johanna Kandl: O.T. (Carnival Liberty), Tempera auf Holz, 2006 (241 x 170 cm), Sammlung Essl Klosterneuburg/Wien (Foto: Mischa Nawrata, Wien
)

Anders Johanna Kandl. Sie hat Zeit. Und Augen und Ohren und ein Herz. Sie bleibt stehen.

Marlies Cermak
: Porträt Johanna Kandl, Fotografie

Marlies Cermak
: Porträt Johanna Kandl, Fotografie

Sie stellt die Afrikaner auf der venezianischen Mole in den Vordergrund. Der Betrachter versteht, was Sache ist, auch wenn ihr Bild keine Anklage erhebt. Es ist spannungsvoll aufgebaut, präzise konstruiert, hervorragend gemalt. Alles steht klar, fast transluzid da: ins schöne venezianische Licht gestellt, das schon Tizian und Tintoretto inspiriert hat.

Der Afrikaner rechts im Vordergrund des Bildes: Er schaut in die Ferne, wie übers Meer, nach der alten Heimat? Denkt er an die Zukunft? Oder schaut er sich nur nach Kundschaft um?

Es ist, als würde das Bild eine Frage stellen. Welche? Auch der in Klammer genannte Bildtitel, sicherlich auf das Schiff im Hintergrund verweisend, stellt Fragen: Carnival? Karneval? Liberty? Freiheit? wo denn, wie? Sind das nicht einfach Marketingfloskeln? Eingesetzt von Schiffseignern und Reiseveranstaltern, die – wie die Afrikaner – auch was zu verkaufen möchten?

Überall regiert heute die allgegenwärtige Glitzer-Nippes-Konsumwelt – an jedem Strand, an jeder Mole, an jeder Meile.
Karneval von Venedig – das war mal.

Fragen, nur Fragen

Antworten sind was für Experten. Johanna Kandls Bilder sind eher im Fragemodus gehalten. Wahrheit und Realität sind eine komplexe, keine fixe, ein für allemal einzementierte Sache. Wie soll da eine Künstlerin, ein Künstler Antworten, gar definitive Antworten geben können?

Wie unsere Nachtträume, die wir oft nicht verstehen, schafft Kandl Bilder, die zuerst Fragen aufwerfen: Fragen, die keine schnelle Antwort finden, die als solche stehenbleiben wollen – ja eine Weile stehenbleiben müssen.

Das ist schön. So muss, glaube ich, Kunst sein.

Johanna Kandl: O.T. (Is our economy broken?), Tempera auf Holz, 2014 (100 x 150 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl)

Johanna Kandl: O.T. (Is our economy broken?), Tempera auf Holz, 2014 (100 x 150 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl)

Johanna Kandl: O.T. (And then, one day), Tempera auf Holz, 2007
 (30 x 42 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl
)

Johanna Kandl: O.T. (And then, one day), Tempera auf Holz, 2007
 (30 x 42 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl
)

Experten, wie Politiker, verdienen im Gegensatz dazu ihr Brot häufig damit, Antworten – fixe, schnelle, wahre, hässliche, eindrucksvolle, mächtige, redundante, komplizierte, definitive, verschleiernde, verkürzende, abstossende, brutale, und und und – zu geben.

Statt zuerst in Ruhe Fragen zu stellen, richtige, gute Fragen zu stellen. Und diesen Raum zu geben.

Johanna und Helmut Kandl kennen das Leben. Sie müssen nicht um Stimmen buhlen, auch nicht mit ihrer Kunst. Sie wissen, dass laute Nur-Antworten oft keine Antworten sind. Dass sie nur zu neuer Enttäuschung führen. Immer wieder neu.

Ihr Interesse ist anders. Sie wollen zuerst hinhören und hinschauen.

Reisen und Feldforschung

Wie eine Anthropologin reist Johanna Kandl seit Jahrzehnten zusammen mit Helmut in die Welt hinaus und besucht – manchmal auch sehr entlegene – Orte und Menschen. Sie befragt diese, hört ihnen zu, bleibt eine Weile bei ihnen und verhält sich dabei nicht wie eine Touristin, die nur auf rasche, oberflächliche, konsumistische Erholungskicks aus ist.

Johanna Kandl: Let a hundred flowers blossom, Tempera und Gummi Arabicum auf Leinwand, 2015 (115 x 150 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl)

Johanna Kandl: Let a hundred flowers blossom, Tempera und Gummi Arabicum auf Leinwand, 2015 (115 x 150 cm), Courtesy die Künstlerin (Foto: Helmut & Johanna Kandl)

Gemüsegroßmarkt, Belgrad, 2004, Fotografie von Helmut und Johanna Kandl, in: Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories, Fotohof Edition, Salzburg 2005, S. 284

Gemüsegroßmarkt, Belgrad, 2004, Fotografie von Helmut und Johanna Kandl, in: Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories, Fotohof Edition, Salzburg 2005, S. 284

Überall nehmen die Kandl Geschichten auf.

Bücher

Diese Geschichten finden Eingang in ihr Werk: in die Bilder von Johanna; in die zahlreichen, oft sehr gescheiten, komisch-witzigen Videos, welche das Ehepaar in der Regel gemeinsam erstellt; und schliesslich in die Bücher, die ebenfalls ihren ganz einen eigenen Charme haben:

Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories Fotohof Edition, Salzburg 2005

Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories Fotohof Edition, Salzburg 2005

Helmut & Johanna Kandl: STORIST, Fotohof Edition, Salzburg 2012

Helmut & Johanna Kandl: STORIST, Fotohof Edition, Salzburg 2012

Wie alle Völkerkundler und Volkskundler dieser Welt geben die Kandl in diesen Büchern (und Videos) jenen eine Stimme, die der Mainstream in der Regel negiert, übersieht, für nichtig und uninteressant erklärt hat – einfach, weil sie fürs grosse kapitalistische Räderwerk und Schauspiel als zu unsexy gelten.

Text „Der Kinderatlas“ von Helmut und Johanna Kandl, in: Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories, Fotohof Edition, Salzburg 2005, S. 114

Text „Der Kinderatlas“ von Helmut und Johanna Kandl, in: Helmut & Johanna Kandl: business or pleasure – photos & stories, Fotohof Edition, Salzburg 2005, S. 114

Nächste Woche (13.1.) werde ich diesen Beitrag über Johanna Kandl fortsetzen. Bis dann sollte man unbedingt, wenn man in Wien oder Umgebung lebt, die sehr schöne Ausstellung, welche das Essl-Museum in Klosterneuburg der Künstlerin ausgerichtet hat, besuchen – falls man dies nicht schon getan hat:

Johanna Kandl. Konkrete Kunst

Zu sehen nur noch bis zum 21. Februar.
Deshalb Beeilung!

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EIN ANFANG:

Zuallererst:
Ein gutes Neues Jahr allen Besucherinnen und Besuchern dieses Blogs.
Gesundheit, Glück und Erfolg und vieles mehr sollen uns alle begleiten.
Ich freue mich, Sie hier willkommen zu heissen.

„Kunst, Ethnologie, Literatur, Alltag, Politik“ – weite, mitunter inspirierende Gebiete, aus denen hier immer wieder berichtet werden soll, von mir, aber auch, wenn immer möglich, von Gast-Autorinnen und -Autoren.

04_04Diese Berichte werden verschiedenartig ausfallen. Journalistisch, dokumentarisch, witzig, poetisch, kurz, superkurz, fragmentarisch, enigmatisch, literarisch, schnippisch, subjektiv, komisch, persönlich – falls damit auch Nicht-Persönliches mitberichtet wird.

Ein Minimal-Anspruch an intellektueller Redlichkeit und stilistischer Schreibequalität soll aber immer gewahrt bleiben – was immer dies im Einzelnen bedeuten wird.

Das bedeutet: Dieses Blog-Gefäß soll ein offenes sein.

Stil- und Themenvielfalt

Der stilistischen Offenheit wird das breite Themenspektrum antworten. Die im Banner genannten Themenbereiche („Kunst, Ethnologie, …“) decken ja Einiges ab. Es darf aber auch Anderes zur Sprache kommen. Funken, poetische oder andere, lassen sich aus mancherlei Stoff schlagen.

Wenn dieser Blog wie ein Piratenschiff eine Flagge gehisst hätte, würde auf dieser die Maxime des australischen Dichters und Literaturkritikers Les Murray (geb. 1938) stehen:

„Also, ich interessiere mich nur für alles.“

02_04

Das bedeutet:

Bei diesem Blog handelt sich weder um einen klassischen,
um Objektivität, Nüchternheit oder Vollständigkeit bemühten
INFORMATIONSBLOG,
noch um einen
VERLAGSBLOG,
auch wenn der Schreiber dieser Zeilen im Hauptberuf Buchverleger ist.

Diese Schreibe-Plattform will – wenn immer möglich – eines: inspirieren. Sie will in Ansatz und Stil lebendig und quirlig sein. Freude ist erlaubt, Wahrheit, Offenheit und Schönheit sind erwünscht. Der Blog darf mit Unerwartetem aufwarten, auf Vergessenes hinweisen.

Das Leben überrascht uns ja alle immer wieder, positiv wie negativ.
Dieser Blog darf dasselbe.

Zwei Dinge werde ich hier meiden:

  • Mainstream-Dinge: Erstens finde ich solche oft langweilig. Zweitens haben sie in der Regel eh schon anderswo ihr Forum.
  • Blödsinn, Hass, Verleumdung, Flunkerei und Unwahrheit haben hier nichts zu suchen.

02_03

Sinn und Zentrum dieses Blogs

Wenn so vieles zur Sprache kommen darf, ist die Frage legitim: Hat dieser Blog einen roten Faden, eine Richtschnur?

Zwei Dimensionen locken mich:

Einmal das Poetische – das, was man den poetischen Blick auf die Welt nennen kann: Ein Blick, der immer auch das Abseitige, Verzweigte, Verschrobene, Abwegige, Schöne im Unscheinbaren sehen will.

Gedichte aber, also jene Textformen, die das Poetische zu ihrem eigentlichen Sinn und Zweck erhoben haben, sollen hier nicht im Zentrum stehen. Sie werden zwar ab und zu zitiert werden; dies aber nur am Rande.

Ich interessiere mich mehr für das Poetische, das wie in anderem Kleide daherkommt, sich dem ersten Blick vielleicht nicht erschliesst. Wie Komik oder Tragik kann Poesie an unerwarteten Orten nisten.

Doch nur Schöngeistiges soll hier nicht das Zentrum sein

Die Welt ist nicht in Ordnung. Das ist nichts Neues. Jeder, der es vermag, muss sich heute Gedanken machen, wo er steht, wofür er einstehen oder vielleicht sogar kämpfen mag.

Eine zweite Achse für diesen Blog will ich deshalb so beschreiben: Es soll immer wieder die Sprache sein von Dingen, denen – aus meiner Wahrnehmung – ein SUBVERSIVES Element zukommt. Dieses hinterfragende Element muss nicht mit lauten Trompeten und Fanfaren daherkommen. Im Gegenteil. Plakatives, allzu Schrilles empfinde ich, wie den Mainstream, auch oft als langweilig. Wie alles, was zu offensichtlich gestrickt ist.

Auch hier kann das Versteckte und Stille in die Mitte gerückt werden.

Subversives

Das Subversive: ein Wort, das, wenn ich mich nicht täusche, seit Jahrzehnten jeder Mode entfallen ist.

Die Freibeuterschriften von Pier Paolo Pasolini, erschienen im Wagenbach Verlag in Berlin (deutsche Erstausgabe 1978; diese Ausgabe 1998; italienische Originalausgabe 1975)

Die Freibeuterschriften von Pier Paolo Pasolini, erschienen im Wagenbach Verlag in Berlin (deutsche Erstausgabe 1978; diese Ausgabe 1998; italienische Originalausgabe 1975)

Seit den Zeiten von Pier Paolo Pasolini (1922–1975) und Herbert Marcuse (1898–1979), also seit den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts, hat dieses Wörtchen viel von seiner Aura verloren. Vom Eindimensionalen Menschen spricht heute kaum mehr jemand.

Isolde Ohlbaum: Herbert Marcuse, Fotografie, späte 1970er Jahre

Isolde Ohlbaum: Herbert Marcuse, Fotografie, späte 1970er Jahre

Zeit deshalb, an diese und ähnliche Denker zu erinnern und zu sehen, ob ein solches Denken wo auch immer, im wie Kleinen oder Grossen auch immer, weiter vorangetrieben werden kann. Hoffnung muss sein: als Prinzip und auch sonst.

Ich bin Romantiker. Subversives ist für mich wie das Salz, welches mir eine Sache oft erst schmackhaft macht. Es ist eine Qualität, die wie ein Spurenelement Zukunft enthalten kann, lebenswertere Zukunft verspricht: eine Zukunft, die ich mir als etwas weniger von ökonomischem Kalkül diktiert, einen Tick menschenwürdiger und sogar poetischer vorstelle als die Gegenwart.

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Ein Träumeblog! … werden Sie sagen.
Ja, stimmt. Vielleicht.

Auch dieses feine Subversions-Salz kann sich, wie das Poetische, überall finden. In Romanen und Gedichten, in Filmen und Kunstwerken, in soziologischen, philosophischen, ökonomischen oder politologischen Abhandlungen. Und in Alltagspraxis: in politischer oder sonstwie praktisch ausgerichteter Arbeit.

Mutige KünstlerInnen

Es gibt Künstlerinnen und Künstler, die – auch heute – als subversiv bezeichnet werden können. Künstler, die nicht hauptsächlich an Markterfolg denken, sondern in ihrer Arbeit immer auch den Blick auf Grösseres: auf Gesellschaftliches, Ökonomisches, Politisches, Ideologisches, auf Natur, Transzendentes, was immer, mitgerichtet haben. Künstler, die den Status Quo in der Welt nicht einfach deshalb schon patent finden, weil sie damit gut fahren und Erfolg haben, und diesen Status durch ihre Arbeit nicht automatisch weiter zementiert sehen wollen.

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Es mag Menschen geben, die an der Lauterkeit solchen künstlerischen Tuns heute zweifeln mögen. Menschen, die vielleicht allzu oft den wie auf einer weltweiten Sportveranstaltung erzielten neusten Kunstmarkt-Rekorden ihr Ohr geliehen haben. Diese Nachrichten sind Gift. Sie lenken von der eigentlichen Kunst ab und nehmen vielen die Freude und unvoreingenommene Neugierde auf Künstler und Kunst.

Künstler, die ich als wahrhaft subversiv empfinde, die aber auch echte Künstler sind, also nicht schablonenmässig einem fixen Polit- oder Ideenprogramm entlangarbeiten, sind:

Johanna Kandl

Johanna Kandl: O.T. (keep calm), Tempera auf Holz, 2014
 (35 x 50 cm, Courtesy die Künstlerin, Foto: Helmut & Johanna Kandl
)

Johanna Kandl: O.T. (keep calm), Tempera auf Holz, 2014
 (35 x 50 cm, Courtesy die Künstlerin, Foto: Helmut & Johanna Kandl
)

oder

Gabriele Sturm

Gabriele Sturm: Installation, Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Innsbruck, 2014 (© Gabriele Sturm)

Gabriele Sturm: Installation, Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Innsbruck, 2014 (© Gabriele Sturm)

Auf beide werde ich zurückkommen.

Tierphilosophie

Subversiv ist für mich auch die Arbeit von Markus Wild, Professor für Tierphilosophie an der Universität Basel. Er denkt Tiere anders als man dies in unseren abendländischen Breitengraden seit über 2000 Jahren tut.

Markus Wild: Tierphilosophie zur Einführung, (Junius Verlag, Hamburg 2008; auf dem Cover, laut Impressum, ein Foto mit einem Thinking Chimpanzee)

Markus Wild: Tierphilosophie zur Einführung, (Junius Verlag, Hamburg 2008; auf dem Cover, laut Impressum, ein Foto mit einem Thinking Chimpanzee)

Tiere haben in unserer Kultur seit Platon und Aristoteles einen präzise umrissenen philosophischen Status. Die Frage, ob sie denken können, ob sie Bewusstsein besitzen, usw., wird meist negativ beantwortet. Ausnahmen zu dieser Denktradition hat es nur wenige gegeben:

„… no truth appears to me more evident,
than that beast are endow’d
with thought and reason as well as man.“
David Hume: A Treatise of Human Nature, 1738, I, 3, xvi
(zit. durch Perler und Wild in Geist der Tiere, S. 7)

Markus Wild stellt in diesem schwierigen Feld alte Fragen:

Dominik Perler und Markus Wild (Hrsg.): Der Geist der Tiere. Philosophische Texte zu einer aktuellen Diskussion, Suhrkamp (taschenbuch wissenschaft 1741, Frankfurt 2005)

Dominik Perler und Markus Wild (Hrsg.): Der Geist der Tiere. Philosophische Texte zu einer aktuellen Diskussion, Suhrkamp (taschenbuch wissenschaft 1741, Frankfurt 2005)

Und findet neue Antworten. Das hat Folgen.

Ausgehend von seinen Forschungen kritisiert er zum Beispiel die Leiter zoologischer Gärten. Er sieht diese in zeittypischer Weise allzu sehr von Gewinnmaximierungs-Vorstellungen geleitet. Was Blockbuster-Werke wie jene von van Gogh, Gauguin, Matisse oder Picasso für quotenbegeisterte Kunstmuseen darstellen, sind in seinen Augen die „Knüller-Tiere“ für den Zoo: Elefanten, Bären und Tiger – grosse Tiere, die auf allzu engem Raum gehalten werden.

Das Argument der Zoodirektoren, so werde Artenschutz betrieben, lässt Wild nicht gelten. Er sieht hier wie gesagt primär wirtschaftsorientiertes Handeln am Werk, ein Handeln, welches das Recht des Stärkeren ganz selbstverständlich für sich in Anspruch nimmt, wie anderswo, wo im Namen von Profitdenken brutal und egoistisch gehandelt wird.

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Schluss

Bevor dieser Beitrag zu lange wird, höre ich auf. Schliesslich habe ich in den letzten Wochen, seit ich diesen Blogstart anvisiert habe, immer wieder gehört, man solle nicht zu lange Posts schreiben. Niemand lese gerne im Internet.
Vielleicht stimmt das.

DESHALB ist hier mal Schluss. Ein mit ANFANG II überschriebener Beitrag wird in zwei-drei Wochen den Faden da wieder aufnehmen, wo wir ihn im Moment liegenlassen.

08_02

Jetzt gilt:

Willkommen!

Sie sind willkommen! Als LESERINNEN und als LESER. Und Sie sind willkommen als KOMMENTATORINNEN und KOMMENTAROREN. Deshalb ist am Ende jeden Beitrags ein Kommentar-Link eingefügt (siehe ganz unten: „Hier Kommentar schreiben“), der zu einem leeren Kommentarfenster führt – einem Fenster, das nur darauf wartet, mit Fragen, klugen Bemerkungen, mit Anregungen oder netter Ermunterung gefüllt zu werden.

Und schliesslich sind Sie hier auch als Gast-Autorinnen und Gast-Autoren willkommen, als GAST-BLOGGER. Weshalb nicht? Probieren Sie es aus! Schicken Sie mir Ihren Beitrag. Wenn dieser interessant ist und zur Ausrichtung des Blogs passt, werde ich ihn hier gerne einstellen. Da Beiträge immer mittwochs erscheinen, können Sie per Mail bei mir (mail@pietmeyer.ch) „Ihren Mittwoch“ im Voraus reservieren, irgendwann im Jahr – für Ihren Text! Der Blog-Wirt nimmt Reservationen gerne entgegen!

Die Namen der Gast-Blogger werden in der Seitenleiste (hier zur Rechten) in einer eigenen Rubrik aufgeführt werden, samt Listung aller, wie man sagt, GEPOSTETEN BEITRÄGE.

AUF GEHT’s!

Zum Rhythmus:

 Beiträge auf diesem Blog erscheinen
EINMAL PRO WOCHE, IMMER MITTWOCHS

Ca veut dire: à très bientôt, à mercredi prochain, le 6 janvier!
Welcome to the New Year!

02_02PS: Die im Banner und in diesem ersten Beitrag auftauchenden roten anthropomorphen Figuren stammen aus dem Gebiet der Dogon in Mali. Die ersten Ethnologen, die sich ihnen gewidmet haben, waren Marcel Griaule (1898–1956) und seine Kollegen. Sie haben das Dogon-Gebiet im damals frankophonen Westafrika ab 1931 immer wieder zu längeren Forschungsaufenthalten aufgesucht. Ich werde in einem eigenen Beitrag auf diese enigmatischen, lebendig-poetischen Figuren zurückkommen.

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